Am Montagabend war es ganz ruhig auf der Sportanlage Hans Rosenthal im Westen Berlins. Zum Training der B-Jugend des ortsansässigen Vereins Tennis Borussia fanden sich vier Spieler ein. Ihre Mannschaftskameraden waren zu Hause geblieben, so wie fast alle Kinder und Jugendlichen, die bei Tennis Borussia spielen. Ob freiwillig, auf Geheiß ihrer Eltern oder ihrer Trainer, lässt sich nicht sagen. Vieles, was dieser Tage bei Tennis Borussia passiert, ist längst nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint. Am Wochenende war keine einzige Nachwuchsmannschaft des Vereins zu ihren Spielen angetreten. Trainer und Spieler befinden sich im Streik. Der richtet sich gegen den Vereinsvorstand und ganz speziell gegen den Vorstandsvorsitzenden Ariel Gala. Sichtbar wurde die Wut des Nachwuchses am Sonntag am Rande des Spiels der ersten Männermannschaft, als rund 20 Junioren, alle zwischen 14 und 17 Jahre alt, im Stadion für jedermann sichtbar „Gala raus!“ riefen. Ein zuverlässiges Sprungbrett auf dem Weg Richtung Profikarriere Nun ist Tennis Borussia kein gewöhnlicher Amateurklub, sondern ein gestürzter Riese: Er war Bundesligaklub in den Spieljahren 1974/75 und 1976/77, DFB-Pokal-Halbfinalteilnehmer 1994 und viele Jahre lang Mitglied der zweiten Liga. Hermann Gerland, Winfried Schäfer und Mirko Slomka waren dort Trainer, Nationalspieler Jérôme Boateng erhielt einen Teil seiner fußballerischen Ausbildung bei TeBe, wie die Berliner sagen. Große Namen, große Tradition. Die Gegenwart ist dagegen trist. Lizenzentzug und Insolvenz gehören zu diesem Jahrtausend genauso wie der Sturz in die Fünftklassigkeit und Wechsel der Vereinsführung. Wenn sich Tennis Borussia in der jüngeren Vergangenheit auf etwas verlassen konnte, war das die herausragende Jugendarbeit. Der Klub ist ein zuverlässiges Sprungbrett auf dem Weg zur Profikarriere, die Nachwuchsmannschaften sind regelmäßig in den höchsten Spielklassen des Landes vertreten. Nun aber bereitet ausgerechnet der erfolgreichste Bereich der Fußballabteilung die größten Sorgen. Was ist passiert? Am Freitag trafen sich 24 Trainer von der U 7 bis zur U 19 mit zwei Mitgliedern des Aufsichtsrats, um aus ihrer Sicht gravierende Missstände anzusprechen. Es ging unter anderem um „systematische Mängel“, die vor allem dem Vorsitzenden Ariel Gala zur Last gelegt werden, um personelle Diskontinuität. Das Fehlen von Trainingsmaterialien und Trainingskleidung wurde ebenso moniert wie ein Abwälzen der Fahrtkosten auf die Eltern. Tennis Borussias Jugendmannschaften legen an den Wochenenden beträchtliche Strecken zurück, unter anderem nach Schwerin, Rostock oder Zwickau. Dazu kommt, dass der monatliche Beitrag inzwischen 45 Euro beträgt, überdurchschnittlich viel. „Ich will einfach wieder auf den Platz“ Die Trainer fühlen sich vom Verein mit ihren Problemen alleingelassen, auch vermuten manche eine sogenannte Querfinanzierung zugunsten der ersten Männermannschaft. Das heißt, dass Gelder, die eigentlich für die Jugend gedacht sind, den Männern zur Verfügung gestellt werden. Dies weist Vereinssprecher Uli Krug zurück. „Das Gegenteil ist der Fall. In der vergangenen Saison halfen die Männer mit, die Jugendabteilung zu unterstützen“, sagt Krug. Das Bild einer geschlossenen Trainerschaft, die hinter dem Streik steht, bröckelte aber in den vergangenen Tagen. Chatverläufe und Gespräche, die die F.A.Z. mit Trainern führte, erzeugen eher den Eindruck, dass sie das Geschehen still mittragen, etliche fürchten, als „Verräter“ dazustehen, wenn sie sich nicht solidarisieren. „Ganz ehrlich. Ich will einfach wieder auf den Platz und hab einfach keine Zeit und keine Lust auf irgendwelche Vereinspolitik“, schreibt einer. Der Verein reagierte auf den Streik, indem er die Cheftrainer der U 17, U 19 und den Kaderplaner, die der Klub als Rädelsführer ausmachte, von ihren Aufgaben entband beziehungsweise ihnen keine neuen Verträge anbot. Die von der Gruppe monierten Punkte wies der Klub in einer auf der Homepage veröffentlichten Stellungnahme zurück. Für Fernfahrten sei es regelmäßig zur Bereitstellung von Kleinbussen gekommen. Zum Thema Kleidungs- und Materialschwund heißt es: „Zuletzt stockte jedoch die Herausgabe bereits vorhandener Ware durch die bislang verantwortlichen Personen.