Dies ist der zweite Teil von „Nackt im Netz“. Wenn Ihr Teil eins noch nicht gehört habt, fangt am besten da an. Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Revenge Bytes“.
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09.06.2026 16:02 Uhr |

Dies ist der zweite Teil von „Nackt im Netz“. Wenn Ihr Teil eins noch nicht gehört habt, fangt am besten da an. Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Revenge Bytes“.
Die deutsche Produktion verantworten Isabel Grünewald und Marko Pauli von heise online. Der Podcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen und kann hier abonniert werden.
Mit dieser Folge endet Staffel 2 der Darknet Diaries auf Deutsch. Aber keine Sorge, die dritte Staffel ist bereits in Planung und startet im Herbst 2026.
JACK: Bisher haben wir gehört, wie die Zwillingsschwestern Madison und Christine über Jahre hinweg von einer unbekannten Person massiv im Internet belästigt wurden. Was mit ein paar Nip-Slip-Fotos auf 4chan begann, eskalierte zu einer jahrelangen Hetzkampagne mit der Veröffentlichung von Privatadressen, Anrufen bei Vorgesetzten und unzähligen anonymen Drohungen. Selbst die Nacktfotos von Christine, die eigentlich nie hätten existieren dürfen, landeten im Netz – ein Verrat durch den eigenen Freund. Gemeinsam mit Christines Mann Dana fingen die beiden an, selbst zu ermitteln und sammelten Hinweise auf Plattformen wie 4chan. Im zweiten Teil verfolgen wir, wie es ihnen gelingt, dem Täter immer näher zu kommen – und welche Hindernisse sie dabei überwinden müssen, vor allem da die Polizei sich weigert zu helfen.
Die beiden Schwestern, Madison und Christine, wurden seit Jahren von einer Person oder einer Gruppe von Leuten belästig. Es wurde immer schlimmer und steigerte sich bis zu dem Punkt, an dem beide psychische Zusammenbrüche erlebten und kaum noch funktionsfähig waren. Diese Belästigung sickerte in jeden Aspekt ihres Lebens, und es hörte nicht auf. Sie hielten fest, was sie konnten, dokumentierten alles, suchten nach Hinweisen, wer dafür verantwortlich sein könnte, kamen aber bei der Aufklärung nicht wirklich weiter. Dennoch verfolgten sie das Geschehen sehr aufmerksam und beobachteten alles.
MADISON: Was er postet – es ist so schwer zu erklären. Wir waren so lange in dieser 4chan-Welt drin, dass es für normale Leute verrückt klingt, die wahrscheinlich – die meisten – ich wüsste das alles nicht, wäre da nicht das hier gewesen. Auf 4chan ist es anonym, aber oft haben sie ihre Gespräche dann auf Kik verlagert. K-I-K ist die Messaging-Plattform. Auch ein anonymes Messaging-System. Und ich erkläre das gerade jemandem, der das beruflich macht, also höre ich jetzt auf.
JACK: Okay, also Kik. Ein paar Dinge dazu, im amerikanischen Original-Podcast existiert ne ganze Folge über Kik. Was ich beim Recherchieren für diese Folge gelernt habe: Kik ist ein Magnet für übles Verhalten. Es ist ne Chat-App wie Discord oder Slack, aber gibt da keinerlei Moderation. Chaträume können also voller illegaler Aktivitäten sein, offen für jeden, der sie finden und teilnehmen will. Warum diese App nicht aus dem Google- oder Apple-Store verbannt wird, ist mir ein Rätsel, aber es ist sehr klar, dass Kik viele Probleme hat und im Grunde eine Geißel der Menschheit ist. Wenn diese Person also Nacktfotos von Christine und Madison auf 4chan postete, hat er manchmal seinen Kik-Benutzernamen mit angegeben. Falls jemand ihn dort als Freund hinzufügen wollte.
