Menschen, die nach einem Schlaganfall kein verständliches Wort mehr rausbringen – aber Lieder singen können, im Chor oder auch allein. Und die über die Musik wieder zur Sprache zurückfinden. Ein Traum? Tatsächlich passiert dieses Wunder tagtäglich in Kliniken und Praxen, die Therapie mit Musik anbieten. Und nicht nur bei Schlaganfällen zeigt Singen, das Hören von Songs oder auch die intellektuelle Beschäftigung mit Kompositionen wundersame Wirkung: Auch bei Alzheimer und Depressionen, bei Schizophrenie und Autismus können Melodien helfen. Manchmal sind die Effekte so eindrücklich, dass auch Neurobiologen und Psychologen berührt und begeistert sind. Umso wichtiger ist es, die Mechanismen hinter der Heilkraft der Musik zu verstehen. Dass Musik entspannen, berühren, aufputschen, aber auch ängstigen kann, weiß jeder. Sie macht zwar nicht schlau – der Mozart-Effekt ist längst als Mythos enttarnt –, aber sie kann uns helfen, uns zu konzentrieren. Und natürlich ist Musik untrennbar mit unserer Gefühlswelt verknüpft. Kein Wunder, dass seit der Entwicklung von winzigen Messsensoren und der Möglichkeit, große Datenmengen auszuwerten, die Erforschung der Musik einen Boom erlebt. Endlich kann man dem Gehirn beim Singen und Instrumentspielen zusehen. Verändern sich Hirnregionen von Musikern oder bei Musikhörern? Und wie wirken sich Symphonien, Popsongs oder Technobeats auf Blutdruck, Herzrate und Stresslevel aus? Die Neurobiologie und Physiologie der Musik wird umfassend erforscht – und auch, ob sie als Medizin taugt. In Kronberg wurde zu diesem Zweck nun ein Institut gegründet: das Kronberg Institute for Music & Health. Der kleine Ort im Taunus beheimatet bereits seit mehr als 30 Jahren die Kronberg Academy, ein Ausbildungszentrum für hochbegabte Streicher und Pianisten. Nun zieht auch die Forschung hier ein, es soll sogar ein kleiner Konzertsaal entstehen, der wie ein Labor funktioniert. Christian Gold vom staatlichen norwegischen Forschungszentrum NORCE in Bergen ist einer der Experten, die hinter diesem Projekt stehen. Seit 25 Jahren erforscht der Musiktherapeut, Neurowissenschaftler und Biostatistiker, wie Musik Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen kann. „Bei Schizophrenie, Autismus, Depressionen, Psychosen und Sucht zeigen sich gute Behandlungseffekte“, sagt er. Dabei beruhe der erste Schritt vor allem darin, dass das Hören angenehmer Musik Dopamin ausschütte. „Das motivierende, lustvolle Gefühl erleichtert bei all diesen Erkrankungen einen Zugang zu einer neuen Ebene.“ Bei Suchterkrankungen könne das Verlangen nach dem Suchtmittel vermindert und die Motivation, mit der Therapie weiterzumachen, aufrechterhalten bleiben. Nehmen bei einer Schizophrenie Symptome wie emotionale Verflachung, Mangel an Motivation, Lustlosigkeit und die Unfähigkeit, soziale Beziehungen zu führen, überhand, kann Musiktherapie helfen. Dasselbe gilt für Depressionen, wenn Medikamente nicht wirken. „Musik ist ein zusätzliches Werkzeug“, sagt Gold. „Häufig wirkt sie gut als Ergänzung zu klinischen Therapien. Ob sie zu anderen Psychotherapien synergetisch wirkt oder eher konträr, hängt vom Einzelfall ab.