Mit einem lauten Knall zerbirst die feindliche Drohne. Es war ein Nachbau jener russischen Drohne aus Leipzig, die mit Sprengstoff bestückt war und ukrainische Flugzeuge zerstören sollte. Auch die Drohne, die nun in Hamburg in Einzelteilen auf dem Boden liegt, hatte in einem fiktiven Szenario Sprengstoff geladen. Damit sollte ein Truppentransport aus dem Hafen quer durch die Stadt unterbunden werden. Hamburg probt in diesen Tagen wieder den Ernstfall. „Red Storm Charlie“ heißt die Übung, die die Bundeswehr organisiert und wegen der immer wieder Hubschrauber über den Dächern zu sehen sein werden. Geprobt wird ein alles andere als unrealistisches Szenario: Demnach steigen die Spannungen an der Ostflanke der NATO, doch liegt weder ein Verteidigungs- noch ein Bündnisfall (Artikel 5 NATO-Vertrag) vor. Vielmehr hat ein baltischer Staat Konsultationen (Artikel 4) einberufen, und die NATO hat beschlossen, zur Abschreckung Truppen an die Ostflanke zu verlegen. Hamburg käme dann als Drehscheibe eine zentrale Rolle zu. Kein Fahrzeug darf bei Rot über die Ampel fahren Die feindliche Drohne wird zunächst von einer großen Bundeswehrdrohne oben am Himmel verfolgt und mit einem Netz eingefangen, gleiches geschieht mit einer kleinen feindlichen Beobachtungsdrohne. Der Drohnenpilot hat sich im Hochhaus versteckt, mit lautem Knattern kommt ein Bundeswehrhubschrauber, von dem sich Soldaten auf das Dach abseilen. Am Abend fährt dann ein Konvoi aus rund 70 Bundeswehrfahrzeugen durch die Stadt. Das ist gar nicht so einfach, weil es an dem Tag mehrere echte Demonstrationen gibt. Gegen „Red Storm Charlie“, gegen die „Militarisierung“, aber auch gegen eine Wehrpflicht. Komplex ist die Fahrt aber auch, weil in der Realität wie in dem Szenario kein Verteidigungsfall vorliegt, sich alles in Friedenszeiten abspielt und daher kein Fahrzeug bei Rot über die Ampel darf. Geprobt werden weiterhin ein Chemieunfall mit verletzten Soldaten, die Sabotage eines Transportes auf der Schiene und die Sabotage an einem Flugzeug. Es ist bereits die dritte Übung dieser Art in Hamburg – und jedes Jahr wird sie größer. Mittlerweile sei die Bundeswehr in der Minderheit, sagt Landeskommandeur Kurt Leonards. Es habe ihn selbst überrascht, wie viele Unternehmen und Organisationen mitmachen wollten. Parallel veranstaltet die Handelskammer „Red Storm Business“, dabei geht es etwa um die Vorbereitung auf Stromausfälle und Cyberangriffe. Auch Staat und Bevölkerung müssen resilient sein Vorbild für eine wirkungsvolle Gesamtverteidigung, für die nicht nur das Militär, sondern auch Staat und Bevölkerung resilient seien müssen, sind meist die nordischen Länder. Gesamtverteidigung beginne nicht erst im Verteidigungsfall, sagt Leonards dazu. Die Übung biete viele Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln und zu schauen, wie man noch besser werden könne. Im vergangenen Jahr sei auf dem Feld so viel passiert wie in vielen Jahren zuvor nicht. Auch Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) verweist darauf, dass in Sachsen Krisenresilienz „sehr, sehr viel“ passiert sei. Bei der Innenministerkonferenz im Juni sei es hauptsächlich darum gegangen; in der Hansestadt werde noch in diesem Jahr ein Drohnenabwehrsystem in Dienst gestellt; die Bevölkerungswarnsysteme seien ausgebaut, neue Fahrzeuge angeschafft worden. Im Ernstfall sei es wichtig, dass das Zusammenspiel zwischen den Behörden gut funktioniere, sagt Grote. Die Übergabe zwischen Polizei und Bundeswehr bei der Übung zur Drohnenabwehr nennt er „1A“. Jedoch wirkt der Wechsel recht umständlich. Alles dauert lange. Erst kommt der eine mit einem Jamming-Gerät, dann der andere; mehrmals umkreist ein gegen Sprengungen geschützter Soldat die Drohne, bis sie endlich zerstört wird. Noch immer fehlt es an Wissen und Erfahrung Ob derlei Drohnenabwehrsysteme auch am Flughafen zum Einsatz kommen, fragt ein Journalist. Antwort Grote: Dort sei die Bundespolizei zuständig. Allen Bemühungen zum Trotz ist die Drohnenabwehr immer noch sehr kompliziert, mal ist sie Sache der Landespolizei, mal des Bundes, mal der Bundeswehr. Es tue sich viel, aber der Weg für Behörden wie auch Unternehmen sei immer noch weit, sagt dazu einer, der in Hamburg seit Langem im Zivil- und Katastrophenschutz tätig ist. Demnach lässt sich etwa ein Stromausfall in Hamburg mit Kräften aus dem Umland recht schnell beheben. Fällt er aber größer aus, wird es schwierig. Dann sind nicht nur die Kühlketten der Supermärkte unterbrochen, sondern die Leute kommen auch nicht an Geld. Zudem nicht an Benzin – was auch für die Behörden gilt. Theoretisch helfen dann Kräfte des Technischen Hilfswerks. Aber für die ist der Bund zuständig, sie sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt und im Zweifelsfall anderswo im Einsatz. Der Fachmann weist auch darauf hin, dass etwa einst staatliche Unternehmen wie Bahn, Post und Telekom in den vergangenen Jahrzehnten massiv Material und Fähigkeiten für den Krisenfall abgebaut hätten, von der Bahnfeuerwehr bis hin zu Teleskopmastfahrzeugen. Zudem fehle es in den Behörden weiterhin an Wissen und Erfahrung. Im November steht gleich die nächste Übung an, Lükex heißt die. Nach Angaben Grotes wird sie die größte Krisenübung seit dem Ende des Kalten Kriegs. Bund und viele Länder üben ein anderes, aber ebenso alles andere als unrealistisches Szenario: eine mehrjährige extreme Hitze- und Dürrephase, in deren Folge es zu einer Notlage kommt, bei der es auch noch hybride Angriffe gibt. Ein derartiges „Multikrisenszenario“ sei notwendig, so Grote, schließlich sei das die Welt, in der wir gegenwärtig lebten. Bei aller Übung aber ist es laut Innensenator entscheidend, dass die Gesamtresilienz von jedem Einzelnen abhänge. Abwehrfähig sei ein Land nur, wenn die Eigenvorsorge da sei. Jeder Einzelne müsse sich also mit dem Thema beschäftigen.
