FAZ 24.09.2026
11:47 Uhr

Türkischer Fußball: Wie ein Fußballklub zum Symbol kurdischer Selbstbehauptung wurde


Jeder dritte Kurde in der Türkei ist ein Fan von Amedspor. Dieses Potential will die Regierung im Friedensprozess mit der PKK nutzen. Doch es gibt auch Risiken.

Türkischer Fußball: Wie ein Fußballklub zum Symbol kurdischer Selbstbehauptung wurde

Kurz vor 22 Uhr am Sonntagabend ist die Sensation perfekt. Amedspor, der Aufsteiger aus der kurdischen Provinzstadt Diyarbakır, rückt auf die Tabellenspitze der türkischen Süper Lig vor. Feuerwerk in den Vereinsfarben Grün, Rot, Weiß erleuchtet den Nachthimmel, als der Schiedsrichter das Heimspiel gegen den Istanbuler Fußballklub Beşiktaş abpfeift. Endstand 3:2. In der Innenstadt von Diyarbakır tanzen Frauen auf dem Bürgersteig. Kinder recken Fußballschals aus offenen Autodächern, während ihre Väter hupend durch die Straßen rasen. Das Teras-Café vor der Großen Moschee von Diyarbakır dreht die Musik auf volle Lautstärke. Die Menschen, die hier feiern, hatten lange nichts zu feiern. In derselben historischen Innenstadt lieferten sich vor zehn Jahren kurdische Rebellen Häuserkämpfe mit der türkischen Staatsmacht. Die Bewohner des Viertels wurden vom türkischen Staat vertrieben, ihre Häuser abgerissen und durch Touristencafés ersetzt. An manchen Moscheen sind noch Einschusslöcher zu sehen. Der bewaffnete Konflikt wirkte sich auch auf den Fußball aus. Amedspor, damals noch Drittligist, wurde zum Hassobjekt türkischer Nationalisten und infolgedessen zum Symbol kurdischer Selbstbehauptung. In den Stadien gab es rassistische Hetze gegen Kurden und Symbole, mit denen Folteropfer und Getötete herabgewürdigt wurden. Um Gewalt zu verhindern, wurden die Amedspor-Fans von Auswärtsspielen ausgeschlossen und die Fans bestimmter Klubs von Reisen nach Diyarbakır abgehalten. Der Hass entzündete sich am Namen Amed Der Hass entzündete sich am Namenswechsel des Vereins, der bis 2014 noch Diyarbakır hieß. Amed, so nennen Kurden die Stadt, wenn sie die kulturelle Identität und eigene Geschichte des kurdischen Volkes betonen wollen. Türkische Politiker schäumten, etwas wie Amed gebe es nicht. Der nationale Fußballverband hatte den Namenswechsel nur genehmigt, weil es 2014 einen Friedensprozess gab, der dann scheiterte. An einem ähnlichen Scheideweg steht das Land nun abermals. Die militante „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) soll in diesen Tagen ihre Waffen abgeben. Dafür sollen in den kommenden Monaten Tausende kurdische Häftlinge freikommen und Tausende Guerilla-Kämpfer aus den Kandilbergen im Nachbarland Irak in die Türkei zurückkehren. Die Stimmung in Diyarbakır schwankt zwischen Hoffnung, Enttäuschung und Misstrauen. Der Prozess ist intransparent. Niemand weiß, was wann passieren wird und ob überhaupt. Viele Forderungen wurden gar nicht adressiert. Eine Aufarbeitung des blutigen Konflikts ist nicht vorgesehen, noch ist von einer Anerkennung der kurdischen Sprache die Rede. Auch diesmal richten sich viele Blicke auf den Fußball. „Amedspor kann eine Rolle spielen, indem es gesellschaftliche Spannungen verringert und den Geist des Friedensprozesses unterstützt“, sagt Vereinspräsident Nahit Eren in seinem Büro im Hauptquartier des Klubs. Das hat er im August auch dem Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan gesagt, als dieser ihn in seinen Palast einlud. Er übergab Erdoğan ein Amedspor-Trikot mit dessen Namen. Der Präsident ließ sich damit fotografieren. Gesten der Versöhnung in einem mehr als 40 Jahre alten Konflikt. Aber Eren weiß, dass es auch schiefgehen kann. Provokateure könnten versuchen, die Symbolkraft von Amedspor zu instrumentalisieren, um den Friedensprozess zu torpedieren. Die ultranationalistische Partei des Sieges ist bereits dabei. „Die Verantwortung für den Verein ist größer als für eine Partei“ Der Amedspor-Präsident ist von Haus aus Jurist. Früher hat er die Anwaltskammer von Diyarbakır geleitet. Er kennt das Ringen um die Rechte der kurdischen Minderheit aus eigener Anschauung. Trotzdem könne er selbst kaum glauben, welche gesellschaftliche Bedeutung Amedspor innerhalb des vergangenen Jahres bekommen habe, sagt er. „Für dieses wachsende Potential verantwortlich zu sein, ist schwerer, als eine politische Partei zu führen.