Stimmt es, oder stimmt es nicht, geht das, oder geht es nicht? Der Anspruch des wissenschaftsnahen Hollywood-Blockbusters mit Wahrheitsanspruch eilt vielen der größten Sci-Fi-Besteller der Kinogeschichte lange vor ihrem Erscheinen voraus: „Interstellar“, „Ex Machina“, „Jurassic Park“, „Arrival“ waren solche Kinohits. „Der Astronaut. Project Hail Mary“ reiht sich nun spielend in diese Reihe ein. Was natürlich bei vielen Filmen zuerst an den Romanvorlagen liegt, die beim Geschichtenerzählen den Quatsch vergessen lassen und einen quasi mitten hineinnehmen in die Labore und die Komplexitäten der Wissenschaften. Und was in einigen Fällen wie beim Astronauten Ryan Gosling alias Ryland Grace selbstverständlich auch an der cleveren, lockeren Verkaufe liegt. Doch was ist mit dem Plot, was mit der wissenschaftlichen Idee, die der US-Schriftsteller Andy Weir, Autor auch des berühmten „Der Marsianer“, im Project Hail Mary erfunden und aufgeschrieben hat? Denkbar? Kurz erzählt geht es um einen gigantischen Rettungsversuch im All, der am Ende zwei fremde Welten auf eine fast schon kitschig-humane Weise zusammenführt. Unsere Sonne wird von einer unheimlichen, gefräßigen Horde bedroht: Mikroben – „Astrophagen“ – befallen einen Stern nach dem nächsten und verschlingen unfassbare Mengen der Sonnenenergie, was zu einer gefährlichen Verdunkelung des Himmels zu führen droht. Der ganze Planet und mit ihm Milliarden Menschen müssen innerhalb von Jahrzehnten mit Katastrophen und Missernten rechnen, eine epochale Hungersnot steht an. Vier Milliarden Jahre Evolution könnten an einen neuen Wendepunkt kommen, das sechste Massensterben. Das Energiewunder der Alien-Mikroben Natürlich ist schon in den ersten Momenten, als der planetare Untergang durch den „Petrowa-Strahl“ am Himmel sichtbar wird, die wissenschaftliche Vorstellungskraft an ihrem Limit. Einzeller-Aliens, die sich auf die 5500 Grad heiße Sonnenoberfläche vorwagen, ungeheure Mengen an Energie abzapfen und sich damit interstellar fortbewegen – nicht nur das: sie schaffen einen riesigen energetischen Schweif, der sie auf die Venus führt. Warum? Was treibt sie an? Vor allem aber: Wie schaffen es diese Astrophagen, die gewaltige Hitze zu überleben? Auch auf der Erde gibt es solche Organismen, die extreme Hitze und Strahlung überleben – oder gar nutzen können. Extremophile heißen sie. Aber könnten sie auch solchen extremen Bedingungen widerstehen? Ausgerechnet der von der Wissenschaftscommunity verstoßene und als Schullehrer leidenschaftlich aktive promovierte Molekularbiologe Ryland Grace soll das Rätsel lösen. Seine Promotion hatte den sperrigen Forschungstitel „Eine Analyse wasserbasierter Annahmen und die Rekalibrierung der Erwartungen an Modelle der Evolution“. Was konkret heißt: Dr. Grace wollte – theoretisch – bewiesen haben, dass Leben und damit biologische Evolution auch ohne Wasser möglich ist. Warum, fragte er sich (nicht mal als Einziger), sollte neben den auf unserer Erde üblichen wasserbasierten Lebensformen nicht auch alternatives Leben möglich sein? Dieser ungewöhnliche Zugang zum Thema extraterrestrischen Lebens macht ihn aus heiterem Himmel zum Experten für die sonnenhungrigen Astrophagen. Denn bei 5500 Grad sollte kein Wassermolekül mehr stabil sein, sollten die Einzeller also eine andere Flüssigkeit enthalten. Die erste Überraschung: Die extremophilen Astrophagen, winzige schwarze Punkte, die unfassbare Energiemengen in ihrem zehn Mikrometer großen Leib zu speichern vermögen, enthalten so viel Wasser wie praktisch jeder beliebige irdische Organismus. Und nicht nur das: Sie enthalten auch DNA und Organellen, doch sie sind praktisch unzerstörbar. Nicht von ionisierenden Strahlen, nicht von gewaltigen physischen Attacken, von nichts. Sollte so die erste Begegnung mit Aliens aussehen: ein Krieg gegen multiresistente, invasive Keime aus dem All, ohne jede Intelligenz, aber mit umso mehr Gefräßigkeit und Zerstörungswut in sich? Der Boom der Astrobiologie