“ In Kronberg soll unter anderem erforscht werden, wie Musik helfen kann, Menschen mit Depressionen vor Rückfällen zu bewahren, oder ob sie dabei unterstützen kann, Angst- oder Essstörungen zu überwinden. Demenzpatienten fühlen sich besser Auch in der Behandlung von körperlichen Erkrankungen wie Schlaganfällen oder Demenz wird Musik eingesetzt. Aphasie, also das Unvermögen zu sprechen, etwa nach einem Schlaganfall, lässt sich in vielen Fällen mit Musiktherapie gut behandeln. Patienten wird deshalb empfohlen, in einem Chor zu singen. Die Wirksamkeit erklären Wissenschaftler damit, dass das gemeinsame Musizieren vor allem die rechte Gehirnhälfte aktiviert. Über sie kann ein Mensch, dessen sprachdominante linke Gehirnhälfte geschädigt ist, dann kommunizieren, er kann wieder einen Sprachtakt und -rhythmus finden. Auch die Aktivierung der emotionalen Zentren durch die Musik kann zur Heilung der geschädigten Hirnregionen beitragen. Im besten Fall können die Patienten mit der Zeit auch die Sprachzentren ihrer linken Gehirnhälfte wieder aktivieren. Die Sprache kehrt zu ihnen zurück. Erforscht wird auch, ob Musik bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz helfen kann. Stefan Kölsch, Psychologe, Neurowissenschaftler an der Universität Bergen und wissenschaftlicher Direktor des neuen Instituts, hat in einer ersten Studie bereits nachweisen können, dass sich bei Alzheimerpatienten, die gemeinsam im Chor sangen, die Symptome der Krankheit weniger verschlechterten als bei Patienten in Vergleichsgruppen, die entweder ein gemeinsames Sporttraining oder keine besondere Therapie bekommen hatten. Die Mitglieder der Chor- und der Sportgruppe fühlten sich nach einem Jahr auch besser als die der passiven Gruppe, sie kamen besser in ihrem Leben klar, ihre Gedächtnisleistung war etwas besser. „Analysen von MRT-Aufnahmen haben uns gezeigt, dass die Gehirne der Musik-Gruppe jünger waren als die der Vergleichsgruppe ohne Intervention“, sagt Kölsch. Auch hier vermuten die Wissenschaftler aufgrund von Zell- und Tierversuchen, dass der vor dem Hirnabbau schützende Effekt letztlich auf der Ausschüttung von Dopamin beruht. Es kann dazu führen, dass Nervenverbindungen aufgebaut oder gestärkt werden, und hilft bei der Neuentstehung von Neuronen. „Musik aktiviert das ganze Gehirn, das macht sie so wirksam als Therapieinstrument“, sagt Kölsch. Er betont auch: „Die positiven Effekte von Musik auf das Gehirn basieren unter anderem darauf, dass sie Spaß macht.“ Aber „Niemand sagt, dass das nur Musik kann. Positive Emotionen und Glücksgefühle, die wir aus dem Erleben von Gemeinschaft oder Schönheit, durch Bewegung, gesunde Ernährung oder auch guten Schlaf ziehen, sind für das Gehirn ebenfalls gesund.“ Klar ist: Musik wirkt anders als ein Medikament. Sie ist nicht so zielgenau, beeinflusst nicht nur einen einzelnen molekularen Mechanismus. Ein und dasselbe Musikstück kann bei verschiedenen Zuhörern zudem völlig unterschiedliche Reaktionen auslösen – abhängig davon, ob jemand das Stück kennt oder selbst Musiker ist. In welcher sozialen Schicht der Hörer und welchem kulturellen Umfeld er lebt, spielt eine Rolle und auch, zu welcher Generation er gehört. In Kronberg soll künftig die unterschiedliche Wahrnehmung der Menschen während eines echten Konzerts in einem Konzertsaal erforschbar werden. „Wieso erfasst und bewegt uns Musik – und was steckt hinter dem besonderen Gefühl, ein Konzert gemeinsam zu erleben?“ Und auch wegen der Erkenntnisse aus der Alzheimer-Chorstudie interessiert Stefan Kölsch, ob Musik einen schützenden Effekt auf das Gehirn hat. „Es gibt erste Forschungsergebnisse dazu, dass vor allem Laienmusiker, die allein aus Freude an der Musik musizieren, ein biologisch jüngeres Gehirn haben als Nichtmusiker. Es wäre spannend zu klären, ob Musik auch helfen kann, Krankheiten zu verhindern, also unsere Resilienz stärken kann.“