CHRISTINE: Wir versuchten also, diese Benutzernamen, die er hinterließ – also die Benutzernamen, die mit dem verbunden waren, was er auf 4chan postete – zu verknüpfen. Wir schauten, was diese Leute posteten. Wir sahen: Hey, schreib mich auf Kik an unter „Kik-Name hier einfügen", fanden die, die mit diesen bestimmten Kik-Namen verbunden waren – es musste alles dieselbe Person sein. Diese bestimmte Person hatte eine sehr seltsame Art zu schreiben: Es waren drei Punkte, alles auseinander geschrieben. Nicht wie typische Auslassungspunkte, sondern Punkt, Leerzeichen, Leerzeichen, Punkt, Leerzeichen, Leerzeichen, Punkt. Einfach sehr seltsam. So reden Leute normalerweise nicht, schon gar nicht im Internet. Wir nutzten all diese kleinen Hinweise, um herauszufinden: Okay, im Großen und Ganzen – zoomen wir mal raus. Woran ist diese Person interessiert? Was postet sie?
JACK: Eine schöne kleine Spur, der man nachgehen kann, oder? Du hast jetzt einen Kik-Benutzernamen. Auf Kik selbst kann man nicht wirklich sehen, was er treibt, aber sie waren ja bereits recht vertraut darin, 4chan zu durchsuchen. Also durchsuchten sie 4chan nach diesem Kik-Benutzernamen, und das öffnete ihnen einen riesigen Schatz an Beiträgen, die er auf 4chan gemacht hatte. Natürlich mussten sie sich durch diesen ganzen Schmutz wühlen, um daraus schlau zu werden, aber sie entdeckten, dass er nicht nur die Zwillinge belästigte. Er postete auch Nacktfotos von anderen Frauen.
CHRISTINE: Wir stellten fest, es waren immer dieselben fünf Frauen und Mädchen – denn einige von ihnen waren zu der Zeit minderjährig.
JACK: Hm, interessant. Wie besessen postete er Nacktfotos derselben fünf Frauen zu posten. Er hatte dabei keine große Auswahl Fotos, die er veröffentlichte. Er ging sehr gezielt vor, konzentrierte sich ausschließlich auf diese fünf Frauen, belästigte jede von ihnen zyklisch, ging sie also nacheinander durch und kehrte dann zur ersten zurück, wodurch er jeder von ihnen das Leben zur Hölle machte. Die Frage nach dem Zusammenhang ist interessant. Sind diese fünf Frauen in irgendeiner Weise miteinander verbunden? Zunächst einmal kannten die Schwestern keines der anderen Opfer, aber es löste eine Nachforschung zu jeder dieser Frauen aus. Es war tatsächlich hilfreich, dass er ihre Telefonnummern und Social-Media-Profile gepostet hatte. Einige waren tatsächlich in Florida in der Nähe von Christine und Madison, andere jedoch in New York. Sie hatten einige Vermutungen, wer all diese Leute kennen könnte, waren sich aber nicht sicher. Es schien jemand zu sein, den sie persönlich kennen sollten, aber bei allen Personen, die sie verdächtigten, schien es einfach unmöglich, dass sie es waren. Dennoch waren die Daten, die sie von diesem Kik-Nutzer erhielten, für ihre Ermittlungen von enormer Bedeutung.
MADISON: Ja, es war einfach ein riesiger Durchbruch. Sobald das passierte und wir die Kik-Benutzernamen sortiert hatten und herausfanden, dass wir Querverweise machen konnten, war ich – oh mein Gott, zurück zum Snapchat von – zu der Zeit war das wahrscheinlich vier oder fünf Jahre her. Es war lange her. Ich ging zurück, und – als ich den Snap machte, das war direkt, nachdem ich die Nachricht „Was für ein wunderschöner Sonnenuntergang" bekommen hatte – es war die letzte Person, die meinen Snap angesehen hatte. Ich dachte gar nicht daran, dass – oh – ich habe so schnell den Screenshot gemacht, in der Sekunde, als er mir schrieb, dass es Sinn ergibt, dass es die letzte Person war, die ihn gesehen hat, weil er drauf ging, ihn sah, mir schrieb „hey, schöner Sonnenuntergang", ich sofort drauf ging und einen Screenshot machte – das alles passierte wahrscheinlich innerhalb einer Minute. Es ergibt also alles plötzlich Sinn: Klar, das ist diese Person. Es muss sie sein.
