FAZ 18.08.2026
16:48 Uhr

Rücktritt bei den Grünen: Die Hose bitte „am Hintern enger“ und „Sex gegen Geld“


Frühere Grünen-Mitarbeiter in Mecklenburg-Vorpommern sollen von sexueller Belästigung und Machtmissbrauch betroffen sein. Kurz vor der Wahl zerlegt sich die Partei.

Rücktritt bei den Grünen: Die Hose bitte „am Hintern enger“ und „Sex gegen Geld“

Bei 36 Prozent steht die AfD in Mecklenburg-Vorpommern rund fünf Wochen vor der Landtagswahl, und um weiterregieren zu können, wäre Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) derzeit dringend auf die Grünen angewiesen. Die haben im Nordosten noch nie reüssiert, zuletzt kamen sie auf fünf Prozent. Doch nun zerlegt sich die Partei. Der Grund sind lange unter der Decke gehaltene Vorwürfe des Machtmissbrauchs und der Belästigung gegen Constanze Oehlrich, eine der Führungsfrauen der Partei. Obwohl die Beschwerden im vergangenen September intern schon lange bekannt waren, ließ sich Oehlrich damals zur Spitzenkandidatin für die Landtagswahl küren. Doch dann wurden die Vorwürfe öffentlich, der Landesvorstand beschloss einen Sonderparteitag, die grüne Bundestagsabgeordnete Claudia Müller wurde Spitzenkandidatin. Am Fraktionsvorsitz hielt Oehlrich bis zuletzt fest. Am Montagnachmittag gab sie in Folge neuerlicher Berichte ihren Rücktritt bekannt. Sie teilte mit, die gegen sie erhobenen Vorwürfe seien bereits in einem unabhängigen Verfahren geprüft und als unbegründet zurückgewiesen worden. „Ein wiederholtes öffentliches Vorbringen bereits entkräfteter Vorwürfe schafft keinen neuen Sachstand, führt aber zu einer anhaltenden persönlichen Belastung.“ Sie habe deshalb entschieden, das Amt der Fraktionsvorsitzenden niederzulegen. „Ich tue dies, um meine Fraktion, meine Familie und auch mich selbst vor weiteren Verletzungen zu schützen.“ Der Schritt sei „ausdrücklich keine Bestätigung“ der gegen sie erhobenen Vorwürfe. Mehrfach vergeblich auf Einhaltung von Grenzen gedrungen Intern aber wird gemutmaßt, der Schritt könne damit zusammenhängen, dass sich die Affäre ausweitet. So sollen nach Informationen der F.A.Z. mindestens vier Personen von Machtmissbrauch oder Belästigung betroffen sein, weitere möglicherweise Betroffene sollen sich gemeldet haben. Gemutmaßt wird zudem, dass Oehlrichs Rücktritt auch damit zusammenhängt, dass der Parteivorstand sie faktisch fallen ließ. Schon im Herbst 2022 soll Oehlrich einem langjährigen und deutlich jüngeren Fraktionsmitarbeiter ihre Liebe offenbart haben, so steht es in einem Beschluss des Landesvorstands der Partei vom 4. August, der der F.A.Z. vorliegt. Über Jahre soll sie dem Mann gegenüber immer wieder ihre Gefühle bekundet haben. Er wies das zurück, bat um Unterlassung, doch sie soll weitergemacht haben. Laut einem Bericht der Fachberatungsstellen für Antidiskriminierungsarbeit in Greifswald vom Juli 2026, aus dem der „Nordkurier“ zitiert, versuchte der Betroffene mehrfach vergeblich, auf verbindliche Regelungen zu einer Arbeitsorganisation hinzuwirken, die seine Grenzen respektiert. Oehlrich versprach offenbar mehrmals, sich zu bessern, tat das aber nicht. Laut einer eidesstattlichen Erklärung des Mitarbeiters, die der F.A.Z. als Kopie vorliegt, soll Oehlrich ihm gegenüber sexualisierte Sprache genutzt und