Der Wunsch nach Abkühlung war groß in diesem Hitzesommer, dem zweitwärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Naheliegenderweise erlebt der Schwimmsport einen ungemeinen Aufwärtstrend, Lifestylemagazine haben ihn schon zur Trendsportart für das Jahr 2026 ausgerufen. Seit Jahren schon dominieren Bilder von eisbadenden Influencern das Internet. Auf der anderen Seite können immer weniger Kinder überhaupt oder sicher schwimmen und die Kommunen beklagen seit Jahren, dass Geld für die dringend benötigte Sanierung von Hallen- und Freibädern fehle; es droht somit auch auf lange Sicht eine Verschärfung der Nicht- und Schlechtschwimmerstatistiken. In der Gegenwartsliteratur wiederum lenkte Caroline Wahl mit ihrem Debüt „22 Bahnen“ den Blick auf die therapeutische Kraft des Schwimmens. Ihre Heldin Tilda sieht sich mit dem Leben ihrer alkoholkranken Mutter konfrontiert und muss sich zudem um ihre jüngere Schwester Ida kümmern. Die 22 Bahnen sind ihr tägliches Ritual, bei dem sie sich in einem abgegrenzten Raum allein in die Hände der Physiologie begibt – im Unterschied zur offenen Welt, die keinen Halt mehr verspricht. Im Angesicht dieser Phänomene erhofft man sich von Bernd Brunners Kulturgeschichte des Badens und Schwimmens eine Einordnung in einen größeren Zeithorizont, will dem, was in der Jetztzeit an der Oberfläche schimmert, mehr entnehmen als das Offensichtliche. Aber lässt sich noch sinnvoll von einer Kulturgeschichte sprechen, wenn nur ein Fakt nach dem anderen genannt wird, zum Beispiel, dass eine „interessante Spielart des Pools (…) die Infinity-Variante“ ist, dass die Bademeister in Wellenbädern besonders gefordert seien, weil Badende in Not im aufgewühlten Wasser schwerer erkennbar sind und dass selbige Bäder mit Chlor und Putzrobotern gesäubert werden? Stoff zum Diskutieren gäbe es ja: Die Frage nach der richtigen Badebekleidung spaltet bis heute die Gemüter. Von FKK bis Burkini ist an Stränden weltweit zwar allerhand zu sehen, aber auch nicht immer alles erlaubt, wie die sich jährlich wiederholenden Debatten zum Verbot von Ganzkörperverhüllung in Schwimmbädern zeigen. Solche Fragen stehen in bester Kontinuität zur Geschichte des Badens, wie die Lektüre Brunners bestätigt. Reicht es aber, lediglich aufzuzählen, wann Schwimmwams, Monokini oder Bikini erfunden wurden, oder müsste nicht gerade im Ausgang vom historischen Material darüber nachgedacht werden, warum sich Kontroversen immer wieder gerade an der Badebekleidung entfalten? Die Geschichte des Schwimmens ist zugleich eine Geschichte des gesellschaftlich-politischen Umgangs mit Körperlichkeit. Was früher verhüllt wurde, wird heute monatelang im Fitnessstudio getrimmt. Brunners Buch dagegen begnügt sich mit der lapidaren Feststellung, dass es die „beste oder richtige Art des Schwimmens“ nicht gebe und „jede und jeder (…) nach ihrer oder seiner Façon glücklich“ werden könne. Damit wird er seinem eigenen Recherchematerial nicht gerecht. Bernd Brunner: „Abtauchen und Treibenlassen“. Die Geschichte des Badens und Schwimmens. HarperCollins, Hamburg 2026. 192 S., Abb., geb., 22,– €.
