Wilhelm Leuschner hat alles riskiert – und alles verloren. Am Ende sogar sein Leben. Der sozialdemokratische Gewerkschafter und vormalige Innenminister des Volksstaates Hessen beteiligte sich an der Planung des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 – Leuschner sollte in der geplanten neuen Regierung Vizekanzler werden. Wenige Monate nach dem Scheitern des Attentats, am 29. September 1944, wurde Leuschner im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee von Nazi-Schergen durch Erhängen hingerichtet. Einen Tag vor der Vollstreckung des Todesurteils soll er vor seiner Zellentür gerufen haben: „Morgen werde ich gehenkt, schafft die Einheit.“ Er meinte vermutlich die Einheit aller Hitlergegner. Auf längere Sicht betrachtet ist Leuschner aus dem Kampf zwischen den Kräften des Guten gegen die des Bösen als Sieger hervorgegangen. Denn acht Jahrzehnte nach dem Attentat und dem Aufstandsversuch gegen die Diktatur ist in unserem demokratischen Deutschland trotz aller Mängel mehr oder weniger das erreicht, was Leuschner sich damals zum Ziel gesetzt hatte: Bildung für alle, Föderalismus statt Zentralismus, eine Einheitsgewerkschaft statt Zersplitterung, eine soziale, liberale und wehrhafte Demokratie. Leuschner hat für seine Vorstellungen einer gerechten Gesellschaft nicht dezidiert diese Worte benutzt. Sie stammen vielmehr von Wolfgang Hasibether, dem Kurator der Ausstellung „Wilhelm Leuschner“, die bis zum 26. Februar im Frankfurter Gewerkschaftshaus an der Wilhelm-Leuschner-Straße für jedermann unentgeltlich zu sehen ist. Anlass ist das Jubiläum der hessischen Landesverfassung, die im Dezember 1946 mit einem Volksentscheid angenommen wurde. Die Straße vor dem Gewerkschaftshaus ist mit gutem Grund nach Leuschner benannt, schließlich war er 1926 zum Bezirkssekretär des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes mit Sitz in Frankfurt gewählt worden. Leuschner trat früh für ein Verbot der NSDAP ein Der 1890 in Bayreuth geborene Leuschner, der eine Lehre als Holzbildhauer absolviert und nach einer Wanderschaft durch die deutschen Lande seine Künste an der Königlichen Kunstgewerbeschule in Nürnberg verfeinert hatte, schloss sich früh der Gewerkschaftsbewegung an, übernahm als junger Mensch schon Verantwortung. Seinen Namen trägt heute die höchste Auszeichnung des Landes Hessen, die Wilhelm-Leuschner-Medaille, die der damalige Ministerpräsident Georg-August Zinn 1964 gestiftet hat. Zuletzt wurde 2025 postum die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit dem Orden geehrt. „Schafft die Einheit“, waren Leuschners letzte Worte, die auf uns gekommen sind. Philipp Jacks, der Frankfurter DGB-Vorsitzende, interpretierte bei der Eröffnung der Ausstellung diese dringende Forderung Leuschners für die heutige Zeit. „Wir dürfen uns nicht spalten lassen“, sagte Jacks und meinte damit alle demokratischen Kräfte. Wehrhaft sollten die Demokraten den Feinden des parlamentarischen Systems entgegentreten. Das heißt für Jacks, dass die Verfassungstreue der AfD überprüft werden muss. Darmstadts Oberbürgermeister Hanno Benz (SPD) wurde noch deutlicher. Die Politik müsse den Mut aufbringen, die AfD vom Bundesverfassungsgericht prüfen zu lassen: „Wenn sie nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht, muss sie verboten werden.“ Beide, Jacks und Benz, beriefen sich auf Leuschner, der als hessischer Innenminister 1931 die „Boxheimer Dokumente“, also geheime Pläne der NSDAP für eine gewaltsame Machtübernahme, öffentlich machte und Hitler wegen Landesverrats vor Gericht bringen wollte. Was an der Reichsstaatsanwaltschaft scheiterte. Leuschner trat für ein Verbot der NSDAP ein. Hätte er Erfolg gehabt, wäre dem deutschen Volk und der Welt viel Schlimmes und Schreckliches erspart geblieben. Oberbürgermeister Benz kam zur Eröffnung nach Frankfurt, weil in Darmstadt die Ausstellung konzipiert worden ist. 1928, als Leuschner hessischer Innenminister wurde, saßen die Regierung und das Parlament des damaligen Volksstaats Hessen in Darmstadt. Leuschner war dort zuvor schon als Gewerkschafter aktiv gewesen, hatte sich für die Bildung der Arbeiter eingesetzt und eine Volkshochschule mitgegründet. „Emanzipation durch Bildung“, lautete seine Parole. Für Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) zählen neben der Bildung auch die Kultur und der Sport zu den unverzichtbaren Emanzipationswerkzeugen gerade auch der arbeitenden Bevölkerung. Doch die Städte hielten Sport und Kultur nur als „freiwillige Leistungen“ vor. Er weigere sich zu akzeptieren, dass eine Kommune theoretisch jederzeit auf sie verzichten könne. Vermutlich wäre Leuschner mit Josef einig gewesen. „Aus der politischen Demokratie muss die soziale Demokratie werden“, lautete eine seiner Grundüberzeugungen. Und zur sozialen Demokratie hätte er vermutlich auch die Teilhabe an Bildung, Kultur und Sport gezählt. Die Wanderausstellung „Wilhelm Leuschner“ ist bis zum 26. Februar 2027 von Montag bis Freitag zwischen 8 und 19 Uhr im Foyer des Frankfurter Gewerkschaftshauses, Wilhelm-Leuschner-Straße 66–77, zu sehen. Der Eintritt ist frei.