JACK: Wie war sein Vorname?
MADISON: Christopher.
JACK: Christopher. Sie haben es herausgefunden. Sie haben ihren Angreifer entlarvt. Es musste Christopher sein. Alle Zeichen wiesen jetzt auf ihn, und der gruselige Teil war: Sie alle kannten Christopher. Sie war schon seit Jahren mit ihm auf Snapchat befreundet, deshalb konnte er die Fotos dort sehen.
Woher kennt ihr Christopher?
MADISON: Wir kannten ihn aus dem College. Er war der Verbindungsbruder meines Schwagers Dana am College, das Christine, Dana und ich besuchten.
JACK: Moment, Dana, das ist einer deiner Freunde?
DANA: Ja, das ist richtig.
JACK: Wie war deine Beziehung zu ihm damals in der Verbindung?
DANA: Er war ein enger Freund. Er war im Haus, in dem ich in Connecticut aufgewachsen bin, hat meine Eltern kennengelernt. Wir waren zusammen auf Konzerten. Ich kannte seine Familie. Ich hab den 4. Juli, den Unabhängigkeitstag, mit seinem Vater und seinem Bruder auf Long Island verbracht. Er war jetzt nicht mein bester Freund, aber definitiv enger als die meisten. Also ein guter Freund, den ich schon über ein Jahrzehnt kannte, als das alles passierte. Er war...
CHRISTINE: Er war auf unserer Hochzeit.
DANA: Ja, er war auf unserer Hochzeit, das ist schon krass.
JACK: Was? Also...
MADISON: Mit einem seiner anderen Opfer.
JACK: Wenn ihr also diese Vorgeschichte mit ihm habt und dann sagt: Moment, ist es er? Was war dein Bauchgefühl dabei?
DANA: Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an die Nacht, in der wir herausfanden, dass er es war. Diese Nacht wird mir definits den Rest meines Lebens in Erinnerung bleiben. Ich kam von einem Flug nach Hause und bekam einen Anruf von Madison. Sonst bekomme ich nie Anrufe von Madison. Wir telefonieren nicht, wir schreiben. Wenn ich einen Anruf bekomme, dann stimmt irgendwas nicht. Ich nehme damals also das Telefon ab, und Madison sagt: Ich glaube, wir wissen, wer es ist. Ich sag: Wirklich? Sie sagt: Ja, ich bin mir ziemlich sicher. Und ich sag: Na komm, spuck's aus. Lass mich nicht warten. Sie sagt: Yankee. Ich sage: Auf keinen Fall. Erstens ist er einer meiner engen Freunde. Zweitens dachte ich nicht mal, dass er intelligent oder technisch versiert genug war, um überhaupt zu kapieren, wie 4chan funktioniert. Wenn man ihn kennt, dann weiß man – der hätte da eine Weile für gebraucht, das herauszufinden. Er ist jetzt kein Genie, was sowas angeht. Ich sagte also zu Madison, dass nicht sein kann. Ich mein Jack, es waren ja Jahre vergangen, in denen jeder im Raum der Typ hätte sein können, und es wurden Anschuldigungen gegen so ziemlich jeden in unserem Leben geschleudert. Und dann ist es genau dieser Typ, einer deiner besten Freunde?
JACK: Ja, und ich erinnere mich, dass Madison mir Sachen erzählt hat – sie ging einfach durch die Straßen und dachte: Warum guckt mich dieser Typ so an? Ist er der Typ? All diese komischen Gefühle.