Die Astrobiologie ist eine Disziplin, die sich mit solchen Szenarien durchaus auseinandersetzt, zuletzt immer intensiver. Denn die Anzeichen aus astrochemischen und -physikalischen Beobachtungen verdichten sich, dass die chemische Saat für biologisches Leben oder etwas dem Ähnelnden aus den Tiefen des Universums auf die Planeten gekommen sein könnte. Erst in dieser Woche wurde ein für die als „Panspermie“ bekannte Theorie relevanter Befund veröffentlicht: Sämtliche fünf für die DNA- und RNA-Bausteine benötigten Nukleobasen waren von der Raumsonde Hayabusa 2 mit den Gesteinsproben des Asteroiden Ryugu zur Erde gebracht worden. Nicht jedoch, dass „Project Hail Mary“ die Panspermie-Hypothese zum zentralen Thema gehabt hätte. Dazu ist die Aliengeschichte viel zu reich an weiteren wissenschaftlichen Verwicklungen und Überraschungen: Auf seiner Mission, die Astrophagen zu eliminieren und die sonnenverwöhnte Erde zu retten, werden die Mikroben für Dr. Grace zur energetischen Wunderquelle. Sie dienen als Antrieb für die interstellare Reise des Raumschiffs Hail Mary – winzige Aliens als Quelle für den ersten Antrieb, der Raumschiffe fast auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen mag. Eine pure Spekulation, versteht sich, aber eine, die wissenschaftlich so verlockend ist wie die zweite unheimliche Begegnung des Astronauten Grace in mehr als elfeinhalb Lichtjahren Entfernung. Ein krabbenartiger fünfbeiniger Alien, den Grace wegen dessen gesteinsartiger Oberfläche Rocky nennt, der nicht sehen, sich aber sehr wohl bald mit dem irdischen Himmelsretter unterhalten kann. Eine Freundschaft entsteht, inszeniert zum großen Teil als unterhaltsame Wissenschaftssatire mit geradezu witzigen Dialogen. Zwei völlig verschiedenartige Lebensformen begegnen sich auf offensichtlich sehr ähnlichem Intelligenzniveau – und noch bemerkenswerter: auf einer moralischen Linie. Und dann der ultimative Alienfunke, der das astrobiologische Feuerwerk auf eine evolutionäre Spitze treibt: Grace und Rocky finden auf ihrer Reise durch den Lebens- und Brutraum der Astrophagen das zugehörige evolutionäre Gegenstück: Die Feinde der Mikroben sind ihrerseits gefräßige Einzeller – Grace nennt sie „Taumöben“ –, die es schaffen sollen, die interstellare Mikrobeninvasion zum Stoppen zu bringen. Wäre da nicht das im All ubiquitäre Element Stickstoff. Es ist Gift für die bewegungsfreudigen, wertvollen Taumöben. Leider lässt der Kinofilm die entscheidenden Experimente aus der Romanvorlage weg, die sich Grace in seinem Raumschifflabor ausdenkt, um die einzelligen Hoffnungsträger heranzuzüchten. In den „Brutkästen der Prädatoren“ werden die Taumöben mit vorsichtig steigenden Stickstoffkonzentrationen konfrontiert – gezielte, sogenannte gerichtete Evolution heißt diese Technologie, mit denen Organismen innerhalb weniger Generationen gewünschte Eigenschaften annehmen können. US-Nobelpreisträgerin Frances Arnold hatte auf diese Art Biotreibstoff produzierende Mikroben geschaffen. Im Astronautenfilm ist es eine für das Leben im All letzten Endes überlebenswichtige Stickstofftoleranz. Natürlich hätte man sich an dieser Stelle auch andere, noch radikalere Manipulationen der außerirdischen Organismen vorstellen kennen. CRISPR/Cas und andere Genscheren waren zum Zeitpunkt von Weirs Romanveröffentlichung im Jahr 2021 durchaus schon weit fortgeschritten. Heute sind diese ultrapräzisen Geneditiermethoden dabei, kontrolliert und analysiert von Künstlicher Intelligenz, die biomolekulare Evolution auf Erden komplett auf den Kopf zu stellen. Big Data und Big Biology forcieren die Weiterentwicklung des Lebens. An dieser Stelle ist die Wirklichkeit sozusagen schon zwei Schritte weiter als die Phantasie des Kulturbetriebs. Unklar bleibt, wohin diese biotechnologische Innovationsleidenschaft führen wird. Fast sicher sein dürfte lediglich, dass das Labor Hollywood den gedanklichen Faden des Evolutions-Engineering bald aufgreifen – und weiterspinnen – wird.
