Herr Hasanović, verraten Sie mir, wie man „Tatort“-Kommissar wird? Wird man da angerufen und gefragt, ob man darauf Lust hätte? Oder muss man sich bewerben? Bei mir war es das Erste. Der Produzent Jochen Laube, mit dem ich schon einmal einen Film gedreht hatte, hat mich gefragt, ob ich mir das grundsätzlich vorstellen könnte. Der Hessische Rundfunk hatte die „Tatort“-Produktion neu ausgeschrieben. Als es dann hieß, wir haben die Ausschreibung gewonnen, musste ich aber noch einmal intensiv nachdenken, ob ich das wirklich machen will. Weil Sie Angst hatten, dass man Sie auf diese Rolle reduzieren wird? So ist es vielen „Tatort“-Darstellern gegangen. Ja, das war der Grund. Ich hatte Sorgen, dass ich nicht mehr als Schauspieler, sondern nur noch als „Tatort“-Kommissar wahrgenommen werde, auch innerhalb der Branche. Dass man plötzlich nichts anderes mehr drehen kann. Aber dann habe ich mit Almila Bagriacik gesprochen, die im Kieler „Tatort“ die Kommissarin Mila Sahin spielt. Sie hat mich beruhigt und sagte: Das passiert eher Schauspielern, die mit dem „Tatort“ in die Filmwelt eintreten, aber nicht, wenn man schon seit 20 Jahren Filme dreht. Und tatsächlich: Ich kann mich nicht beschweren. Ich bekomme weiter Angebote, die sehr unterschiedlich sind. Sie spielen im „Tatort“ nun an der Seite von Melika Foroutan. Das war auch schon so, als Ihre Karriere begann. Man hatte Sie damals für die ZDF-Serie „Kriminaldauerdienst“ engagiert, in der sie ein bosnisches Flüchtlingskind spielten. Für mich ist das, als würde sich ein Kreis schließen. Ich war dreizehn Jahre alt damals. Melika hat die Polizistin gespielt, und ich habe sie bewundert. Ich dachte: Krass, wie die das hier alles machen, die ganzen Kameras, die bekannten Schauspieler, das will ich auch einmal alles können. Und jetzt sind wir Kollegen auf Augenhöhe. Ich habe lange solche Rollen wie im „Kriminaldauerdienst“ gespielt. Den Gejagten. Den Kriminellen, der wegrennt, der Scheiben einschlägt und so. Und dann gab es auch eine Zeit, in der ich Polizisten spielen durfte. Das hatte ich mehr sehr gewünscht, aber eigentlich waren das immer so Klischee-Polizisten, die die Verdächtigten befragen: Wo waren Sie gestern zwischen 12 und 13 Uhr? Schauspielerisch war das keine Herausforderung. Jetzt, beim „Tatort“, ist es anders. Da darf ich mehr spielen als nur einen Beruf. Und das ist ein Genuss. Wie wird man als Kind zum Schauspieler? Wie gelangt man so früh in diesen Beruf? Ehrlich gesagt: Ich wollte das einfach schon immer. Als Kind, mit sieben oder acht Jahren, habe ich angefangen, meine Familienmitglieder nachzuahmen. Damit konnte ich sie zur Weißglut treiben. Ich saß oft still in der Ecke, habe meine Verwandten beobachtet, am Tag darauf habe ich sie dann, einen nach dem anderen, nachgemacht. Ich habe auch gerne Betrunkene gespielt. So richtig klischeehaft, mit Schlangenlinienlaufen. Ich mochte die Reaktionen der Leute, wenn sie gelacht haben, in der Familie, in der Schule. Letztens habe ich mir noch mal meine Zeugnisse angeschaut. Ab der zweiten Klasse steht da jedes Mal: Edin singt, tanzt und spielt sehr gerne. Aber wie kommt man von dort ins ZDF? Wir haben mit der Schule die You-Messe besucht. Das war eine Jugendmesse hier in Berlin. Ich war in der siebten Klasse, wir waren mit dem Schülerradio dort. Vor mir lief mein Kumpel Kalle, der war sehr auffällig, groß, trug Iro. Und ich lief hinter ihm her wie so ein kleiner Zwerg. Kalle wurde dort von einer Frau von einer Schauspielagentur angesprochen. Aber er meinte: Nee, für mich ist das nichts, aber gib ihm doch mal einen Flyer. Daran erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen, wie ich mit der S-Bahn nach Hause gefahren bin, mit diesem Flyer in der Hand. Darin stand, was die Agentur macht, wen sie vertreten, wie sie die Schauspieler mit Coaching vorbereiten. Und ich dachte: Das ist es. Das will ich machen. Ganz am Ende des Flyers stand ein Datum für ein Casting, das