DANA: Stimmt. Das kann man sich schwer vorstellen, aber wenn deine Fotos im Internet sind und jeder Mensch in deinem Leben ein Verdächtiger sein könnte, ist dass chon schecklich. Madison hatte mehrmals Vermutungen angestellt, dass einer meiner Freunde sein könnte, und ich sagte dann halt immer: Nein, das kann nicht sein, und das tat ich dann auch in dieser Nacht: Ich sagte, auf keinen Fall. Er ist es nicht. Erstens glaube ich nicht, dass er das in sich hat. Und zweitens dachte, kapiert der das alles doch gar nicht. Aber der Gedanke geisterte dann doch in meinem Kopf herum, und ich konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Also kam ich nach Hause und fing an, die Kik-Namen nachzuschlagen. Genauer die Kik-Namen miteinander zu verbinden, von 4chan aus. Also eigentlich nicht mal richtig auf 4chan selbst, da verschwindet sowas innerhalb von zwei Stunden. Aber auf den 4chan-Archivseiten kann man suchen, und so haben wir ihn dann mit all diesen Beiträgen verbinden können – er hatte so fünf oder sechs Kik-Namen, und ich hab einfach nach diesen Kik-Namen gesucht. Da kamen dann all diese Frauen heraus, einschließlich meiner Frau und ihrer Schwester. Eine stach da besonders heraus, das war ein Mädchen, ein junges Mädchen. Sah aus wie dreizehn, vielleicht vierzehn Jahre alt in einer Schuluniform einer Katholikenschule, gepostet vom selben Nutzer, der meine Frau und meine Schwägerin belästigte.
Ich lud also das Foto runter. Es war kein Nacktfoto. Es war einfach nur ein Mädchen. Es war Aber der dazugehörige Text, der war entsetzlich – so etwas wie: Ich will Nacktbilder von diesem Mädchen, oder ich will sie vergewaltigen. Ich lud also das Foto runter, und auf der Schuluniform war ein gesticktes Wappen oder Logo. Es war etwas verpixelt, aber ich vergrößerte es und schärfte es nach und schließlich konnte ich die Worte auf diesem Foto entziffern. Es stellte sich heraus, dass es eine katholische Mädchen-Mittelschule in Daytona war. Ich sagte also: Hm, okay, ich weiß, dass er Familie in Daytona hat. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang. Also ging ich auf Facebook, und innerhalb von zehn Minuten konnte ich den Namen des Mädchens und die Namen ihrer Eltern finden, identifizierte Familienmitglieder, die waren alle auf Facebook befreundet. Das war seine kleine Cousine, und da kam dann alles zusammen. Und ich dachte mir nur, ja, er ist es tatsächlich. Als ich dieses entscheidende Stück Information hatte, ging ich zurück zu den anderen Frauen, die er auf der 4chan-Seite gepostet hatte und verglich sie mit wieder mit seiner Facebook-Freundesliste. Und da wars dann: Gemeinsamer Freund – check, gemeinsamer Freund -check. Wir wussten seit dieser Nacht also ziemlich sicher, wer es war, und ich konnte es einfach nicht glauben.
JACK: Ja, ich stelle mir einen langen Blick aus dem Fenster vor. Wie – warum hatte ich diese Person überhaupt in meinem Leben?
DANA: Ja und Schuldgefühle meinerseits. Wenn die Zwillinge mich nie getroffen hätten, hätten sie diesen Typen auch nie kennengelernt. Weißt du, dieses Gewicht der Schuld, das lässt einen nicht kalt. Ich hab ihn ja ständig zu sozialen Anlässen eingeladen. Er war halt auch ein wenig ein Außenseite. Ich hab ihn häufig auch aus Mitleid eingeladen, er war ja schließlich ein Freund von mir. Ich war aber derjenige, der ihn meiner Frau und meiner Schwägerin vorgestellt hat, und er hat im Gegenzug versucht, ihr Leben zu zerstören. Da hatte ich schon auch große Schuldgefühle.
JACK: Wow, sie haben es geschafft. Sie haben herausgefunden, wer der miese Dreckssack war, und sie standen alle irgendwie unter Schock. Dieser Typ, der auf ihrer Hochzeit war, hat das getan? Was für ein Monster. Man denkt, man kennt jemanden, aber dann passiert das. Aber Christine, als Anwältin, wollte mehr Beweise und ging weiter durch die Kik-Beiträge.
