FAZ 09.03.2026
08:24 Uhr

Stabiler, Breiter, variabler: Die neue Unberechenbarkeit des FC Bayern


Für den FC Bayern beginnt die entscheidende Saisonphase erst jetzt mit der K.o.-Phase der Champions League. Warum die Mannschaft dabei gefestigter wirkt als im Vorjahr – und noch schwerer zu schlagen sein wird.

Stabiler, Breiter, variabler: Die neue Unberechenbarkeit des FC Bayern

In den vergangenen Wochen hat sich die Mannschaft des FC Bayern in einer ungewohnten Situation wiedergefunden. Während die anderen Klubs um die Teilnahme an der K.o.-Phase der Champions League spielten, konnten sich Vincent Kompany und seine Spieler unter der Woche Zeit nehmen, um in aller Ruhe an den Abläufen zu feilen. Soll sich der kommende Gegner ruhig schon einmal verausgaben! Mit dem Achtelfinal-Hinspiel gegen Atalanta Bergamo am Dienstag (21 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Prime Video) beginnt aber auch für den deutschen Rekordmeister die Phase, in der sich entscheidet, ob die Saison erfolgreich wird oder nicht. Und diesmal macht es den Anschein, als würden die Münchner stabiler in den Saisonendspurt gehen als in der vergangenen Spielzeit. Ein Faktor ist die klarere Handschrift von Kompany. In seiner zweiten Saison als Bayern-Trainer sind Grundidee und taktische Abläufe deutlich entwickelt: Die Mannschaft spielt weiterhin dominant, schaltet nach Ballverlust aber schneller und geordneter ins Gegenpressing und agiert in bestimmten Situationen kontrollierter, was sich in mehr defensiver Stabilität niederschlägt. Insgesamt ist die Struktur gefestigter – mit klarer verteilten Rollen im Aufbau und kompakteren Abständen zwischen den Mannschaftsteilen. In der vergangenen Spielzeit gab es in der entscheidenden Saisonphase öfter Schwankungen. Kompany musste das Pressing erst implementieren, die Zuständigkeiten im Mittelfeld neu definieren und die Abwehr auf eine höhere Linie umstellen. Der mannorientierte Stil war erkennbar, wirkte aber noch unausgereift und blieb anfällig für Konter. Zwar gibt es auch in dieser Saison Phasen, in denen Bayern weniger überzeugt, aber insgesamt zeigt die Mannschaft über längere Strecken eine konstantere Leistung. Kompany nutzt die gesamte Breite des Kaders Auch in der Offensive ist Bayern inzwischen flexibler aufgestellt. Die Mannschaft ist nicht mehr so abhängig von Harry Kane, weil mehrere Offensivspieler zur Torgefahr beitragen. „Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie auch ohne Harry Kane gewinnen kann“, sagte Kompany nach dem 4:1-Sieg gegen Gladbach am Freitag, bei dem mit Luis Díaz (33. Minute), Konrad Laimer (45.+1), Jamal Musiala (57., Elfmeter) und Nicolas Jackson (79.) vier verschiedene Spieler trafen. In der vergangenen Saison war die Offensive phasenweise sehr stark auf Kane und einzelne Flügelspieler zugeschnitten. Ein wichtiger Unterschied ist außerdem die Belastungssteuerung. In seiner ersten Saison als Bayern-Trainer orientierte sich Kompany stärker an einer fixen Stammformation. Inzwischen nutzt er die gesamte Breite des Kaders und rotiert häufiger, um die Stammspieler gezielt zu schonen und die Mannschaft bei Laune zu halten. Das zeigt sich auch an den vielen Anpassungen, die Kompany an der Aufstellung vornimmt: Mit 93 Startelf-Änderungen kommt Bayern auf die meisten in der Bundesliga. Das spricht für Rotation als strategisches Mittel, nicht nur aus Not – und ist ein Zeichen dafür, dass Kompany tiefes Vertrauen in seine Spieler hat. „Ich denke, jeder versteht mittlerweile, dass es wichtig ist, den Kader