FAZ 10.09.2026
15:19 Uhr

Ökologisches Gleichgewicht: Oktopus gegen Blaukrabbe


Italienische Forscher haben 130.000 Kraken ausgesetzt, um eine Plage der invasiven Schalentiere zu bekämpfen. Die Biologin Laura Gentile erklärt, wie sie damit ein sensibles Gleichgewicht wiederherstellen will.

Ökologisches Gleichgewicht: Oktopus gegen Blaukrabbe

Frau Gentile, was macht die Ausbreitung der Blaukrabben so problematisch?   Der nördliche Teil der Adria, also die Gegend um Venedig und Bologna, ist sehr bekannt für die Zucht von Venusmuscheln und Miesmuscheln. Beide werden gerne von Blaukrabben gefressen. Bislang gibt es keine Netze, die die Krabben fernhalten können. Durch die große Krabbeninvasion vor ein paar Jahren hat sich die Situation deutlich verschärft, sodass die Plage zu einem erheblichen Problem für Fischerei und Muschelproduktion geworden ist. Das scheint besonders die Adriaküste zu betreffen. Ja, das ist hier eine sehr gute Umgebung für die Blaukrabbe. Wie gesagt, finden sie hier massenhaft Nahrung durch die küstennahen Muschelzuchten. Außerdem mündet hier der Po ins Mittelmeer. Das riesige Delta bietet eine optimale Umgebung für die Blaukrabbe, denn die Weibchen benötigen Meerwasser, um ihre Eier freizusetzen, und die Jungtiere benötigen Süßwasser, um aufzuwachsen. Daher findet man sie heute überall in dieser Region, egal ob im Fluss oder im Meer. Die Blaukrabben sind hier invasiv. Wie konnten sie sich überhaupt so gut ausbreiten? Sie wurden vermutlich schon vor vielen Jahren im Ballastwasser von Schiffen von der amerikanischen Küste hierher ins Mittelmeer verschleppt. Und hier profitieren die Tiere enorm vom Klimawandel, denn sie überleben auch bei Wassertemperaturen von 30 Grad Celsius. Das sind Temperaturen, die wir im Mittelmeer inzwischen häufiger erreichen. Ein Paradies für die Blaukrabbe, weil andere Arten damit zu kämpfen haben. So kann sie sich immer weiter ausbreiten. Außerdem hat sie hier kaum Fressfeinde, deswegen besiedelt sie mittlerweile weite Teile des Mittelmeerraums. Kann man die Blaukrabbe überhaupt noch loswerden? Nein, und das möchte ich auch deutlich betonen. Auch unser Projekt hat nicht zum Ziel, die Blaukrabben hier auszulöschen. Das geht nicht mehr, dafür sind es zu viele. Wir wollen den natürlichen Bestand der Oktopoden stärken. Sie sind Fressfeinde der Krabben und könnten so das ökologische Gleichgewicht in der Nahrungskette wiederherstellen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Wir arbeiten schon lange mit Oktopoden und haben festgestellt, dass sie bessere Eier produzieren, wenn sie sich von Krabben ernähren. Glücklicherweise fressen sie die auch lieber als Fisch. Zu wissen, wie wir die Fortpflanzung verbessern können, ist besonders wichtig, weil normalerweise nicht viele Larven überleben und sich zu erwachsenen Kraken entwickeln. Wir haben lange Zeit nur heimische Krabben verfüttert. Aber als wir nur noch Blaukrabben fanden, haben wir die ausprobiert. Dabei haben wir festgestellt, dass sogar die jüngeren Oktopoden die Blaukrabben erfolgreich jagen können, obwohl sie bis zu 400 Gramm wiegen und größer sind als unsere heimischen Krabben. Seitdem arbeiten wir daran, die Weichtiere auszusetzen, um den Bestand der Blaukrabben zu kontrollieren. Und dann durften Sie endlich loslegen? Der Anstoß für die Umsetzung kam von der Regierung dieser Region. Bei einem Besuch hier an der Universität in Bologna wurde der Minister auf unsere Forschung aufmerksam. Er sah eine Möglichkeit, einen Fressfeind der Blaukrabbe in der Adria zu etablieren. 