CHRISTINE: Wir fanden diesen Post, der nichts mit den Mädchen oder Frauen zu tun hatte, aber es gab da ein Foto, von dem wir annahmen, dass es sein Haus war. Wir wandten uns tatsächlich an seine damalige Verlobte und fragten: Hey, weißt du – bist du noch mit dieser Person zusammen? Ist das dein Haus, so in der Art. Sie sagte: Ja, das ist mein Haus. Sie hat uns sozusagen bestätigt, dass sie dort mit ihm gewohnt hatte. Wir hatten das also auch als Hinweis.
JACK: Okay, in Ordnung – sie haben diesen Typen jetzt wirklich überführt. Die ganze Belästigung, all die Nacktfotos, der ganze Albtraum – alles ging von dieser einen Person aus. Ja, er konnte andere dazu bringen, sich an der Belästigung zu beteiligen, aber wenn er nicht gewesen wäre, würde niemand sonst diese Frauen belästigen. Das einfach zu wissen, ist eine Erleichterung. Man hat es mit der Dunkelheit und Anonymität des Internets zu tun. Man hat keine Ahnung, wie viele Leute hinter der Belästigung stecken. Aber jetzt ist es klar. Es ist ein Typ, Christopher, und sie wissen alles über ihn. Aber er wusste nicht, dass sie ihm auf der Spur waren, und so setzte er seine Belästigungskampagne fort, rief Vorgesetzte an, schickte Nacktfotos an Freunde und bat andere, mitzumachen.
MADISON: Das Wesen der Online-Cyber-Belästigung ist, dass man nirgendwohin fliehen kann. Wenn man körperlich gemobbt oder belästigt wird, denkt man: Okay, ich kann wenigstens nach Hause rennen und mich in mein Zimmer zurückziehen und im Bett deprimiert sein. Aber man wird ständig belästigt und kann nichts zu Hause vergessen, weil es nonstop weitergeht.
JACK: Du weißt, dass es Frauen gibt, die sich deswegen umgebracht haben.
MADISON: Ja. Eins der anderen Opfer hat tatsächlich auch versucht, sich umzubringen. Eines der Mädchen hatte eine wirklich harte Zeit und versuchte ebenfalls Selbstmord.
JACK: Wow. Das ist furchtbar. Das ist, was ich meine...
MADISON: Ich fühle definitiv – ich kann es definitiv – ich will nicht sagen, oh, ich war definitiv suizidal, aber es gab definitiv Zeiten, in denen ich dachte: Lohnt sich das? Ich weiß nicht. Ich war einfach sehr down. Es war einfach hart. Und meine Zwillingsschwester da reinzuziehen – es gab tatsächlich Tage, an denen ich dachte: Ihr Leben wäre besser ohne mich darin. Ich konnte definitiv sehen, wie leicht man in einer Situation wie dieser so depressiv werden kann.
JACK: Ich habe das Gefühl, es findet jetzt ein Treffen statt, oder? Du, Madison und Christine, ihr wisst jetzt, was los ist und wer es ist. Ihr fragt euch: Wie geht’s jetzt weiter, oder?
DANA: Ja genau. Es war eine ziemlich heikle Situation. Wir hatten ja zuvor schon nur sehr begrenzten Erfolg mit den Strafverfolgungsbehörden, also, dass die sich irgendwie um den Fall kümmern. Bislang hatten die sich da nicht wirklich für interessiert. Aber wir entschieden dann als Gruppe, dass die einzige echte Chance, irgendeine Aufmerksamkeit zu bekommen, letztendlich vor allem durch die Zahl der Opfer gegeben war. Wir wussten, dass es etwa fünf weitere Frauen und Mädchen gab, die zur gleichen Zeit belästigt wurden. Die also auch durch die Hölle gehen mussten. Um eine Strafverfolgung erreichen zu können, mussten wir aber verhindern, dass er die Daten auf seinen Festplatten löschen konnte. Wir wollten auch nicht unbedingt, dass er sofort aufhört und im quasi Nichts verschwindet. Wir mussten also ziemlich vorsichtig sein – im Hintergrund bleiben, aber trotzdem auch die anderen Frauen mit uns zusammenbringen und das alles ohne ihn vorzuwarnen. Das war dann unser nächster Schritt: herauszufinden, wie wir das anstellen konnten.