etwa gesagt haben, er solle sich im Büro etwas anziehen, das „am Hintern enger sitzt“. Er wirft ihr „verbale sexuelle Belästigung“ vor. Mehrere Mitarbeiter, die Vorwürfe erhoben, wurden freigestellt Oehlrich hatte gegenüber dem NDR derlei Äußerungen von ihr „unglücklich“ genannt und gesagt, sie könne nicht ausschließen, dass Aussagen von ihr anders verstanden wurden, als sie gemeint gewesen seien. Auf die Bitte der F.A.Z. um eine Stellungnahme teilt sie mit, an der Bewertung habe sich nichts geändert. Die Fraktion habe eine spezialisierte Rechtsanwaltskanzlei beauftragt, die Beschwerde des ehemaligen Mitarbeiters zu prüfen. Sie sei als „nicht substantiiert und unbegründet zurückgewiesen“ worden. Laut Angaben des früheren Mitarbeiters, der sich später krankmeldete, soll Oehlrich dessen Arbeit auch mit einer sexuellen Dienstleistung verglichen haben. Auf seine Bitte nach einem Beratervertrag, um bisher unentgeltlich geleistete Zusatzarbeiten zu vergelten, soll sie geantwortet haben, das halte sie nur schwer aus, das sei, als sage ein Partner zum anderen, ab sofort gebe es nur noch „Sex gegen Geld“. Dazu teilt Oehlrich mit, die Vorwürfe träfen in dieser Form nicht zu, einzelne Vorgänge oder Formulierungen seien aus dem Zusammenhang gelöst und verkürzt wiedergegeben. Den Vorwurf der verbalen sexuellen Belästigung weist sie zurück. Doch soll es Vorwürfe von mindestens drei weiteren Personen gegen Oehlrich geben. In einem Fall ist von Brustberührung und von durch Oehlrich eingeforderten langen Umarmungen die Rede, die aufgrund des Machtverhältnisses nicht ablehnbar gewesen seien. In mehreren Fällen wurden Mitarbeiter, die die Vorwürfe erhoben hatten, später freigestellt. Eine Sprecherin teilt dazu mit, die Darstellung könne die Fraktion nicht bestätigen; zu einzelnen Personalangelegenheiten äußere man sich nicht. Dem Vorstand der Landespartei sind die Vorwürfe seit Langem bekannt. Eine echte Aufklärung gab es bisher nicht. In dem nicht öffentlichen Beschluss vom 4. August heißt es, der Vorstand habe im Zuge von Presseanfragen „kürzlich erneut“ Kenntnis über die Vorwürfe gegen Oehlrich erlangt. Demnach verurteilt der Landesvorstand „jede Form von Sexismus, sexueller Belästigung, grenzverletzendem Verhalten und sexualisierter Sprache“. Der Parteiführung zufolge stritt Oehlrich zunächst fehlerhaftes Führungsverhalten ab, später gestand sie dann demnach ein, sexualisierte Sprache genutzt zu haben. Derlei Handlungen widersprächen den Grundwerten der Grünen, heißt es in dem Beschluss. Nun soll eine „bereits beschlossene Aufarbeitungskommission“ ihre Arbeit „zeitnah“ aufnehmen. Der Landtagsabgeordnete Hannes Damm hatte intern auf eine Aufklärung der Vorwürfe gedrängt, was zum Zerwürfnis mit den anderen vier Abgeordneten der Grünenfraktion führte. Damm wurde im September als stellvertretender Fraktionsvorsitzender abgewählt, die Fraktion nannte einen „massiven Vertrauensbruch“ als Grund, später wurde er aus der Fraktion geworfen. Dagegen klagt Damm derzeit vor dem Landesverfassungsgericht. Die mündliche Verhandlung könnte noch vor der Landtagswahl beginnen. Dabei dürfte es auch um die Details der Vorwürfe gegen Oehlrich gehen. Für die Grünen könnte dieser Wahlkampf noch unerfreulicher werden als ohnehin schon.