war der 5. Oktober 2005. Und genau 20 Jahre später, am 5. Oktober 2025, lief der erste „Tatort“ mit mir im Fernsehen. Sie wurden damals nicht nur für eine Rolle im „Kriminaldauerdienst“ ausgewählt, sondern standen bald darauf auch auf einer Theaterbühne: im Berliner Ensemble, in einer Inszenierung von Thomas Langhoff. Das war mein großes Glück, dass es gleich in der allerersten Woche zwei Castings gab. Beim Termin für das Berliner Ensemble waren wir 20 Kinder, ich saß genau in der Mitte. Dann haben wir die Texte bekommen. Und wir sollten dann nacheinander nach vorne kommen und den Text vorlesen. Die ganze Zeit hieß es von hinten: lauter, lauter. Ich wollte diese Rolle so sehr. Ich dachte, wenn es jetzt an dieser einen Sache liegt, dass ich einfach nur diesen Text lauter vorlesen muss, dann ist es mir egal, ob ich mich schäme, ob ich Angst habe, ob das alles neu ist, dann bin ich jetzt einfach lauter. So wurde ich besetzt und durfte die Premiere eines sehr brutalen Stücks spielen: „Schändung“ von Botho Strauß. Da wird vergewaltigt, da werden Gliedmaßen abgehackt und Ähnliches. Ich war 13 – das war schon sehr besonders für mich. Hat das funktioniert, der Einstieg in den Schauspielberuf und gleichzeitig die Schule? Ja, weil das meiner Mutter sehr, sehr wichtig war. Sie hat damals immer wieder zu mir gesagt: Du musst den Lehrern klarmachen, dass dir die Schule trotzdem wichtig ist, du darfst es nicht schleifen lassen. Das ging auch: Als Kinderdarsteller durfte ich sowieso nur eine begrenzte Zahl an Stunden am Set sein, meistens nachmittags. Anstrengend wurde das Abitur. Da hatte ich gerade meine erste Hauptrolle in dem Kinofilm „Schuld sind immer die Anderen“ mit sechs Wochen Drehzeit in Baden-Württemberg. Da musste ich alle Prüfungen entweder vor- oder nachschreiben. Dementsprechend fielen meine Abi-Noten aus, aber danach fragt ja heute niemand mehr. Und wenn doch, dann habe ich es eben vergessen. Gab es einen Film, der Sie als Kind besonders beeindruckt hat? Ja, den gab es: „Wer küsst schon einen Leguan?“ Darin spielt ein Junge ungefähr in meinem Alter, der darf unglaubliche Sachen machen. Er darf da rennen und sich streiten, und die Kamera hält drauf und man kann ihn im Fernsehen sehen. Und ich dachte: Boah, krass, wie cool ist das denn? So etwas will ich auch machen. Der Junge war Frederick Lau, wir haben später auch gemeinsam gedreht und kennen uns gut. Mit der Geschichte zieht er mich bis heute auf. So nach dem Motto: Ich war schon von klein auf ein großes Vorbild für dich. Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle wie den „Tatort“-Kommissar Hamza Kulina vor? Treffen Sie Polizisten, lassen Sie sich beraten? Ich habe mir die Schauspieltechniken angeeignet, ohne jemals eine Schauspielschule besucht zu haben. Ich habe auch einen Coach, den ich immer wieder zurate ziehe. Aber bei Hamza war das nicht nötig. Was die Polizeisachen angeht, brauche ich das nicht. Ich habe wohl jede Polizei-Doku gesehen, die es gibt, das interessiert mich einfach. Ich denke oft: Wäre ich kein Schauspieler geworden, dann wäre ich heute Polizist. Ich weiß, wie Polizisten eine Waffe halten. Und ich weiß auch, wie Polizisten wirken, wenn sie vor dir stehen mit ihrer Weste. Ich glaube, ich hatte noch nie für eine Rolle solch ein genaues, klares Gefühl wie für diesen Hamza. Der ist mir so, so nah am Herzen. Und absurderweise ist er das, obwohl ich selbst ganz anders bin, viel extrovertierter. Trotzdem weiß ich ganz klar, wie er tickt. Letztens etwa stand im Drehbuch, dass Hamza sagt: „Ja, always look on the bright side of life.