CHRISTINE: Ja, und um das mit dem Post mit der zu sehenden Veranda zu verbinden: Seine damalige Verlobte – wieder eines der Opfer – manchmal postete er gelegentlich seltsame Dinge wie Nacktbilder von sich selbst, ohne Gesicht, einfach verschiedene Fetische oder Wünsche. In diesem speziellen Fall mit der Hinterveranda – seine damalige Verlobte – das ist ihr gemeinsames Zuhause – ihre Aussage ist in dem Moment ziemlich wichtig: Hey, bestätige, das ist deine Hinterveranda. Wir wollten sie wirklich einbeziehen, aber sie ist seine aktuelle Verlobte. Können wir dieser Person trauen? Man versucht zu denken, wie man in einer Situation reagieren würde, aber ohne die Person auf der anderen Seite zu kennen – wir kennen sie nicht persönlich. Wir kannten keine dieser Frauen. Wir wussten also nicht, wie sie auf irgendetwas davon reagieren würden. Wir waren uns nicht ganz sicher, wann – oder ob – wir sie überhaupt einbeziehen sollten. Letztendlich entschieden wir, dass wir alle zusammenkommen müssen. Einzeln kümmern sie sich nicht, aber wenn wir zusammenkommen können und zeigen, dass dies ein größeres Problem ist als nur eine Person, die belästigt wird, und dass dies ein Problem für die Gesellschaft als Ganzes ist, werden sie uns vielleicht ernst nehmen. Da war es, als wir uns mit ihnen über alle Social-Media-Plattformen oder Kontaktinformationen, die wir finden konnten, in Verbindung setzten und sie zu diesem Zeitpunkt einweihten.
MADISON: Zwei der Mädchen hatten ihn auch früher schon ertappt, und das war, bevor wir mit den sechs Opfern in Kontakt standen. Eines der Mädchen war eine seiner Ex-Freundinnen aus dem College, sie wusste offensichtlich, woher die Fotos kamen. Sie war ziemlich sicher, dass er es war, und sie fühlte sich auch seinem Vater nahe genug – sein Name ist John – sie fühlte sich nahe genug, um sich an ihn zu wenden und ihm zu sagen: Hey, Chris macht wirklich schlimme Sachen. Er postet Bilder von mir. Es gibt Tausende von Beiträgen. Er muss aufhören. Ich werde die Polizei einschalten, aber kannst du mir bitte helfen? Er versprach ihr, dass er mit ihm reden würde, ihn in eine Therapie schicken würde, ihm helfen würde – bitte, erstatte einfach keine Anzeige. Das Gleiche passierte einem anderen Opfer, einer Familienfreundin. Sie grenzte tatsächlich ein, dass er es war, einfach durch die Art, wie er Satzzeichen benutzte. Er benutzte drei Punkte und ein Leerzeichen, und ich dachte: Wow, daran hast du gedacht? Das ist eigentlich richtig gut.
Sie hat es buchstäblich nur dadurch eingegrenzt und es dann auf Facebook Messenger angesprochen. Sie – also Chris und sein Vater und sein Bruder, beide John – überzeugten sie, keine Anzeige zu erstatten, wenn er versprach aufzuhören. Sie sagt: Du musst dir Hilfe holen. Ich bin schon sehr lange eine Familienfreundin. Du bist mir wichtig, ich liebe dich und deine Familie. Ich will, dass du dir Hilfe holst. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie nicht, in welchem Ausmaß es andere Leute betraf. Sie dachte, sie sei die Einzige. Sie fühlte sich also schrecklich, als wir alle sie kontaktierten und ihr erzählten, was los war. Aber sie wollte in unserer Gruppe sein und helfen. Wir hatten also tatsächlich all die Geständnisse von ihm, dass er es zugab, und seinen Bruder, der zugab, dass er wusste, dass er das tut, und sich um Hilfe für ihn kümmern würde. Tatsächlich haben sie das nie getan. Er hat noch viele Jahre danach unschuldige Frauen und Kinder belästigt.
