FAZ 13.09.2026
10:52 Uhr

Taufe wie am Jordan: Wenn die Pfarrerin in den See steigt


Die Kirchen verlieren stetig Mitglieder, dabei sehnen sich viele nach Segnung und Spiritualität. Im hessischen Hanau wählt eine Gruppe Pfarrer einen ungewöhnlichen Weg, um die Menschen zurückzugewinnen.

Taufe wie am Jordan: Wenn die Pfarrerin in den See steigt

Silke aus Hanau gerät ins Schwärmen, wenn sie an den 26. Juni zurückdenkt: „Es war phantastisch. Ich fühlte mich unendlich glücklich.“ An dem heißen Sommertag gab die 55 Jahre alte Angestellte im Prozessmanagement ihrem Mann Andreas, 49 Jahre alt und IT-Spezialist, im Schloss Langenselbold das Ja-Wort. Dabei ist das Paar schon seit vielen Jahren verheiratet. Aber eben nur standesamtlich. Nun holte es nach, was ihm bisher vielleicht unbewusst gefehlt hat – das feierliche Zeremoniell einer kirchlichen Trauung und Gottes Segen für seine Verbundenheit. Wie fast 60 weitere Paare nutzten Silke und Andreas an diesem Tag das Angebot „einfach heiraten“ der Evangelischen Kirche in Deutschland. Es ermöglicht unkomplizierte, oft spontane Trauungen, Segnungsfeiern oder die Wiederholung des Trauversprechens sowohl an ungewöhnlichen Orten als auch ganz klassisch in der Kirche. Den Aufwand bestimmen die Nutzer allein. Bei einer Trauung genügen die Personalausweise und die Trauurkunde des Standesamts, mindestens ein Partner muss Mitglied der evangelischen Kirche sein. So ist es möglich, dass die kirchliche Trauung offiziell in die Kirchenbücher eingetragen wird. Bei einer kirchlichen Segensfeier fällt das weg. „Die meisten Interessenten sind erstaunt darüber, wie unkompliziert die kirchliche Hochzeit oder Segensfeier bei uns ist“, sagt Pfarrerin Margit Zahn. Sie leitet im Kirchenkreis Hanau die Projektstelle für Kasualien, also kirchliche Amtshandlungen, und betreut in diesem Rahmen das Projekt „leben. feiern.“ für verschiedene Lebensanlässe. Die Projektstelle bietet den Menschen einen möglichst einfachen, unbürokratischen Weg, die Sakramente oder einen Segen auch an ungewöhnlichen Orten zu empfangen und damit einen Weg hin oder zurück zur Kirche zu finden. Beliebt sind etwa die sogenannten Drop-in-Taufen, die den Zugang zur Taufe erleichtert sollen. Wie bei „einfach heiraten“ bietet Zahn sowohl Taufaktionen – sie stehen unter dem Motto „Für dich. Segen spüren. Taufe erleben“ – als auch Einzeltaufen im Rahmen eines Aktionszeitraums an. Sie findet die Tauftage besonders spannend. Man wisse nie, wer komme und wie viele Menschen es sein werden. Besonders viele waren es kürzlich im Strandbad am Kinzigsee in Langenselbold. „Es ist ein wunderbares Fest geworden. Wir hatten mit ungefähr 500 Menschen gerechnet, und es wurden wohl auch mindestens so viele, weil unsere Bänke nur knapp gereicht haben“, erzählt Zahn begeistert. „35 Kinder haben wir getauft. Weil das Wetter dann doch noch sonnig und mild wurde, haben viele Familien mit ihren Kindern an ihrem Wunsch nach einer Taufe im See festgehalten und vier von uns sieben Pfarrpersonen sind im Talar mit in den See gegangen.“ Es gebe viele Menschen, die schon länger das Bedürfnis nach dem Taufsakrament hätten. Oft scheuten sie den bürokratischen Aufwand, meint Zahn. Wer sich im Rahmen von „leben.feiern“ taufen lassen möchte, findet sich beispielsweise an einem der Aktionstage ein, die oft an der Neuen Johanneskirche in Hanau stattfinden. Jugendliche und Erwachsene brauchen lediglich ihren Personalausweis. Für Kinder genügen die Geburtsurkunde und eine Einverständniserklärung der Eltern. Kosten fallen wie bei „einfach heiraten“ nicht an. Wer möchte, kann etwas spenden, eine Liste zeigt mögliche Projekte auf. Bei einer Taufaktion werden die Gäste von ehrenamtlichen Helfern mit einem Getränk begrüßt. Darauf folgt das Seelsorgetaufgespräch mit dem jeweiligen Pfarrer oder der