“ Dafür verantwortlich war laut Verein bis vor Kurzem der Kaderplaner der Nachwuchsabteilung. Der weist die Vorwürfe zurück. „Ich habe weder Material bestellt, noch habe ich es zurückgehalten“, sagt er. Dass er sich keines Fehlverhaltens schuldig machte, könne er belegen. Wo all die Taschen, Trainingsanzüge und Trikots geblieben sind, die nun eine derartige Krise auslösen, ist Gegenstand interner Ermittlungen. Tennis Borussia richtet aus, die Vorgänge juristisch zu prüfen. Recherchen der F.A.Z. legen nahe, dass sie nur Werkzeuge eines Machtkampfes sind, der seit Längerem bei Tennis Borussia schwelt. Wurden Materialien zurückgehalten, um Ärger zu stiften? Am 11. August gab der Verein das Ausscheiden eines Vorstandsmitgliedes bekannt, „auf einstimmige Bitte der übrigen Vorstandsmitglieder“, wie es in der Mitteilung heißt. Ihm werden „interne Verfehlungen“ vorgeworfen, so Vereinssprecher Krug. Jenes Vorstandsmitglied pflegte angeblich eine enge Beziehung zu besagtem Kaderplaner, der für den Materialschwund verantwortlich gemacht wird. Der F.A.Z. liegen Auszüge von Rechnungen für durch den Vorstand bestellte Materialien vor, unter anderem handelt es sich um Taschen und Trolleys. Laut einem betroffenen Vater kamen diese aber nie bei den Spielern an. Wurden absichtlich Materialien zurückgehalten, um Ärger und Unfrieden unter den Trainern und Eltern zu stiften? Dass, anders als in öffentlichen Beiträgen erwähnt, im Vorstand schon länger Unmut über die Arbeit des Kaderplaners herrschte, zeigte sich unter anderem durch die Installierung eines neuen Jugendleiters im Sommer. Der in Berlin erfahrene Hasan Keskin wurde mit dem Auftrag geholt, alte Strukturen aufzubrechen und interne Prozesse zu überwachen. Hinter vorgehaltener Hand heißt es immer wieder, dass dort Kaderplätze gegen Geldzahlungen der Eltern oder aufgrund persönlicher Bekanntschaften vergeben werden. Ein Vorwurf der Trainerschaft bezieht sich darauf. So soll der Vorstandsvorsitzende Gala Geld von Eltern angenommen haben, damit ihre Kinder spielen. Gala verneint dies vehement. Ähnliche Vorwürfe gibt es aber auch in Richtung des Kaderplaners, auch er soll Plätze an ihm wohlgesonnene Personen verteilt haben. Auch er bestreitet dies und weist auf ein „Zehnaugenprinzip hin“, wonach fünf Personen für die Erteilung eines Kaderplatzes zuständig sein sollen. „Unsere alten Mitglieder würden sich im Grabe umdrehen“ Der Vater eines Spielers, der von einer Entscheidung des Kaderplaners profitiert haben soll, soll nun ein Schreiben an den Vorstand und Aufsichtsrat verfasst haben. Das zweiseitige Schriftstück, welches der F.A.Z. vorliegt, bezieht sich abermals auf die erwähnten Materialprobleme, außerdem wird darin die Bearbeitung eines Abwahlantrags gegen den Vorstandsvorsitzenden Ariel Gala gefordert. Bis zur Bearbeitung des Antrags würden die Eltern ihre Beitragszahlungen aussetzen. Es wird also Druck ausgeübt, um den Abtritt des Vorstandsvorsitzenden zu erzwingen. In dem Schreiben ist von „der Elternschaft der U14“ die Rede, ein geschlossener Eindruck soll vermittelt werden. Davon kann aber keine Rede sein. Etliche Eltern verweigerten der Forderung nach Ablösung des Vorstandsvorsitzenden ihre Zustimmung und sprachen sich lediglich für den Verbleib des Trainerteams aus. Derzeit ist nicht klar, welche Trainer nach den Ereignissen der vergangenen Tage bei Tennis Borussia weitermachen. Die Hoffnung der Verantwortlichen, dass durch die Absetzung der Initiatoren des Streiks Ruhe und eine Rückkehr in den normalen Trainings- und Spielbetrieb stattfinden, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil. Gespräche mit Trainern, Spielern und Eltern, die die F.A.Z. führte, zeichnen ein Bild der Verunsicherung auf allen Seiten. Wie es in der nahen Zukunft weitergeht, weiß niemand. Zu Wochenbeginn veröffentlichte der Klub einen Aufruf zur Trainersuche, Tennis Borussia sucht neue Übungsleiter für die frei gewordenen Stellen. „Wir wünschen uns natürlich, dass so schnell wie möglich Normalität einkehrt“, sagt Vereinssprecher Uli Krug. Danach sieht es aber nicht aus. Auch am Dienstag konnte von einem normalen Trainingsbetrieb keine Rede sein. Der Imageschaden, der Tennis Borussia gerade entsteht, ist enorm. Ganz zu schweigen von den fehlenden Punkten durch die Nichtantritte. „Der Verein kann auf eine lebendige, über hundert Jahre alte Geschichte zurückblicken“, sagt Jugendleiter Hasan Keskin. „Ich bin nur froh, dass unsere alten Mitglieder das nicht mehr miterleben müssen. Sonst würden sie sich im Grabe umdrehen.“
