Als der Tierpsychologe Brian Hare und der Sprachforscher Michael Tomasello vor fast einem Vierteljahrhundert feststellten, Hunde könnten besser die Menschen besser verstehen als jedes andere Tier, die großen Menschenaffen eingeschlossen, war das quasi ein Aufruf: bei der Suche nach Kommunikationstalenten in der Natur weniger auf spektakuläre Gene zu achten als vielmehr auf die „soziale Kognition“ – auf das Lernverhalten im täglichen Miteinander in der sozialen Gruppe. Beide Wissenschaftler waren damals am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie damit beschäftigt, in immer neuen Experimenten den entscheidenden Signalen in diesem Miteinander auf den Grund zu gehen. Ihre These: Das enge Zusammenleben von Mensch und Hund über viele Tausend Generationen hat den domestizierten Wölfen eine Art evolutionären Bonus verschafft. Das gegenseitige Verständnis sei immer weiter gewachsen. Welche Rolle dabei die Sprache des Menschen anfangs spielte, weiß keiner. Klar ist nur: Der Hund kann – individuell ausgestattet mit unterschiedlichen Talenten – viele Sprachsymbole verstehen. Er hat auch, ohne selbst eine eigene Sprache mit Grammatik ausgebildet zu haben, ein Sprachverständnis entwickelt, das frappierende Parallelen zum Menschen enthält. Dazu gehört die Verarbeitung der Sprache im Gehirn. Eine Gruppe ungarischer Tierpsychologen um Attila Andics an der Eötvös Loránd University in Budapest, die seit Jahren das Sprachverständnis von Hunden untersucht, hat diese sprachlichen Feinheiten der sozialen Kognition nun in neuen Versuchen untersucht. 20 Hunden und ebenso vielen Menschen wurde mit Elektroenzephalographie-Aufzeichnungen (EEG) buchstäblich ins Gehirn gesehen. Mit Elektroden auf der Schädeldecke konnte die elektrische Aktivität in den Sprachnetzwerken von Mensch und Hund direkt erfasst und verglichen werden. Elektroden auf dem Kopf zeichnen Hirntätigkeit auf Dabei ging es allerdings nicht um den sprachlichen Austausch. Vielmehr sollten beide, Mensch und Hund, einen steten Strom von gleichförmig und ohne Pausen gesprochenen Silben aufschlüsseln. In dem Lautstrom waren allerdings keine bedeutungsvollen Wörter versteckt. Es ging allein darum, wie Mensch und Hund den Lautstrom strukturieren, wie sie die Lautströme in Einheiten zerlegen und wie sie mit der Abfolge von Vokalen und Konsonanten hirnphysiologisch umgehen. Beim Menschen trat das Erwartete ein: Konsonanten bilden für uns das Gerüst der Sprache. Die Konsonanten sind zwar oft „leiser“ als Vokale wie a oder i, sie werden weniger betont. Doch wenn es darum geht, Wörter wie „Hund“ in einem Strom von Lauten und Silben in einer Geräuschkulisse zu erkennen, sind die Konsonanten für uns entscheidender. Dieser sogenannte Konsonanten-Bias wurde bisher bei keinen anderen Tieren gefunden, die sich akustisch mit Lauten verständigen. Bis jetzt. Die ungarischen Forscher haben mit ihren ausgefeilten Vergleichsstudien nun gezeigt, dass Hunde die menschliche Sprache tatsächlich ähnlich verarbeiten wie wir. Lange glaubte man sogar, dass die Hunde ähnlich wie Menschenbabys in ihren ersten Lebensmonaten vokallastig seien. Klare Kommandos wie „Sitz“, „Aus“ oder „Hol“ sind lauter zu intonieren, sie erzeugen schnell eine Reaktion. Tatsächlich aber versuchen Hunde beim Zuhören die menschliche Sprache genauso mit Konsonanten aufzuschlüsseln wie sprachkompetente Menschen. Das gilt auch für Hunde aus dem Tierheim oder Streuner, die in den ersten Jahren sehr viel weniger mit sprechenden Menschen zu tun haben. Offenbar, so schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie in „Science“, haben Hunde eine ähnlich effiziente Sprachverarbeitung erworben wie der Mensch. Beide ignorieren die akustisch auffälligeren Vokale zugunsten informativerer Konsonanten. Das akustische Dauerbad unter den sprechenden Menschen könnte also dazu geführt haben, dass sich die Hunde seit der Domestikation eine ähnliche Sprachverarbeitung erworben haben, um als geborenes Rudeltier immer besser mit uns auszukommen. Auch eine Lehre für den Menschen: Denn die Studie zeigt einmal mehr, wie stark die Sprache jedes (biologische) Gehirn prägen kann, das ihr Tag für Tag ausgesetzt ist.