Pfarrerin. Dabei geht es auch um die Gestaltung der Zeremonie, die spätere Anfertigung einer persönlichen Taufkerze und die Auswahl eines passenden Taufspruchs. Die Interessenten können sich die Musik aussuchen und den genauen Ort bestimmen: am Taufbecken in der Kirche, im kleinen atmosphärischen „Turmzimmer“ im Erdgeschoss des Kirchenturmes, wo ebenfalls ein Taufbecken steht, oder auf der Wiese an der Kirche. Gelegentlich wird bei schönem Wetter draußen ein kleiner Pool aufgestellt. Die Taufzeremonie umfasst den Segen und das Aussprechen des Namens des Täuflings. Damit ist auch der Eintritt in die evangelische Kirche besiegelt. Künftig wird daher Kirchensteuer fällig. Darüber werde der Täufling immer vorab informiert, versichert die Pfarrerin. Auch der Kirchenkreis Hanau hat mit dem allgemeinen Mitgliederschwund zu kämpfen. Zählte man nach Auskunft des Dekanats 2023 noch rund 55.430 Mitglieder, waren es zwei Jahre später 3300 weniger. Seitdem setzt sich der Trend fort, dass mehr Menschen sterben als neu getauft werden und viele austreten. Der Kirchenkreis Hanau ist einer von 14 in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. In den 26 Kirchengemeinden leben ungefähr 73.000 Mitglieder. Zum Kirchenkreis Hanau gehören die Stadt Hanau ohne die Stadtteile Steinheim und Klein-Auheim, der gesamte ehemalige Landkreis Hanau sowie der Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim. Um Ressourcen und Personal einzusparen, denkt man in der evangelischen Kirche über die Zusammenlegung von Landeskirchen nach. Auf Gemeindeebene haben sich die Strukturen vielerorts schon zu größeren Einheiten verändert. In der Praxis geht es darum, den Menschen zeitgemäße Kontakte zur Kirche anzubieten, etwa durch veränderte Feierformen und -orte. Die herkömmlichen Sonntagsgottesdienste sind zwar nach wie vor wichtige Säulen der evangelischen Kirche. Sie reichen heute aber nicht mehr aus, um vor allem jüngere Menschen zu begeistern. Diejenigen zu erreichen, die mit Kirche eigentlich nicht mehr viel anfangen können, aber zugleich ein Verlangen nach Spiritualität und Segnung spüren, ist das Ziel des Projekts „leben.feiern“ mit seinen vielfältigen Aktionen wie „einfach heiraten“. Bei Silke und Andreas ist das gelungen. Die beiden hatten nach ihrem Umzug nach Hanau den Bezug zu einer Kirchengemeinde verloren. Kirche interessierte sie nicht mehr sonderlich, was sich änderte, als ihr Sohn sich konfirmieren lassen wollte. Silke und Andreas unterstützen ihn dabei und trafen so auf Pfarrerin Zahn, die dem Paar die Möglichkeit von „einfach heiraten“ schilderte. Dass sich die beiden dafür entschieden, haben sie nicht bereut. „Wir sind zwar nicht die klassischen Kirchgänger geworden, die jeden Sonntag zum Gottesdienst kommen“, meint Andreas. Aber man fühle sich jetzt der kirchlichen Gemeinde wieder verbunden und nutze immer wieder besondere Anlässe und Angebote zum Kontakt. Für ihre kirchliche Hochzeit konnten Silke und Andreas zwischen der festlich geschmückten evangelischen Kirche Langenselbold, dem Stucksaal im nahe gelegenen Schloss sowie dem Schlosspark mit seinen großen Bäumen wählen. Möglich war auch die Segnung von Paaren, etwa zu einem besonderen Jahrestag, und von nicht verheirateten gleichgeschlechtlichen Partnern. Details wurden in jedem Fall vorher besprochen. „Wir versuchen auf alle Wünsche, soweit es möglich ist, einzugehen“, so die Organisatorin. „Manche wollen zum Beispiel, dass ihr Haustier in die Zeremonie eingebunden wird. Auch das ist kein Problem.“ Hochzeit am eigenen Lieblingsort Silke und Andreas entschieden sich für den stilvollen Stucksaal des Schlosses Langenselbold als Trauungsort. „Alles war so wundervoll dekoriert. Es gab Sekt, kleine Leckereien und sogar Livemusik. Die Titel konnten wir uns aus einer Playlist aussuchen. Wir waren ganz unter uns, nur wir beide und unser Sohn“, schildert Silke ihre Erinnerungen. „Am Abend haben waren wir dann noch mit Freunden in einem Restaurant gegessen. Ein unvergesslicher Tag.