FAZ 05.08.2026
06:46 Uhr

Zu Besuch in Tanger: Die weiße Stadt am Meer


Tanger an der Nordspitze von Marokko wurde durch den Schriftsteller Paul Bowles zu einem Mythos. Was ist davon geblieben? Ein Besuch am Brückenkopf zwischen Europa und Afrika.

Zu Besuch in Tanger: Die weiße Stadt am Meer

Der Mann am Pool liest einen Roman des Amerikaners Paul Bowles und kümmert sich um nichts anderes als um dieses Buch, anscheinend nicht einmal um seinen kleinen Sohn, der am Pool-Rand spielt. Es ist der Roman „So mag er fallen“ („Let it come down“), der zweite von Bowles, der den Mann so fasziniert: ein düsterer, beinahe trostloser Roman über einen Amerikaner, der, von seiner Heimat gelangweilt, in eine neue Welt aufbricht und im marokkanischen Tanger landet, um dort ein neues Leben zu beginnen. Doch diese Stadt zieht ihn nach unten. Er verstrickt sich in der Erkundung von Bordellen und Drogen, lässt sich mit zwielichtigen Gestalten ein und scheitert. Bowles schreibt das derart packend, dass man den Mann am Pool verstehen kann. Der Schriftsteller lebte seit seinem 37. Lebensjahr in Tanger, wo er 1999 im Alter von 88 Jahren starb. Sein Domizil war keine schneeweiße Villa im Kasbah-Stil, sondern ein einfacher Mehrfamilien-Wohnblock, etwas heruntergekommen. Seit 1923 war die Stadt eine internationale Zone unter Verwaltung der Kolonialmächte Spanien und Frankreich. Damit wurde sie zum Ziel europäischer und amerikanischer Diplomaten, Spione, Bohemiens, Schriftsteller, Geschäftsleute, aber auch für Gauner, Zuhälter, Dealer und Schmuggler. Spanier, Franzosen, Deutsche, Italiener, Amerikaner lebten dort und eben auch Paul Bowles, für den Tanger „ein magischer Ort war“, trotz (oder wegen?) der zwielichtigen Spelunken, Bordelle und Drogen an jeder Ecke. Paul Bowles sagte: „Ich habe es mir nicht ausgesucht, in Tanger zu leben. Es kam einfach so.“ Zusammen mit seiner Frau Jane wurde Tanger zu seinem Lebensmittelpunkt. Die Sonne strahlte bei der Ankunft im Port de Tangier, der Himmel zeigte sich azurblau, Meer und Berge umhüllten die Stadt: Tanger ist der Brückenkopf zwischen zwei Kontinenten. Alle 90 bis 120 Minuten fährt eine Fähre in einer Stunde von Europa nach Afrika und umgekehrt. Im Hafen liegen große Kreuzfahrtschiffe und elegante Yachten. Die mehrspurige Avenue d’Espagne am Meer gleicht einem Boulevard drüben auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar: Sie könnte auch in Málaga, Marbella oder Cádiz sein. Tanger gehörte schließlich zu Spanisch-Marokko, der Süden des Landes war unter französischer Herrschaft. Heute ist die weiße Stadt eine Art Transitraum zwischen Afrika und Europa, aber es gibt keine Spur von Verruchtheit mehr, nicht einmal das schmuddelige Flair wie in manch anderer Hafenstadt. Der Spione-Schriftsteller-Spelunken-Mythos – von dem die Stadt ja bis heute zehrt – ist verblasst. Die moderne 1,3-Millionen-Stadt wirkt aufgeräumt, scheint nichts Verbotenes mehr zu haben. Die Drogen- und Schmugglerbanden von heute – immer noch sehr aktiv – arbeiten im Verborgenen. Ihr Ziel ist die spanische Enklave Ceuta in Afrika, gut 50 Kilometer östlich von Tanger. Die Grenze stürmten vor Kurzem 60.000 Migranten, die inzwischen fast alle in ihre marokkanische Heimat zurückgekehrt sind. Auch das Rotlichtviertel um den Zoco Chico gibt es längst nicht mehr. Dafür zählt die Ampel die Sekunden bis zur Grünphase, und alle halten sich daran. Auf Spielplätzen tollen die Kinder, und kleine Parks wirken wie grüne Oasen, die Beschilderung ist gut und zweisprachig, etwa zum Kap Spartel, von wo man über die Straße von Gibraltar nach Tarifa in Spanien blickt und auf dem Weg dorthin an den Sommerpalästen der marokkanischen und saudischen Königshäuser vorbeifährt. Auch Saddam Hussein hatte dort sein Sommerdomizil. Durch eines der 13 Tore geht es in die Kasbah, die Burganlage der Altstadt, und schon der erste Teppichhändler, natürlich mit einem typisch roten Fez und Bommel, lockt in sein Geschäft: „Das erste Glas Tee soll süß wie das Leben schmecken, das zweite sanft wie die Liebe, das dritte bitter wie der Tod sein“, erläutert Ait geschäftstüchtig und schmunzelt: „Wir geben Ihnen aber nur die ersten beiden Minztee-Varianten, keine Angst! Kommen Sie doch herein!