JACK: Sie haben also alle Opfer auf einen Stand gebracht, sechs insgesamt, und sie alle hatten die Schnauze voll davon, von diesem Typen belästigt zu werden. Sie waren schockiert, dass Christopher derjenige war, der dahintersteckte, weil sie ihn alle kannten.
DANA: Es gab noch ein paar andere Frauen, mit denen wir nie Kontakt aufgenommen haben, von denen er auch...
CHRISTINE: Ja, ja.
DANA: ...ja, versuchte, Nacktfotos zu bekommen, aber wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon genug Material.
JACK: Christine erstellte einen ziemlich überzeugenden Beweisordner, den jede der Frauen mit zu ihren eigenen Polizeidienststellen nehmen und der Polizei übergeben konnte.
CHRISTINE: Ich stellte einen Ordner mit Fakten und Indizienbeweisen zusammen - wir hatten zu diesem Zeitpunkt keine rechtskräftigen Beweise. Das waren alles irgendwie Indizienbeweise zu diesem Zeitpunkt. Als wir die anderen Mädchen einbezogen, hatten wir natürlich Screenshots einiger Geständnisse und so etwas, also ziemlich substantielle Indizienbeweise, aber nichtsdestotrotz Indizien. Keine Vorladungen zu diesem Zeitpunkt oder so etwas. Dana und Madison und ich stellten also dieses kleine „Rache-Pornos für Dummies" zusammen, sozusagen. Aufgrund unserer Erfahrung mit dem Betreten der Sheriff-Dienststelle wussten wir, dass das ein Kampf werden würde – dann lasst uns wenigstens mit dem Gesetz bewaffnet sein. Lasst uns Recht haben. Lasst uns die Gesetze ausgedruckt und vor uns liegen haben. Sie müssen uns doch zuhören, oder? Wir stellten also diesen kleinen Ordner zusammen. Wir hatten Hintergrund, wir hatten jedes einzelne Opfer und einen Ausschnitt seiner Hintergrundgeschichte, wir hatten jedes potenzielle Gesetz, das ich sah, das aus jeder Gerichtsbarkeit potenziell verletzt werden könnte, einschließlich Bundesgerichtsbarkeit.
JACK: Ja, lass uns mal einen Schritt zurückgehen. Ich möchte hier kurz innehalten, denn das finde ich faszinierend – schließlich ist das dein Spezialgebiet. Ich wette, du hast viel Zeit damit verbracht. Kannst du kurz erklären, was er deiner Meinung nach getan hat, das gegen das Gesetz verstößt?
CHRISTINE: Ich bin zu diesem Zeitpunkt eine sehr, sehr junge Anwältin. Wie gesagt, erstes Jahr, oder? Ich glaube also, ich sei der Hammer, weiß aber eigentlich nicht so viel. Aber ich habe Internetrecht und Social-Media-Recht und ähnliches in der Jura-Schule belegt, was mich interessierte, und man hat zumindest dieses Basiswissen, wo man das Gesetz finden kann. Ich war also mit dem Florida-Statut vertraut, weil – wieder – das interessierte mich einfach, und ich dachte, es sei ein Schritt in die richtige Richtung.
JACK: Okay, also: Dieses 2015 in Florida verabschiedete Gesetz besagt, dass das Delikt der sexuellen Cyberbelästigung vorliegt, wenn eine Person ein sexuell eindeutiges Bild einer anderen Person zusammen mit personenbezogenen Daten der abgebildeten Person ohne deren Einwilligung, ohne legitimen Grund und in der Absicht, der abgebildeten Person erhebliches seelisches Leid zuzufügen, auf einer Website veröffentlicht. Bumm. Perfekt. Er hat definitiv dagegen verstoßen. Aber sie hat ihre Hausaufgaben gemacht, sie wollte sich nicht nur auf ein einziges Gesetz stützen. Da er Nacktfotos von minderjährigen Mädchen veröffentlichte, verstieß er auch gegen Gesetze zur Kinderpornografie. Da er die Vorgesetzten und Eltern der Leute anrief und so weiter - warum nicht auch noch Stalking mit reinnehmen? Und, verdammt, es gibt sogar ein Gesetz über schweres Stalking, das eine Straftat darstellt, und wenn er eine Minderjährige stalkte, würde das als schweres Stalking gelten. Aber Christopher lebte im Bundesstaat New York, also spielten all diese Gesetze aus Florida vielleicht gar keine Rolle. Also studierte Christine die Gesetze in New York, um herauszufinden, gegen welche er dort verstoßen hatte. Sie fand Gesetze wie Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger, Erpressung, unrechtmäßige Überwachung, Verbreitung von unrechtmäßig aufgenommenem Bildmaterial und Stalking. Okay, das waren also die Landesgesetze, gegen die er ihrer Meinung nach verstoßen hatte, aber gibt es irgendwelche Bundesgesetze, auf die sie verweisen kann?