“ Amedspor ist für Kurden das, was der FC Barcelona für Katalanen ist. „Wer sind wir?“, lautet ihr Schlachtruf. „Wir sind die Kurden.“ Laut einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts Rawest bezeichnet sich fast jeder dritte erwachsene Kurde in der Türkei als Anhänger von Amedspor. Zu den Heimspielen kommen jetzt Fans aus dem gesamten kurdisch geprägten Südosten des Landes. Außerdem aus Istanbul, wo viele Kurden leben – und aus Deutschland, wo die größte kurdische Diaspora in Europa lebt. In Hannover wurde im Mai der erste offizielle Amed-Fanshop in der EU eröffnet. Das Stadion in Diyarbakır fasst 33.000 Besucher. Zuletzt gab es pro Spiel mehr als 100.000 Ticket-Anfragen. An den Heimspielwochenenden sind die Flüge nach Istanbul und Deutschland bis auf den letzten Platz gefüllt. Manche Fans kommen selbst dann, wenn sie keine Tickets ergattert haben. Die Zahl der Touristen in Diyarbakır hat sich seit dem vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. Amedspor wurde zum sicheren Ort für Identitätspolitik Rawest-Direktor Roj Girasun sieht zwei Gründe für die hohe Identifikation mit dem Verein: den Aufstieg in die Süper Lig und die Repressionen gegen die kurdische Zivilgesellschaft seit 2015. Gewählte Bürgermeister wurden abgesetzt, kurdische Politiker festgenommen und kurdische Medien zum Schweigen gebracht. Es blieb: der Fußball. „Amedspor wurde zu einem der sichereren Orte, wo Leute sich und ihre kurdische Identität ohne hohe Risiken ausdrücken konnten.“ Von den Zuschauerrängen wurden politische Botschaften gerufen, die andernorts verboten waren. Etwa für die Freilassung des inhaftierten Kurdenführers Selahattin Demirtaş. Am Sonntag trägt ein Fan ein großes Porträt des Politikers ins Stadion. Andere tragen Schals und T-Shirts mit seinem Bild. Kurdische Identitätsfragen sind gerade in dieser Phase des Friedensprozesses eine sensible Angelegenheit. Das zeigt die Reaktion des Parteichefs der MHP, Devlet Bahçeli, auf die Amedspor-Studie. Er warf dem Rawest-Institut vor, „den Verrat des Separatismus am Leben halten“ zu wollen. Bahçeli ist ein Verbündeter von Präsident Erdoğan und der wichtigste Fürsprecher des Entwaffnungsprozesses. Girasun glaubt, dass es Bahçeli darum gegangen sei, die hitzigen Debatten über Amedspor abzukühlen. „Bahçeli ist wahrscheinlich beunruhigt darüber, dass so viel Widerstand gegen den Prozess in Fußballstadien zu sehen ist.“ Girasun meint damit Widerstand von Ultranationalisten, die lautstark den inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan beleidigen, was wiederum kurdische Fans zu Gegenreaktionen provozieren könnte. Hidayet Akboğa kennt solche Situationen. Der Sprecher des Amedspor-Fanklubs „Barikat“ (Barrikade) hat gerade eine einjährige Sperre hinter sich gebracht. „Trotz des Friedensprozesses setzt sich die rassistische Rhetorik auf den Rängen fort“, sagt er. Sein Fanklub habe eine Verantwortung, „dagegen Stellung zu beziehen“. Akboğa gesteht zu, dass sich seit dem Beginn des Friedensprozesses etwas verändert habe. „Der Druck der Sicherheitskräfte hat nachgelassen.