“ Da wusste ich genau: Nee, das sagt der nicht. Das ist nicht der Typ. Hamza kennt diesen Song nicht einmal. Die ersten beiden „Tatort“-Folgen mit Ihnen und Melika Foroutan wurden hymnisch gelobt, in den Feuilletons, in den sozialen Netzwerken. Es ist ein regelrechter Hype entstanden. Und nun werden Sie für den ersten Fall „Dunkelheit“ auch noch mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Haben Sie geahnt, dass die Serie so einschlagen wird? Nein, im Gegenteil: Ich hatte Angst. Ich spürte Druck. Millionen Menschen gucken den „Tatort“, da hat man eine große Verantwortung. Und dann spiele ich auch noch einen Bosnier, eine Figur, bei der es immer wieder auch Parallelen zu meiner eigenen Geschichte gibt. Ich kenne solche Menschen wie Hamzas Mutter, die der Krieg traumatisiert hat. Wie sie da sitzt, im Dunkeln. Das rührt mich. Dem willst du gerecht werden, da geht es nicht um dich selbst. Und ich finde toll, wenn mir Menschen dann schreiben: Endlich sieht man das. Wenn sie sagen: Euch ist gelungen, Menschen zu repräsentieren, die sich sonst nicht so repräsentiert fühlen. Ihre Mutter ist mit Ihnen nach Deutschland geflohen, als Sie ein Baby waren. Ihr Vater ist im Bosnienkrieg verschollen. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an diese Zeit? Das erste Flüchtlingsheim in Berlin-Weißensee. Damals hatte ich das Gefühl, dort ist alles sehr weit, sehr offen. Und dann das zweite Flüchtlingsheim in Marzahn, ganz im Osten Berlins. Kein guter Ort für Flüchtlinge. Wenn ich heute dorthin komme, merke ich, dass es dort enger und kleiner ist als in meiner Erinnerung. Im Gedächtnis habe ich auch, dass man sich um uns Kinder damals gut gekümmert hat. Dass es Menschen gab, die viel mit uns gespielt haben. Das Besondere an den neuen Frankfurter „Tatort“-Folgen ist, dass sie sich um Altfälle, sogenannte Cold Cases, drehen. Und dass im Mittelpunkt nicht die Täter, sondern die Opfer und deren Angehörige stehen. Ist Ihnen das wichtig? Die Perspektive auf die Opfer? Ja. Die Cold Cases? Nein. Ich bin jemand, der wahnsinnig viel True-Crime-Podcasts hört, jede Nacht eigentlich, zum Einschlafen. Aber immer, wenn es dort heißt, dass der Fall ein Cold Case ist, schalte ich ab. Weil ich wissen will, wie es endet. Das aber mag ich an den Rollen von Hamza und seiner Partnerin Maryam: dass sie sich nie damit abfinden, wenn ein Fall ungelöst bleibt. Dass es sie antreibt und triggert, dass sie weitermachen, bis ein Fall wirklich geklärt ist. Der Fokus auf die Opfer und die Hinterbliebenen ist uns sehr wichtig. Greifbar zu machen, welche Folgen solche Verbrechen für die Menschen haben. Gerade beschäftigt mich zum Beispiel der Fall von Gisèle Pelicot sehr. Es beeindruckt mich, wie sie das macht, was für eine Resilienz diese Frau hat, das ist einfach krass. Wie viele, vor allem Frauen, sie damit erreicht und stärkt. Ihr Satz, dass die Scham die Seite wechseln muss, ist unglaublich wichtig. Sie leben in Berlin, drehen in Frankfurt. Wie würden Sie die Stadt beschreiben? Frankfurt ist mir nah, weil ich bisher in keiner anderen Stadt häufiger gedreht habe. Ich mag die Weite, die Kontraste, die Hochhäuser. Frankfurt ist filmisch auch noch nicht so auserzählt wie Berlin. Und auch kosmopolitischer. Als wir das letzte Mal gedreht haben, da tanzten die Menschen draußen im Park Zumba. In Berlin gäbe es das vielleicht auch, aber das wären dann Leute, die finden das für ein Wochenende cool. In Frankfurt ist es einfach Standard. Finden Sie während der Dreharbeiten Zeit, sich die Stadt anzuschauen? Dafür bin ich nicht der Typ. Wenn ich Drehpausen habe, bin ich einfach froh, im Hotel chillen zu können. Oder ich gehe zum Joggen raus mit meinem Hund. Die Stadt lerne ich durch die Drehorte, durch meine Arbeit und die Menschen, die mir begegnen, kennen. Das war sogar so, als ich in Kapstadt gedreht habe: Da bin ich auch nicht zum Tafelberg gefahren oder habe mir Museen angeschaut. Nun wird „Fackel“, die dritte „Tatort“-Folge mit Ihnen und Melika Foroutan, ausgestrahlt. Es geht um einen verheerenden Hochhausbrand mit 13 Toten, vermutlich ausgelöst durch billiges Dämmmaterial. Die Angehörigen der Opfer kämpfen verzweifelt um Aufklärung. Mich erinnert die Folge auch an das Attentat in Hanau, wo ein Rechtsextremist neun Menschen mit Migrationshintergrund