CHRISTINE: Es gibt kein Bundesgesetz für Rache-Pornos oder sexuelle Cyber-Belästigung oder so etwas, aber es gibt Verbote gegen Cyber-Stalking und Cyber-Belästigung.
JACK: Super. Ja, mach einfach weiter. Also, du legst ihnen dieses ganze Wissen vor. Du legst es ihnen vor und sagst: Hier sind die Indizien, die wir gegen ihn haben. Hier sind die Gesetze, gegen die er unserer Meinung nach verstößt…
DANA: Und hier ist der Typ, hier ist der Kerl, der das macht. Ihr müsst nicht mal rausgehen und herausfinden, wer es ist. Wir haben es schon getan. Bitte tut etwas.
CHRISTINE: Ja.
JACK: Okay, und was haben sie gesagt?
CHRISTINE: Dana war eigentlich auch dort mit mir. Ich marschiere mit meinem kleinen Ordner rein, und nochmal, ich hoffe, dass die meisten Leute nie ein Verbrechen wie dieses melden müssen, aber wenn man hingeht, will man offensichtlich nicht 911 anrufen. Man geht zur Polizeiwache.
JACK: Und du gehst mit deinem besten Anwalts-Outfit hin...
CHRISTINE: Ja. Ich kam wahrscheinlich ehrlich gesagt von der Arbeit, also hatte ich schon meine Anwältinnen-Uniform oder mein Kostüm an, weißt du?
JACK: Okay, also – du rufst nicht 911 an. Du gehst – was machst du?
CHRISTINE: Du gehst auf die – also, theoretisch könntest du die Nicht-Notruf-Linie anrufen, aber du gehst zur Polizeiwache. Es gibt einen Schreibtisch mit einem Polizisten, der entweder hoffentlich neu ist oder etwas wirklich Schlimmes getan hat, um diese Position zu bekommen, weil man einfach nur hinter einem Schreibtisch sitzt. Du gehst hin, und sie sind gelangweilt. Sie sitzen einfach nur da. Du sagst: Ich möchte ein Verbrechen melden und einen Polizeibericht ausfüllen. Dann verhören sie dich, es ist echt ein Verhör. Was ist passiert? Ich sage: Ich habe das Ganze zusammengestellt, sodass Sie es einfach lesen können. Tatsächlich habe ich eine Kopie gemacht. Hier, hier ist eine Kopie. Es wird durchgeblätter– hm, das ist kein Verbrechen. Wie sind Sie an die Fotos gekommen? Un dich frage mich: Ich denke: Wo sind deine Qualifikationen? Können Sie das einfach an einen Detective weitergeben und ihn entscheiden lassen, ob das ein Verbrechen ist oder nicht? Nicht um unhöflich zu sein, aber ich vertraue Ihrem Urteilsvermögen einfach nicht, wenn dein Job es ist, hinter dem Schreibtisch zu sitzen. Bringen Sie zu einem echten Detective, bitte. Letztendlich waren wir über eine Stunde dort und bettelten ihn nur an, mich einen Polizeibericht ausfüllen zu lassen, einfach um – für die Gelegenheit und das Privileg, diesen Polizeibericht auszufüllen.
JACK: Ich stelle mir vor, dass sie einfach nur sagen: Oh, hier ist ein Formular. Fülle es aus, und dann tschüss.