“ Der nächste Trauungstag in Langenselbold ist für den 2. Juli 2027 geplant. Aber „einfach heiraten“ geht immer, auch außerhalb der Trauaktionen. Eine Mail an Pfarrerin Zahn genügt (margit.zahn@ekkw.de), um einen Termin zu bekommen. Den Ort kann man sich aussuchen, sei es die jeweilige Gemeindekirche, der Park von Schloss Philippsruhe, der Staatspark Wilhelmsbad, der eigene Garten oder ein anderer Lieblingsort, denn in der evangelischen Kirche ist die Erteilung des Trausegens nicht an eine sakrale Stätte gebunden. Das ist in der katholischen Kirche anders, in der die Ehe ein Sakrament ist. Für die Heirat außerhalb einer Kirche müssen schwerwiegende Gründe vorliegen. Wie man Kirche interessanter machen kann, damit hat Zahn Erfahrung. Als Gemeindepfarrerin organisierte sie in der Hanauer Johanneskirche jahrelang Kunstaktionen mit Bildern und Skulpturen namhafter Künstler. Dazu gab es zum Thema passende Kunstgespräche und -gottesdienste, die stets gut besucht waren. Das Projekt „leben.feiern“ begann sie im Jahr 2020 in ihrer anschließenden Funktion als Projektleiterin für kirchliche Lebensbegleitung. Der Beginn fiel ausgerechnet in die schlimmste Zeit der Corona-Pandemie. Das machte den Start schwierig und erforderte ein hohes Maß an Einfallsreichtum. In dieser Situation boten sich die vielfältigen Möglichkeiten von „einfach heiraten“ an, vor allem weil man auch im Freien und mit größeren Abständen feiern konnte. Seit diesem Jahr bietet die evangelische Kirche „einfach heiraten“ in ganz Deutschland an. Auch von Rückschlägen weiß Zahn zu berichten. Zwei Jahre lang, von 2022 bis 2024, veranstaltete sie ökumenische Segensfeiern für Schwangere. An der Aktion, die zweimal im Jahr in der Marienkirche stattfand, beteiligten sich neben Gemeindevertretern beider Konfessionen auch das Klinikum Hanau.  Doch die Resonanz sei so gering gewesen, dass die Segensgottesdienste nach zwei Jahren eingestellt worden seien. Heute allerdings werde die Schwangerensegnung häufig nachgefragt. Zahns Erkenntnis daraus: „Zu unserem Projekt gehört auch ein gewisses Maß an Risikobereitschaft, neue Angebote zu machen und über einen längeren Zeitraum anzubieten. Mit den Segensfeiern für Schwangere haben wir einfach zu früh aufgehört.“ Jetzt besucht Zahn schwangere Frauen, die den speziellen Segen erhalten wollen, zu Hause. Über einen Neustart des Angebots denkt sie nach. Die traurigen Anlässe spart „leben.feiern“ nicht aus. Wer einen nahestehenden Menschen verloren hat und für dessen Trauerfeier ein besonderes Ambiente wünscht, kann sich an Pfarrerin Zahn wenden. Der Verstorbene muss nicht unbedingt Mitglied in der evangelischen Kirche gewesen sein. Es genügt, wenn die Angehörigen eine evangelische Beerdigung wünschen und diese nicht ausdrücklich dem zu Lebzeiten erklärten Willen des Toten zuwiderlaufen würde. Zahn übernimmt die Zeremonie selbst oder vermittelt Kollegen. Begleitet werden alle erlaubten Beerdigungsformen, von der Erdbestattung bis zur Urnenbestattung unter einem Baum. Einmal hätten sich die Angehörigen eine Trauerfeier in einer Kneipe gewünscht, erinnert sich Pfarrerin Zahn. „Ich habe mich darauf eingelassen, und es war dann sehr schön. Der Gestorbene hatte dort oft auf einer Säge musiziert. Das wurde bei der Trauerfeier auch gemacht, und es gab Trommelspieler, alles sehr stimmungsvoll und passend.“ Zur nächsten großen Taufaktion von „leben.feiern“ lädt der Kirchenkreis Hanau für den 19. September von 16 bis 19 Uhr unter dem Motto „Dein Moment. Deine Geschichte. Deine Taufe“ in die Neue Johanneskirche an der Frankfurter Landstraße ein. Es ist keine Terminvereinbarung nötig.