tötete. Auch deren Angehörige sind unzufrieden mit der Aufarbeitung des Falls. Sie haben für ihre „Tatort“-Figur den Vornamen Hamza ausgewählt – und erinnern damit an eines der Hanauer Opfer: Hamza Kurtović. Die Tat erschüttert mich. Hamza war so jung, als er ermordet wurde. Sie alle waren so jung. Wenn ich daran denke, kommt mir oft ein Gedanke in den Kopf: Das hätte genauso ich sein können. Meiner Figur Hamzas Namen zu geben, fühlte sich richtig an. Aber ich war mir unsicher, was sein Vater Armin Kurtović davon hält, der die Polizei wegen des Einsatzes in der Tatnacht scharf kritisiert. Darum habe ich ihn kontaktiert. Und dann haben wir uns in Hanau getroffen: Melika, ich und die Familie Kurtović. Armin und seine Frau Dijana haben uns vom Bahnhof abgeholt. Wir sind zum Grab von Hamza gefahren, daneben waren auch die Gräber von Ferhat Unvar und Said Nesar Hashemi. Dort haben sie angefangen, über ihren Sohn zu sprechen. Wir sind zu der Bar gefahren, wo auch Hamza erschossen wurde. Armin hat uns den verschlossenen Notausgang gezeigt. Und auch die Stelle, an der Vili Viorel Păun getötet wurde, der den Attentäter verfolgt hatte. Ich wünsche mir, dass die Familien Gerechtigkeit erfahren, dass jemand Verantwortung übernimmt für die Fehler, die passiert sind. Ich habe ein Interview gelesen, in dem Sie sagten, dass es Sie irritiert, dass nun ständig darauf hingewiesen wird, dass Sie und Melika Foroutan das erste „Tatort“-Duo spielen, bei dem beide Kommissare einen Migrationshintergrund haben. Was ärgert Sie so daran? Ich dachte, dass wir eigentlich schon längst weiter sind. Dass das kein Thema mehr ist. Wenn wir uns treffen, dann steht mir doch nicht Migrationshintergrund auf der Stirn. Oder Bosnier. Ich komme doch als Schauspieler hierher, als Berliner. Wir hatten einmal einen Pressetag, da ging es ständig darum. Und ich fragte mich: Was ist daran so spannend, dass wir nicht in Deutschland geboren sind? Es nervt. Ich fühle mich dann, als ob man mich zu einem Alien machen will. Ich hätte meiner „Tatort“-Figur auch einen anderen Namen geben können wie Sebastian Schmitzger. Aber ich will mit ihr auch zeigen: Guckt mal, das ist der Hamza, der redet ohne Akzent. Und der ist gar nicht so kriminell, wie manche Medien oder manche Partei es einem immer wieder reindrücken wollen. Der ist sogar Moslem und betet. Aber das macht nichts. Und auch, dass er keinen Alkohol trinkt und kein Schwein isst, macht nichts. Ihr müsst keine Angst haben. Deutschland ist in den vergangenen Jahren nach rechts gerückt. Die AfD wirbt mit dem Wort Remigration. Andere Parteien ziehen nach und sagen: Wir müssen die Einwanderung unbedingt weiter begrenzen. Macht Ihnen das Angst? Nicht mir persönlich. Aber es macht mir Angst um die Entwicklung dieses Landes. Es macht mir Angst um die Leute um mich herum. Und irgendwann kommt dann auch Wut. Ich finde es falsch, ich finde es ungerecht, ich finde es dumm. Es ist sehr leicht, mit den Ängsten zu spielen und so um Wähler zu werben. Aber es ist verkehrt, Probleme auf eine Nation herunterzubrechen. Oder auf eine Religion. Mein Gefühl ist: Vor allem hier in Deutschland dürften wir das nicht, nicht mit dieser Geschichte. Sie haben im vergangenen Sommer, gemeinsam mit Melika Foroutan, auch zu einer Demonstration gegen den Gazakrieg aufgerufen. Sind Sie ein politischer Mensch? Ist es Ihnen wichtig, sich einzumischen? Wenn ich etwas wahrnehme, das ich als unfair empfinde, dann fällt es mir schwer, die Füße stillzuhalten. Die Lage in Gaza geht mir sehr nah. Da werden Kinder getötet, das sind keine Kollateralschäden. Dort herrscht eine humanitäre Katastrophe, es werden Häftlinge misshandelt. Es ist falsch, jede Kritik an Israel sofort als Antisemitismus darzustellen. Natürlich darf und soll man Israel kritisieren. Genauso wie man Deutschland kritisieren darf, wie es mit alldem umgeht. Den Menschen, die keine Stimme haben, eine zu geben, finde ich sehr richtig und wichtig.
