Von einem kleinen „Wunder“ spricht Clotilde Noël. Ihre mehrfach behinderte Tochter Marie-Garance wurde auf den Champs-Élysées vom Papst gesegnet. Das Foto von dem kleinen Mädchen im blauen Kleid, über das Leo XIV. sich fürsorglich beugte, ging um die Welt. Die Mutter berichtet von einem „Augenblick, an dem die Zeit stillstand“. Es sei ein Schauer durch die Menge gegangen, und als das Bild von Marie-Garance mit dem Papst von den Großbildschirmen auf den Champs-Élysées verschwand, hätten die Menschen spontan applaudiert. Familie Noël saß am Rande der berühmten Prachtavenue in einem für Menschen mit eingeschränkter Mobilität reservierten Bereich, als der Papst mit dem Papamobil vorbeifuhr. Es sei nichts geplant gewesen. Im Fernsehsender BFM schilderte die Mutter hinterher, wie sich ihr unbekannte Menschen und freiwillige Helfer um sie herum mobilisiert hätten, damit zwei ihrer Töchter vom Papst gesegnet werden konnten. Die Szene habe die Anwesenden und sie selbst zutiefst berührt. Glaube entstehe nicht von selbst, sondern durch konkrete Taten, sagte Clotilde Noël. Marie-Garance ist adoptiert Die elf Jahre alte Marie-Garance ist nicht das leibliche Kind von Clotilde und Nicolas Noël. Das Paar, das in einem Vorort westlich von Paris lebt, hatte bereits sechs Kinder, als es sich zur Adoption entschied. Sie hätten es anderen Kindern ermöglichen wollen, an ihrem Familienglück teilzuhaben, beschreibt die Mutter ihre Motivation. Doch bei den Behörden stießen sie auf Unverständnis. Man habe ihnen gesagt, sie hätten nur eine Chance, wenn sie ein behindertes Kind adoptierten. „Für mich war das ein Schock. Ich entdeckte plötzlich, dass es eine ganze Kategorie von zur Adoption freigegebenen Kindern gibt, die niemand will. Das Schlimmste war das Schweigen darüber“, schilderte sie in einem Podcast. Die Behörden würden die Kinder nach dem Schweregrad ihrer Behinderung aussortieren. Die Perspektive sei, was adoptionswilligen Eltern zuzumuten sei, nicht das Kindeswohl, so die Buchautorin. Zusammen mit ihrem Mann Nicolas, einem Deutschfranzosen, entschloss sie sich zur Adoption eines behinderten Kindes. 2013 vergrößerte Marie ihre Familie, ein kleines Mädchen mit Trisomie 21, das damals sechs Monate alt war. Ihr Mann, der blond und blauäugig sei, habe sich über die kleine blonde Marie gebeugt und gesagt: „Sie ähnelt mir.“ Das sei für ihre sechs Kinder zunächst schwer zu verstehen gewesen: Wie konnte der starke Vater, der der Familie so viel Halt gibt, sich mit einem behinderten Mädchen vergleichen, erinnert sich Clotilde. Die Kinder hätten gespürt, dass die Liebe ihrer Eltern nicht von ihren Leistungen oder ihrem Aussehen abhängen, sondern bedingungslos sei. Das Zusammenleben mit Marie sei für alle bereichernd. „Der Verzicht ist nichts im Vergleich zur Freude“ Ihre Erfahrungen schilderte Clotilde in einem Buch „Tombée du Nid“ (etwa: Aus dem Nest gefallen), das unerwartet viel Beachtung fand. Sie gründete zudem den Verein „Tombée du Nid“, in dem sich Eltern von behinderten Kindern und Freiwillige gegenseitig helfen. Inzwischen gibt es auch eine App „Cœur du Nid“ zur schnellen Kontaktaufnahme. „Am schlimmsten ist es, isoliert zu sein“, sagte Clotilde. Auch sie hätten den Vorwurf zu hören bekommen, wie sie es ihren gesunden Kindern zumuten könnten, mit behinderten Adoptivkindern zu leben. 2016 adoptierten die Noëls die kleine Marie-Garance, die zu dem Zeitpunkt 16 Monate alt war. Ihre leiblichen Eltern hatten das Mädchen in die Obhut des Staates gegeben, da sie sich außerstande sahen, die intensive Pflege und häufigen Krankenhausaufenthalte zu organisieren. Clotilde beschreibt eindrucksvoll, dass ihre Motivation nicht „humanitär“ sei. Sie liebe Marie-Garance wie ihre eigene Tochter, und es sei unbeschreiblich, wie viel Liebe sie ihr zurückgebe, auch wenn sie nicht sprechen und sich nicht allein bewegen könne. Der deutsch-französische Vater Nicolas, ein Ingenieur, beschreibt, wie sehr aus seiner Sicht die Gesellschaft verlernt habe, Menschen mit Behinderungen anzunehmen. Nach Marie-Garance adoptierte das Paar noch Frédéric-Moïse und Pépa, die ebenfalls behindert sind. Natürlich sei sie manchmal erschöpft, sagte Clotilde im Fernsehen. Auch habe die Familie auf bestimmte Reisen verzichtet. Ihr Mann habe eigens einen Busführerschein abgelegt, um die ganze Familie zu transportieren. Aber der Verzicht sei nichts im Vergleich zu der Freude über ihre Familie.