“ Für viele Türken sind die Farben Grün-Rot-Gelb eine Provokation Gleichzeitig ging die türkische Justiz bei den jüngsten Spielen demonstrativ gegen antikurdische Ausfälle vor. So wurde ein Fan von Trabzonspor festgenommen, nachdem er mit der Aussage „Der beste Kurde ist ein toter Kurde“ gefilmt wurde. Kocaelispor-Fans wurden festgenommen, nachdem sie im Stadion gelbe Säcke geschwenkt hatten. Sie symbolisierten Leichensäcke toter PKK-Kämpfer. Die Amedspor-Fans dürfen seit diesem Jahr erstmals wieder zu Auswärtsspielen reisen. Aber viele ihrer Symbole müssen sie zu Hause lassen. Zum Beispiel Fan-Trikots in Grün-Rot-Gelb, den Farben der kurdischen Bewegung, die manche Türken mit dem Terror der PKK in Verbindung bringen. Das gilt auch für den roten Stern im Logo des Fanklubs. Nichtkurden würden Amedspor oft empfehlen, sich nicht so politisch und mehr wie ein „türkisches Team“ zu verhalten, um noch erfolgreicher zu sein, sagt Fanklubsprecher Akboğa. Aber das widerspreche den Gründungsprinzipien des Vereins. „Die Satzung des Teams wurde mit der Vision geschrieben, dass es das kurdische Volk und andere unterdrückte Völker vertreten soll. Die Fans erwarten, dass wir dieses Ethos aufrechterhalten.“ Zugleich lege man Wert darauf, Fanatikern und Hooligans keine Plattform zu bieten. Seit dem Aufstieg des Vereins haben sie Tausende neue Beitrittsanfragen bekommen. Um nicht die Kontrolle zu verlieren, hat der Fanklub mit seinen 6000 Mitgliedern, davon mehr als 500 in Deutschland, vorerst alle Neueintritte gestoppt. Amedspor hat als einziger Verein einen Frauenfanklub Bei Amedspor sind sie stolz darauf, der einzige Verein im Land mit einem Frauenfanklub zu sein. „Wir wollen Frauenpower zeigen und unsere Präsenz in allen Bereichen spürbar machen, auch im Fußball“, sagt Klubsprecherin Ayşe Güneyli. Ihr Schlachtruf kommt aus der kurdischen Bewegung: „Frau, Leben, Freiheit“. Oft rufen sie auch den Namen ihrer Heldin, der kurdischen Politikerin Leyla Zana, die viele Jahre in türkischen Gefängnissen verbracht hat. „Wir stellen uns aufrecht gegen die faschistischen Haltungen, mit denen wir attackiert werden“, sagt Güneyli. Damit meint sie zum Beispiel den „Wolfsgruß“ der ultranationalistischen Organisation Graue Wölfe, der regelmäßig in türkischen Stadien gezeigt wird. Anders als andere Vereine in der Türkei hat der neue Tabellenführer keinen Hauptsponsor an seiner Seite. Stattdessen wirbt jede Woche ein anderes lokales Unternehmen aus Diyarbakır auf den Trikots. Am vergangenen Sonntag war es ein Einkaufszentrum. Große Unternehmen scheuen die Assoziation mit dem politisch aufgeladenen Verein. In der Vergangenheit mussten Sponsoren auch den Argwohn des Staates fürchten. Das ist seit dem Friedensprozess weniger der Fall. „Die Präsenz von Amedspor in der Süper Lig ist Chance und Risiko zugleich. Es hängt davon ab, wie die Situation gemanagt wird“, sagt der Politikwissenschaftler Vahap Coşkun, der ein Buch über den Verein geschrieben hat. In seinem Büro an der Universität von Diyarbakır stehen Bücher mit Titeln wie „Mit Terroristen reden“ und „Über Frieden reden“. Coşkun hat untersucht, welche gesellschaftlichen Kräfte die Entwicklung des Vereins geprägt haben. Eine große Rolle schreibt er der prokurdischen DEM-Partei zu. Amedspor sei gewissermaßen ihr „Hinterhof“. Die kurdische Identität des Vereins werde von den Funktionären bewusst gefördert. Zum Beispiel durch Besuche bei der politischen Führung der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Und dadurch, dass Fans aus den kurdischen Städten der Südosttürkei in Bussen zu Heimspielen nach Diyarbakır transportiert werden. Coşkun glaubt, dass dauerhafter sportlicher Erfolg die symbolische Bedeutung des Teams verändern könne. Etwa dann, wenn Amedspor an europäischen Pokalwettbewerben teilnehme. „Dann würde Amedspor die Türkei repräsentieren. Manche Leute könnten das Team dann nicht mehr so ablehnen, wie sie es vorher getan haben.“