Seneca tritt jeden Morgen gegen den Sklavenjungen Pharius zum Wettlauf an. Der morgendliche Spurt hält ihn gesund. Doch Tag für Tag wird der Junge schneller. Schließlich überholt er seinen Herrn, und Seneca begreift: Er wird alt. Von dieser Einsicht berichtet Seneca in einem Brief an einen Freund. Der Mann, der einst schrieb: „Willst du bedenken, dass der, den du deinen Sklaven nennst, aus demselben Samen entstanden ist, denselben Himmel genießt, gleich atmet, gleich lebt und gleich stirbt“, zieht aus seiner Erfahrung den Schluss: Er muss den Sklavenjungen austauschen. Die Anekdote zeigt den Widerspruch zwischen Denken und Leben des römischen Philosophen, und gerade das ist es, was Dennis Pausch so an ihm fasziniert. Seneca gilt als meistgelesener Schriftsteller seiner Zeit. Als Stoiker preist er in seinen Briefen Verzicht und Zurückhaltung, dabei zählt er selbst zu den mächtigsten und reichsten Menschen des Landes. Pausch, Professor für Klassische Philologie an der Uni Marburg, erforscht seit Jahren, wie antike Historiker ihre Leser emotional erreichen wollten. Nun hat er begonnen, für den C.H. Beck Verlag einen Roman über einen Tag im Leben Senecas zu schreiben – und steht dabei vor einer Schwierigkeit, die sich mit keinem wissenschaftlichen Ansatz lösen lässt: Wie viel darf er erfinden, wenn er dennoch möglichst nah an der Wahrheit bleiben will? „Wenn ich am Schreibtisch sitze, habe ich diesen Belegzwang“ Als ihm der ehemalige C.H.-Beck-Lektor Stefan von der Lahr von seiner Romanidee berichtet, findet Pausch den Gedanken spannend. Nach seinem Erfolg mit dem Sachbuch „Virtuose Niedertracht – Die Kunst der Beleidigung in der Antike“, das 2021 erschien, hat er wenig Bedenken. Wie schwer kann es schon sein, einen historischen Roman zu schreiben? Er kennt sich gut mit dem historischen Seneca aus, es gibt genug Quellen, und mit etwas schriftstellerischem Geschick würde er den komplexen Charakter seinen Lesern schon nahebringen. Doch schon bald steht er vor einem Problem: seinem Beweiszwang. „Es ist wohl etwas anderes, einen Baum zu sehen, als ein Baum zu sein“, sagt der Philologe und lacht. „Wenn ich selbst einen historischen Roman lese, bin ich bereit, die Fiktionalisierungselemente zu akzeptieren.“ Bei fremden Büchern mache ihm Fiktion nichts aus. Diese gehöre zu einer Erzählung. Doch bei sich selbst ist er sehr kritisch: „Ich probiere, in meinem Roman nur beweisbare Situationen zu verschriftlichen. Doch was mache ich, wenn die Quellen nicht ausreichen? Bin ich bereit, das zu tun, was im historischen Roman ganz normal ist – Personen zu erfinden, etwa einen Freund, eine Geliebte oder einen bösen Nachbarn?“ Für den Wissenschaftler ist dies eine ungewohnte Freiheit. Dabei nimmt sich Pausch andere Verfasser von historischen Romanen zum Vorbild. Einer der Autoren, die er bewundert, ist Robert Harris. „In seinem Buch über Cicero ging es mir an ganz vielen Stellen so, dass ich mir nicht sicher war, ob er sich etwas ausgedacht hatte oder ob das tatsächlich in einer Cicero-Rede vorkam. Dieses Talent würde ich auch gerne haben“, gesteht der Wissenschaftler lächelnd. Es ist eine besondere Kunst des Erzählens, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zu verwischen und den Leser in die Welt Senecas hineinzuziehen. Doch Pausch ist an wissenschaftliches Arbeiten gewöhnt. „Wenn ich normalerweise am Schreibtisch sitze, habe ich diesen Belegzwang. Den muss ich beim Romanschreiben unterdrücken oder mir bewusst machen, dass ich gerade in einer anderen Rolle bin.“ Wissenschaftler sehen Seneca kritisch Auch Seneca hat immer wieder die Rollen gewechselt. Seine Schriften sprechen von Selbstbeherrschung, vom Leben in Armut und der Gleichheit der Menschen. Zugleich war er ein reicher Mann, Berater Neros und Teil einer Gesellschaft, die auf Sklaverei beruhte. „In der Antike wurde Seneca als Autorität für alle Menschen akzeptiert“, erklärt Pausch. Und auch noch heute werde Seneca hauptsächlich von Wissenschaftlern kritisch betrachtet. „In der Schule bekommt man den Philosophen in einer Art Kalendersprüchen präsentiert, und ich selbst fand das alles sehr einleuchtend.“ Inzwischen sieht er die Sache differenzierter. Jeder Mensch habe seine eigene Sichtweise auf die Gesellschaft, in der er lebe. Das gelte auch für den römischen Denker. „Seneca ist sehr elitär, männlich und wohlhabend. Es gibt sicherlich Menschen, die sich darin nicht repräsentiert fühlen.“ Pausch würde daraus nicht den Schluss ziehen, dass Senecas Lehren für die heutige Zeit untauglich seien. „Man sollte seine Schriften stärker analysieren. Aber am Ende sollte es nicht dazu führen, dass wir uns nicht mehr mit dem beschäftigen, was er uns zu sagen hat.“ Vielleicht ist dies die größte Herausforderung für den Romanautor Pausch. Er muss Senecas Widersprüche festhalten. Und er muss aus der Sicht eines Römers erzählen, dessen Gedanken bis heute faszinieren, ohne zu vergessen, dass die antike Welt dem modernen Menschen in vielem fremd geworden ist. Dabei soll er etwas tun, das er sich selbst seit Jahrzehnten abtrainiert hat: seiner Phantasie freien Lauf lassen. Ob ihm das gelingt, wird sich im nächsten Jahr entscheiden.