“ Minztee und Teppiche Tanger gilt heutzutage generell als sichere Stadt, aber von Schleppern und Geschäftemachern ist man zumindest in der Altstadt nicht sicher. Diese zeigt sich mit überdachten Straßen mit geöffneten Türen auf beiden Seiten, verborgenen Terrassen hoch über dem weißen Häusermeer und einem Touristengeschäft neben dem anderen. Die Gerüche von Lederwarengeschäft und Parfümerie, Gewürzladen und Imbissbude überlagern sich. Eine steile weiße Treppe wird gefegt, ein Bistrotisch abgewischt, der danach aber nicht sauberer ist als zuvor. Das Gedränge in den engen Gassen ist groß, die Anzahl der hochgereckten Schilder der Reiseleiter nicht minder. Sie müssen schauen, dass sie ihre Schäfchen zusammenhalten, um sie nach dem Sightseeing-Programm um die Grande Mosque und das „Café Rolling Stones“ – so benannt, weil dort mal Mick und Co. zu Gast gewesen sein sollen – vollzählig in einen Teppich-, Gewürz- oder Arganöl-Laden zu schleppen, wo eine schöne Provision auf sie wartet. Das Scheppern aus den Lautsprechern der Moscheen übertönt alles in den verwinkelten Gassen, den Souks und weißen Häusern, die zum Teil Jahrhunderte alt sind. Ein Laden bietet Marokkos ikonischstes Verkehrsschild an. Das Original steht im Süden des Landes, in Zagora: „Tombouctou 52 jours“, steht darauf geschrieben. „52 Tage nach Timbuktu“, das war die Zeit, die für die Karawanen nötig war, um von Zagora in die berühmte Lehmbautenstadt im heutigen Mali zu gelangen. In einem Buchladen findet man die gesammelten Werke von Paul Bowles. Fast überall kann man in Euro bezahlen. Man sollte nur den aktuellen Kurs zum Dirham stets parat haben. Als Individualist schüttelt man den ersten Ait mit seinem Minztee noch höflich und problemlos ab, aber dann folgt der zweite Ait, der dritte, bis man schließlich flüchtet aus dem Straßengewirr mit seinen Sackgassen und bevor man sich dabei ertappt, langsam unhöflich zu werden. Tanger diente in Bowles’ Werk nicht nur als Schauplatz, sondern auch als psychologische Landschaft, in der sich seine Figuren mit sich selbst und ihren kulturellen Vorurteilen auseinandersetzten, so auch um die Grenze zwischen Geschäftigkeit und Aufdringlichkeit sowie Höflichkeit und Arroganz. Am besten lässt sich Tanger mit einer Zwiebel vergleichen: Der Kern und das Herz der Stadt ist die Kasbah, der höchst gelegene Teil die Medina, die Altstadt. Dort stößt man auch auf das Kasbah-Museum der mediterranen Kulturen, untergebracht in einem Sultanspalast aus dem 17. Jahrhundert, das einem die komplexe Geschichte Marokkos näherbringt. Um die inneren Schichten ist das moderne Tanger gewachsen: mit Boulevards, den großen Hotels, modernen Geschäften ohne Minztee und Teppiche. Die äußerste Schicht besteht schließlich aus den Wohnvierteln, Vororten und einigen Mittelmeerstränden, an denen man, im Gegensatz zu denen am wilden Atlantik, auch baden kann. Während man im inneren Teil, der Kasbah und Medina, im arabischen Afrika ist, wähnt man sich im modernen Stadtgebiet fast schon wieder in Europa. Vor allem aber ist die Medina auch ein Labyrinth von Geschichten und der Vita von Paul Bowles. Sie war das pulsierende Herz von Bowles’ täglichem Leben und kreativer Inspiration. Die Rue Siaghine, eine der Hauptverkehrsadern der Medina, taucht in Bowles’ Werken immer wieder auf. Dort ging der Schriftsteller gerne aus. Auf den Märkten der Medina kaufte er ein. Im „Café Hafa“ traf er sich mit seinen Schriftstellerkollegen. Und am Grand Socco ging er ins Kino. Das „Cinema Rif“ gibt es nicht mehr. Darin ist heute ein Kulturzentrum untergebracht, in dem zwar auch Filme laufen, aber ebenso Ausstellungen und Lesungen stattfinden. Das Verruchte hat Tanger zwar verloren, es ist moderner geworden, aber immer noch eine ganz eigene Stadt, inspirierend und betörend, nicht nur wegen des Haschischs im Kuchen und in der Marmelade. Man muss ihr vielleicht nur etwas Zeit lassen.