Die Finanzmärkte bewegen derzeit eher die Nachrichten aus der Straße von Hormus als aus der Ukraine. Der Ölpreis, der Anfang August kurz unter die Marke von 80 Dollar für 159 Liter Brent gefallen war, ist in dieser Woche wieder auf nahezu 90 Dollar gestiegen. Nachrichten über einen Rekordstromverbrauch in den USA und nicht ganz so volle Gasspeicher in Europa lassen Anleger befürchten, dass die Energiepreise auf der Welt hoch bleiben werden und die Produktionskosten etwa der Chemieindustrie treiben werden. Über Nahrungsmittelpreise dagegen wird weniger geredet und geschrieben. Dabei sind die beiden Kriegsparteien in Europa, Russland und die von ihr angegriffene Ukraine, die Kornkammern in Europa. Auch wenn der Krieg in der Ukraine nun schon mehr als vier Jahre dauert, so tritt er doch gerade in eine neue Phase, die auch die Finanzmärkte beschäftigen könnte. Es häufen sich Berichte über zunehmende russische Angriffe auf Hafenanlagen am Schwarzen Meer. Die Ukraine wickelt rund 90 Prozent ihrer Getreideexporte über diese Häfen ab. Wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen werden neue Exportwege gesucht, doch auch die haben in diesem Sommer wegen der knappen Pegelstände der Donau ihre Tücken. Landwirtschaftsministerium in Kiew senkt Exportprognose Es zeichnet sich immer klarer ab: Die Ukraine wird im laufenden Erntejahr 2026/27 wegen der russischen Angriffe auf die Häfen am Schwarzen Meer weniger Getreide exportieren als bislang erwartet. Das Landwirtschaftsministerium in Kiew hat gerade seine Prognose um 3 bis 5 Millionen Tonne auf 38 bis 40 Millionen Tonnen gesenkt. Die Commerzbank rechnet auch deshalb damit, dass der europäische Weizenpreis „vorerst auf dem aktuell hohen Niveau von rund 230 Euro je Tonne verharren“ wird, wie ihr Analyst Carsten Fritsch am 11. August schrieb. Am darauffolgenden Mittwoch kostete Weizen an der Börse nun nach einem Preisrückgang um 4 Prozent im Wochenvergleich 213 Euro je Tonne. Vor einem Jahr waren es 195 Euro je Tonne, also ein Preisanstieg um immerhin 9,5 Prozent. Mais kostet in Chicago 13 Prozent mehr als vor einem Jahr. Der Finanzdienst Bloomberg gibt für die europäischen Börsen sogar einen Maispreis an, der um 33 Prozent höher liegt als vor Jahresfrist. In den Verbraucherpreisen in Europa und Deutschland sind diese höheren Agrarrohstoffpreise aber offenbar noch nicht vollständig angekommen. Die hartnäckig hohe Inflation wird derzeit vielmehr von steigenden Energiepreisen getrieben. Zuletzt betrug die jährliche Inflationsrate in Europa im Juli 2,9 Prozent, im Juni wurden 2,8 Prozent Jahreszuwachs gemessen. Der Anstieg der Lebensmittelpreise hat sich nach Daten der Europäischen Zentralbank dagegen im Juli von 1,5 auf 1,2 Prozent abgeschwächt. Der FAO-Index für internationale Agrarprodukte zeigte im Juli, dass die Preise für Olivenöl von Rekordständen zurückgingen und Milchprodukte, Zuckerwaren und Kaffee nicht mehr überdurchschnittlich zur Teuerung beitrugen. Der Index zeigte aber eben auch den starken Anstieg der Weizenpreise um nahezu 10 Prozent. Damit könnten sich auch demnächst die Kosten für die menschliche Ernährung erhöhen. Denn Produzenten von Brot, Müsli, Kuchen, Nudeln und Bier dürften die höheren Rohstoffpreise an die Verbraucher weitergeben – schließlich benötigen sie alle Weizen. Frankreich erwartet schlechteste Maisernte seit 1980 Der Angreifer Russland und die angegriffene Ukraine liefern üblicherweise ein Viertel des europäischen Getreides. Westeuropäische Länder werden die Ausfälle aus dem Kriegsgebiet kaum ersetzen können. In Frankreich werden wegen Waldbränden vielmehr verheerende Einbußen in der gerade laufenden Ernte erwartet. Agreste, der Statistik- und Prognosedienst des Landwirtschaftsministeriums in Paris, prognostiziert für Frankreich in diesem Jahr nur noch eine Körnermaisernte von 8,8 Millionen Tonnen – es wäre das schlechteste Ergebnis seit 1980. Falls Mais knapp wird, könnte das Tierfutter für Schweine, Geflügel und Rinder teuer werden und damit in einem späteren Schritt auch der Fleischkonsum für die Verbraucher. Davon ist allerdings bisher nur zum Teil etwas zu sehen. Nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahresvergleich Rind- und Kalbfleisch zuletzt um 7,4 Prozent teurer, Brot dagegen nur um 2,2 Prozent. Der rumänische Hafen Constanța als neuer Anlaufpunkt Kritisch sind auch die durch den Ukrainekrieg ohnehin angespannten Lieferketten. Sie werden durch die niedrigen Pegelstände europäischer Flüsse zusätzlich strapaziert. Denn nicht nur der Rhein, sondern etwa auch die Donau hat Rekordniedrigwasser. Das ist wichtig, weil über diesen Fluss viel Weizen aus der Schwarzmeerregion in die EU gelangt – vor allem eben weil ukrainische Schwarzmeerhäfen wie Odessa immer wieder beschossen werden. Wegen dieser russischen Angriffe ist der im Südwesten von Odessa gelegene rumänische Hafen Constanța zu einem wichtigen alternativen Ausgangspunkt für ukrainisches Getreide auf dem Weg vom Schwarzen Meer zu den Weltmärkten geworden. Die Fracht aus der Ukraine erreicht diesen Hafen mit der Eisenbahn über die Republik Moldau und wird dann mit Lastkähnen über die Donau weiter verschifft. Doch Hitzewellen und das Ausbleiben von Regen haben den Wasserstand des Flusses sinken lassen und zwingen die Schiffe, geringere Ladungsmengen zu transportieren. Dadurch werde der Flusstransport teurer, berichtet die Agentur Bloomberg. Außerdem sind durch die rekordniedrige Donau die Ausfuhren aus Rumänien beeinträchtigt. Dieses Land hatte in diesem Sommer besseres Wetter als andere Regionen und erwartet eine Rekordernte. So könnte Rumänien mit seinen Getreidelieferungen eine mögliche Knappheit ein Stück ausgleichen. Aber Stan Tiberiu-Dan, stellvertretender Vorsitzender des Verbands der professionellen Landwirte und Verarbeiter Rumäniens, klagte gegenüber Bloomberg: „Rumänische Landwirte haben keinen Zugang mehr zu Lastwagen, und die Transportkosten sind drastisch gestiegen.“