zu nutzen und nicht zu warten, bis es bergab geht, bevor man das tut“, sagt Kompany. Dagegen gab es in der vergangenen Saison häufiger Phasen, in denen mehrere Stammspieler gleichzeitig überspielt wirkten. Zudem wirkt der Kader jünger und breiter, es gibt mehr interne Konkurrenz. Auch, weil Kompany inzwischen auf eine stärkere Einbindung von jungen Spielern setzt. Während er in seiner ersten Saison als Bayern-Trainer noch sehr zögerlich mit Talenten war, ist in seiner zweiten Saison eine klarere Bereitschaft zur Förderung junger Spieler erkennbar. Talente wie Lennart Karl und Tom Bischof erhalten inzwischen regelmäßig Einsatzzeiten, zudem sitzen Spieler wie die gegen Gladbach eingewechselten Maycon Cardozo und David Santos sowie der verletzte Cassiano Kiala regelmäßig auf der Bank. Das steht im Gegensatz zur vergangen Saison, in der Kompany meist auf etablierte Kräfte setzte. Kompany nimmt Jackson in Schutz Gleichzeitig verteidigt er routinierte Spieler wie Nicolas Jackson. Gegen Gladbach vertrat dieser den angeschlagenen Kane in der Startelf. Jackson erzielte ein Tor, holte einen Elfmeter heraus und war an einem weiteren Treffer beteiligt. Als Kompany nach dem Spiel auf Jackson angesprochen wurde, nutzte er die Gelegenheit, seinen Stürmer öffentlich in Schutz zu nehmen. Wenn es gut laufe, greife sich die Öffentlichkeit einzelne Spieler heraus, die besonders kritisiert würden – „ohne Grund“. Jackson habe nichts falsch gemacht, er habe gut trainiert und mit dem Senegal den Afrika-Cup gewonnen, „aber irgendwie gibt es immer Geschichten“, sagte Kompany. In der vergangenen Saison habe es Serge Gnabry und manchmal auch Kingsley Coman betroffen. „Jetzt ist es Nicolas Jackson.“ Kompany stärkt seinen Spielern nach außen den Rücken. Und erzeugt nach innen eines gesundes Leistungsklima. „Der Trainer hat uns gesagt: Es ist keine Rotation, es ist eine Konkurrenz“, hatte Joshua Kimmich bereits im Oktober erklärt: „Die Spieler auf der Bank hoffen nicht, dass andere schlecht spielen – sie versuchen einfach, selbst noch besser zu sein.“ Vor der entscheidenden Saisonphase wirkt der FC Bayern taktisch stabiler, offensiv variabler und breiter aufgestellt. Und genau darin liegt womöglich der Unterschied zur Vorsaison: Nicht einzelne Spieler sollen den FC Bayern durch die nächsten Woche tragen, sondern ein Kader, der tatsächlich als Kader funktioniert. Sportvorstand Max Eberl formulierte es nach dem Gladbach-Spiel so: „Wir haben eine gute Kadergröße, damit kann man als Trainer ein Stück weit auch Kadermanagement betreiben. Die Qualität ist nicht minder, die auf dem Platz steht.“ Und mit Blick auf die kommenden Spiele sagte er: „Die nächsten zehn Tage werden sehr intensiv. Insofern ist es schön, wenn man so einen Kader hat, bei dem man auch variieren kann. Und bei dem junge Spieler nachstoßen, die aufgrund der Kadergröße ihre Möglichkeiten bekommen können.“ Entscheidend sei dabei, dass die Rotationen die Mannschaft nicht auseinanderreißen. Eberl glaubt, genau das zu beobachten – weil die Mannschaft in Summe so geschlossen sei. „Das geht aber nur, wenn man den Kader von Anfang an so handhabt. Wenn man irgendwann anfängt zu rotieren, kann es sein, dass der ein oder andere Spieler aus seinem Rhythmus kommt. Dann ist es eher kontraproduktiv. Aber das, was Vincent Kompany mit seinem Trainerstab macht, und wie sie es durchdenken, ist schon besonders.“ Es scheint, als ginge der FC Bayern diesmal nicht nur mit mehr Qualität in die entscheidende Saisonphase – sondern auch mit etwas mehr Ordnung.