2024 begann dann unsere Kooperation, und seit Juni dieses Jahres haben wir insgesamt 130.000 Tiere hier ausgesetzt. Wie genau läuft das ab? Wir paaren bei uns im Labor Brutgruppen aus einem Weibchen und mehreren Männchen. Wenn das Weibchen Eier gelegt hat, entnehmen wir sie aus dem Aquarium. Fünf bis sechs Tage nachdem die Larven geschlüpft sind, setzen wir sie in verschiedenen Bereichen der Adria aus. Warum Larven? Die Aufzucht der Larven ist sehr aufwendig, weil sie in den ersten zwei Monaten ihre Lebensweise und Ernährung stark verändern. Am Anfang leben sie ausschließlich in der Wassersäule, als Teil des Planktons. Nach etwa zwei Monaten passen sie sich an ein Leben auf dem Meeresgrund an. Sie wechseln also von einer planktonischen Lebensweise zu einer benthischen. In dieser Phase sind sie auf ganz bestimmte Nahrung angewiesen, die sich im Labor kaum bereitstellen lässt. Deswegen sterben dort auch sehr viele. Die gute Nachricht ist aber: In der Nähe der Muschelfarmen finden alle Lebensstadien genügend Nahrung. Sie hoffen also im Grunde, dass die Überlebensrate höher ist als im Labor. Genau. Deswegen setzen wir sie auch über mehrere Monate aus. So nehmen sie sich nicht gegenseitig die Nahrung weg. Außerdem achten wir darauf, wo wir sie aussetzen. Für das Leben auf dem Boden benötigen sie Barrieren und Felsen, davon gibt es nicht viele, weil der Po viel Sand einbringt. Was passiert nach den zwei Monaten? Wenn sie auf den Boden wechseln, sind die Tiere etwa einen Zentimeter groß und fressen vor allem kleine Krebstiere. Danach wachsen sie viel schneller und können bereits nach sechs Monaten an die 600 Gramm wiegen. Dann sind sie schon viel größer und fangen an, Blaukrabben zu jagen. Das Wachstum hängt natürlich maßgeblich von den Bedingungen ab, also dem Nahrungsangebot und der Temperatur. Die Tiere sind mobil und leben in den ersten Wochen ausschließlich in der Wassersäule. Wie überprüfen Sie, ob sich die Tiere tatsächlich vor Ort angesiedelt haben? Dafür sind wir auf die Mithilfe der lokalen Gemeinschaft angewiesen. Sie teilen uns mit, ob sie beim Paddeln oder Tauchen Oktopoden gesehen haben. Das Projekt wird in dieser Gegend sehr gut angenommen, weil jedem die Bedrohung durch die Blaukrabbe bewusst ist. Außerdem erzählen uns Fischer, ob sie mehr Oktopoden gefangen haben. Wir fahren auch selbst raus und suchen die Bereiche ab, an denen wir sie ausgesetzt haben. Aber es ist natürlich alles andere als sicher, dass die Tiere auch wirklich hier bleiben. Das Projekt endet im Dezember. Wie geht es bis dahin weiter, und was passiert danach? In der restlichen Laufzeit konzentrieren wir uns auf die Erfolgskontrolle. Wir untersuchen also, wie viele Oktopoden wir wiederfinden und ob wir bereits Auswirkungen auf die Blaukrabbe beobachten können. Es reicht selbstverständlich nicht, nur einmal Oktopoden auszusetzen, um den Bestand an Blaukrabben zu kontrollieren. Dafür müssten wir das Projekt über mehrere Jahre fortsetzen. Bis jetzt ist es also nur ein Pilotprojekt, und wir hoffen, dass die Ergebnisse auch für andere Regionen hilfreich sind. Eingriffe dieser Art ziehen Fragen nach möglichen ökologischen Folgen nach sich. Könnten die Oktopoden ein neues Ungleichgewicht herstellen? Dieses Projekt kann keine negativen Folgen für das Ökosystem haben. Die 130.000 Tiere hören sich erst mal viel an. Im besten Szenario überleben davon aber maximal zehn Prozent. Außerdem kommt der Oktopus auch als natürlicher Fressfeind im Mittelmeer vor. Wir bringen also keine neue Art ein, sondern stabilisieren lediglich den Bestand. Die Blaukrabbe konnte sich im Mittelmeer ausbreiten, weil sie keinen Fressfeind hat. Das liegt unter anderem an der Fischerei: Oktopoden werden bis heute stark befischt. Wie können Sie sichergehen, dass Ihre ausgesetzten Tiere nicht auf dem Teller landen? Die Fischerei ist für alle Populationen im Mittelmeer ein Problem. Aber das ist eine politische Frage. Speziell in unserem Fall haben wir die Oktopoden nahe der Muschelfarmen ausgesetzt. Dort fahren Fischer nicht rein, und dadurch ist es wie eine Schutzzone. Angenommen, Ihr Projekt wird verlängert und in zehn Jahren sind die Blaukrabben deutlich zurückgegangen. Glauben Sie, die Muschelfarmen erholen sich dann? Ich glaube nicht, dass sich die Produktion von Miesmuscheln und Venusmuscheln dann erholt. Beide haben auch mit dem Klimawandel große Probleme. In den letzten Tagen gab es hier eine Hitzewelle, und die Wassertemperatur ist um ein paar Grad gestiegen. Dabei haben viele Farmer ihre Muscheln verloren. Daher wäre es vielleicht gut, auch über andere Lösungen nachzudenken.