Alexander Wick hat denselben Beruf wie der Vater von Hänsel und Gretel: Er ist Köhler. Aber während die Brüder Grimm das Märchen zu einer Zeit aufschrieben, als Köhler oft arme Leute waren, geht es Wick gut. Sein Gehalt kommt vom Freilichtmuseum Hessenpark, also vom Land Hessen. Das Handwerk, das er ausübt, unterscheidet sich dagegen kaum vom Althergebrachten. Und wie schon die Köhler früher hat auch Wick es sich selbst beigebracht. Ein Lehrberuf war das Kohlemachen nie. „Als es Ausbildungen gab, gab es den Beruf schon nicht mehr.“ Der 30 Jahre alte Köhler schippt Gestübe auf den Meiler. Das Gemisch aus Erde, Kohlenstaub und Feinholzkohlestücken findet er an Ort und Stelle. Es ist das, was von der Produktion des vergangenen Jahres übrig blieb. Zum dritten Mal schichtet Wick, ein kräftiger Mann mit schulterlangem Haar, jetzt einen Meiler unter den Laubbäumen im Wald des Freilichtmuseums bei Neu-Anspach auf. Er trägt, was Köhler trugen: Eine Hose und eine Jacke, so schwarz wie Kohle. Auf dem Kopf sitzt ein Filzhut in Grün. Die Schaufel schabt im Gestübe, dann streicht sie seitlich über den Wall. Der legt sich mächtig und schwarz um den Kamin inmitten des Meilers. Wick hat Ende August damit begonnen, zwei Kreise auf den Waldboden zu zeichnen, einen kleineren und einen größeren drum herum. Der kleine hat markiert, wo der Köhler zunächst das Holz aufbauen musste, der große, wie dick er jetzt das Erd-Kohle-Gemisch rundherum schichtet. Am Ende dieser Woche wird es den Kamin komplett bedecken. Dann ist der Meiler ein schwarzer Hügel, 2,70 Meter hoch. Nach den zwei Wochen des Aufbaus ruht sich der Köhler eine Woche lang aus. Danach nämlich wird er weitere zwei Wochen komplett für den Meiler leben und sogar weitgehend am Meiler: Am Sonntag, 20. September, um elf Uhr schiebt Wick eine Fackel in den Bodenkanal, um sein Werk zu zünden, auf dass es schwelt und Kohle entsteht. Die Köhlerhütte besteht aus kaum mehr als zwei Holzwänden, die über dem Boden einen Spitzgiebel bilden. Schlafen ließe sich darin schlecht. Aber Wick wohnt nah, und als Wehrführer der freiwilligen Feuerwehr ist er es gewohnt, nachts im Notfall schnell aufzubrechen. Wenn es stürmt, eilt er zum Meiler, wie er sagt. Um zu verhindern, dass etwa das Gestübe verweht. Der Kamin muss abgedichtet sein. Beim Schwelen darf nur wenig Sauerstoff an das Holz gelangen, sogar den Bodenkanal für die Fackel verschließt Wick nach dem Zünden. Nur noch sieben, acht mauselochgroße Löcher darf der Hügel dann haben. Kohle ist leichter als Holz Den Morgenkaffee und das Mittagessen macht er sich nach Köhlerart. Neben dem Meiler bilden Steine und Holzkohle einen Grill. In einer Kanne hat Wick Kaffeepulver überbrüht. Später wird er sich Eier mit Speck oder Wurst braten. Der Köhler bekommt viel Besuch. An diesem Morgen schauen Kindergartenkinder vorbei. „Hallo, Alex!“, ruft ein Junge, und ein anderer: „Hast du heute schon fleißig gearbeitet?“ Der Köhler berichtet auch von Besuchern, die wegen des Meilers in den Förderkreis des Hessenparks eingetreten sind. Dann ist der Eintritt frei, sodass sie ständig schauen können, wie er wächst. Etwa zur Hälfte ist das Innere aus Holz inzwischen vom Gestübe umschlossen. Oben ragen vier Stangen heraus. Der Köhler hat sie am Anfang in die Erde gerammt. „Das ist mein Kamin.“ Wick hat ihn komplett mit trockenem Holz gefüllt, anschließend Scheite um den Kamin gelehnt. Das macht 15 Raummeter Holz. Während der Meiler schwelt, verwandelt es sich in Holzkohle. Das Volumen verringert sich dabei etwa um die Hälfte. Viel größer ist der Unterschied beim Gewicht: Die sieben bis acht Kubikmeter Kohle wiegen nur noch ein Zehntel des Holzes. Ans Tageslicht kommt die Kohle, wenn der Köhler den Meiler öffnet. Am Samstag, 10. Oktober, beginnt Wick diesen letzten Arbeitsschritt. Zur Zeit von Hänsel und Gretel war der Beruf schon am Aussterben, wie Wick sagt. „Aber davor waren Köhler auch angesehene Leute.“ Holzkohle war nötig, um Eisen zu verhütten. „Im Taunus haben Holzkohle-Hochöfen noch bis 1865 gebrannt.“ Mitte des 19. Jahrhunderts produzierten sie so intensiv, dass es kaum noch Holz gab in der Gegend. Denn Bäume wachsen langsam. Als genug Eisenbahnstrecken entstanden waren, um Steinkohle in die Gegend zu transportieren, stellten die Köhler etwas her, was keiner mehr brauchte. Die Holzkohle des Köhlers von heute dagegen wird verkauft. Im Museumsshop.
