FAZ 23.09.2026
18:50 Uhr

Tanzfestival in Chemnitz: Bilder aus dem Herbst der Grausamkeiten


Die blutige Lehre des Zentauren: Der israelische Choreograph Adi Boutrous zeigt beim Internationalen Tanzfestival in Chemnitz, wie sich der Terroranschlag der Hamas auf Israel auf der Bühne  gestalten lässt.

Tanzfestival in Chemnitz: Bilder aus dem Herbst der Grausamkeiten

Sechs Tänzer, drei Frauen und drei Männer, unter ihnen der Choreograph, tanzen in „Nature of a Fall“ von Adi Boutrous. Eine Stunde, die zeigt, wie grausam Menschen zueinander sein können, und eine Stunde, die Gewalt auf eine langsame, deutliche, direkte und zugleich subtile, abstrahierte Weise reflektiert. Während sich das Stück aus einem ruhigen Anfang heraus dynamischer zu entwickeln beginnt, bereitet sich das furchtbare Geschehen bis zur Hälfte noch nicht erkennbar vor. Man weiß nicht, was auf einen zukommt. Und das soll man auch nicht, das ist der Gedanke, der der Dramaturgie des Stücks zugrunde liegt. Etwas Schreckliches schlägt zu im Leben, das niemand hat kommen sehen – wie Unfälle, Gewalttaten als Einschläge erfahren werden, als einstürzender Himmel. So gibt es im Stück eine Ruhe, ein Vorher, ein Währenddessen des Entsetzlichen und ein Nachher. Nach der Tat existieren aber alle im Raum in diesem Wissen, haben alle gesehen, was passiert ist. Von diesem Moment  an wird man zu keinem Zeitpunkt mehr den Gedanken daran los: die Frage, wie es zu Gewalt und Zerstörung, zu Folter, Vergewaltigung und Tod kommen kann. Ein Berg aus menschlichen Leibern In „Nature of a Fall“ geht es auch um das Entsetzen darüber, wie Menschen so tief fallen können, anderen Schlimmstes anzutun. Eine Tänzerin liegt in dem leichten Sommerkleid, in dem sie eben noch getanzt hat, auf dem Rücken, wie leblos. Die anderen stehen vor ihr und legen sich mit einer unerträglichen Langsamkeit einer nach dem anderen auf die wehrlos daliegende Frau. Danach legen sich mehrere übereinander auf sie, und eine Tänzerin steht oben auf diesem Berg aus Leibern. Allmählich löst sich unter ihr einer nach dem anderen wieder aus dem Berg heraus und tritt zurück, während sie immer oben stehen bleibt. So einfach und eindrücklich fasst Adi Boutrous in seinem Theater das Geschehen am 7. Oktober in stumme Bilder. Sie enthalten die Taten und ihre anschließende Verbreitung, das Bestialische und den Triumph der Bestien. Für den beeindruckenden Tanz um sein schweres Thema braucht Adi Boutrous kein Bühnenbild. In der großen Halle der Fabrik Chemnitz, die das Festival „Tanz Moderne Tanz“ in diesem Jahr erstmals nutzt, liegt das schwarze Quadrat der Tanzfläche mit ihrem Schwingboden so im Raum, dass die Zuschauerreihen einen Neunzig-Grad-Winkel um zwei Seiten bilden. Jede Szene, die das Publikum entlang der einen Seite von vorne sieht, sehen die anders Platzierten von der Seite. Aber das passt zu dem Stück, denn Zeugen in der Wirklichkeit schildern ein Geschehen aus ihren unterschiedlichen Perspektiven. Auch auf der Proszeniumsbühne im Pariser Théâtre de la Ville, wo „Nature of a Fall“ im Januar uraufgeführt wurde, hielten sich die Tänzer die ganze Zeit sichtbar auf der Bühne auf: Ein Entrinnen aus der Situation, ein Entkommen aus der Gruppe kann es nicht geben, keinen Rückzug oder kein Privatwerden für ein paar Augenblicke. Auf das Archaische einer seit Jahrtausenden wütenden Gewalt der Körper gegen Körper zielt Boutrous anfangs mit einer Figur der griechischen Mythologie ab. Tänzerkörper greifen so ineinander, dass sie den Pferdeunterleib eines Zentauren bilden, ein anderer hält sich als menschlicher Oberkörper des Mischwesens aufrecht über ihnen. So betritt dieser Zentaur auf den nackten Menschenfüßen, die seine Hufe darstellen sollen, zu Anfang des Stücks die Bühne. Die Geschichte der Gewalt reicht weit zurück, sagt dieses Bild. In der Antike gelten die Zentauren als unberechenbare, brutale und lüsterne Kreaturen. In einer der berühmtesten Zentauren-Geschichten der Mythologie geht es auch um Raub, Entführung und Vergewaltigung und darum, wie Rache dafür neue Gewalt erzeugt. Herakles’ Frau Deianeira wird ihm von dem Zentauren Nessos geraubt und vergewaltigt. Herakles rächt die Tat, indem er Nessos mit einem giftigen Pfeil tötet. Der sorgt sterbend noch dafür, dass Deianeira ihren Mann später ungewollt tötet, indem er sie über die Wirkung seines Zentaurenbluts belügt: Es werde Herakles retten. Stattdessen fügt es ihm unfassbare Schmerzen zu, bis er sich ins Feuer stürzt. So zieht eine grausame Gewalttat die nächste nach sich und tötet der Zentaur praktisch noch aus dem Jenseits seinen Mörder. Auch in „Nature of a Fall“ geht am Ende der Zentaur zu Boden und bleibt wie tödlich getroffen liegen. Die anderen lösen sich aus seinem Bann und gehen von der Tanzfläche herunter, weg vom Publikum ins Dunkle, als machten sie sich auf einen langen Weg fort von Gewalt. Sie wirken wie gebrochene Gestalten und doch zugleich entschlossen, der Vergangenheit den Rücken zuzuwenden. Das ruft noch einmal die großartigen unbeschwerten und die ambivalenteren Szenen des Stücks ins Gedächtnis zurück. Männer und Frauen strahlen einen Ernst und eine große Konzentration aus, die aus der gewagten Akrobatik der Choreographie resultieren. Die athletischen Körper der sechs klettern aufeinander und übereinander hinweg. Sie werfen sich einzeln in die Arme der Gruppe, wie ein Rocksänger von der Bühne herunter in die Arme der Fans. Sie bilden Körpertürme und glückliche, sorglose Körperhaufen. Manchmal lächeln sie auch dabei. Alle diese Abläufe sind minutiös getimt, damit kein Unglück passiert. Die Dramaturgie ist so abwechslungsreich, dass man immer wieder überrascht wird und die Virtuosität immer spontan und nicht wie Arbeit wirkt. Nie entfernen sich die Tänzer weit voneinander, sie gehören zusammen, sie bauen ein Leben auf, sie verlassen sich aufeinander. Manchmal nehmen sie einander auch in die Zange oder sind der Mühlstein am Hals des anderen. Da ist Anstrengung, Mühsal, aber das gehört zu den Klippen und Strudeln, die das Leben als Fluss, als fließende Bewegung passiert. „Nature of a Fall“ passiert bedeutsam die Übersetzungen seines Titels: Fall ist der Sturz, der Fall, der Niedergang, aber eben auch der Herbst des Jahres 2023, in dem der Terrorangriff der Hamas auf Israel stattfand.