Vor knapp zwei Wochen hat im Bundesland Bayern die Schule begonnen nach den Sommerferien. Ein paar Tage später kam im mittelfränkischen Herzogenaurach eine größere Gruppe junger Männer zusammen, die zwar dem schulpflichtigen Alter entwachsen sind, für die aber in gewisser Weise auch ein neuer Lebensabschnitt begann. Auch sie sollen lernen – lernen fürs Leben in der neuen deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Ihr neuer Fußballlehrer Jürgen Klopp hat schon in Mainz, Dortmund und im Ausland in Liverpool unterrichtet, mit teils beachtlichen Erfolgen. Nun hat er sich gleich 44 Pennäler ausgesucht, denen er fürs Erste in nicht einmal zwei Wochen seine Lehre vom Spiel vermitteln möchte. Als „Lektion eins für unsere gemeinsame Zukunft“ stand gleich auf dem Stundenplan: „Wir lernen, Spaß unter Druck zu haben.“ Felix Nmecha und Cody Gakpo treffen in Amsterdam Was die Gegner lernen sollen: dass Druck ihnen keinen Spaß macht. Druck auf einen Ball gewinnenden Gegner auszuüben, immer und überall, gehört fest zu seiner Lehre. In der Fachliteratur heißt das Gegenpressing: eine Vokabel, die jeder Klopp-Schüler in- und auswendig kennen sollte, die so prägnant für die Spielweise seiner Mannschaften ist, dass sie in England gar ohne Übersetzung in den allgemeinen Fußballsprachgebrauch überging. Viel Zeit bis zum ersten Test blieb nicht. Schon am Donnerstagabend, nur wenige Tage nach dem Zusammenkommen in Herzogenaurach, stand mit dem Nations-League-Auftaktspiel in den Niederlanden eine erste Prüfung an. Das Ergebnis von 1:1 hatte aus deutscher Perspektive eine etwas bittere Note. Denn nach Felix Nmechas Führungstreffer in der 32. Minute glichen die Niederländer erst in der Nachspielzeit durch Cody Gakpo aus. Dennoch wollte Klopp nicht zu streng sein. Seine Spieler wussten nicht auf jede Frage, die die Niederländer stellten, die richtige Antwort, das Bemühen war jedoch erkennbar. Auch das war ein Aspekt, den der neue Bundestrainer vermittelte. Dass sich mancher auf dem Lösungsweg verrannte, nahm er hin. „Die Abläufe können noch nicht natürlich sein“, sagte er. Die alten seien halt erlernt, aus den Vereinen oder der früheren Version der Nationalelf. Es wird Zeit brauchen, bis Klopps Gegenpressing und andere taktische Ideen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Zeit, die im Fußball selten ist, die Klopp aber geben möchte. „Beim Erlernen gibt es den Moment, in dem du mal kurz weißt, welche Vokabel du morgens gelernt hast“, sagte er. „Mittags weißt du es auch noch. Aber am nächsten Tag wäre es nicht schlecht, wenn du mal wieder draufschaust.“ Und der nächste Vokabeltest kommt bestimmt. Zwei Spieler werden erst einmal entschuldigt fehlen. Jamal Musiala sollte in Amsterdam von Beginn an spielen, beim Aufwärmen schmerzte aber der Oberschenkel. Kai Havertz verließ den Platz nach einem Foul nach einer halben Stunde, ebenfalls mit lädiertem Oberschenkel. Beide werden sich in ihren Vereinen auskurieren. Für sie holt den Bundestrainer Florian Wirtz und Jonathan Burkardt früher als geplant zum DFB-Team. Einen „großen Fokus“, erzählte Joshua Kimmich, hatte Klopp in den wenigen Lehrstunden auf die Defensive gelegt. „Das ist der einfachste Weg, wie man in zwei, drei Tagen ein Fundament bauen kann.“ So wurden erste Prinzipien entwickelt, mit Pressing und Gegenpressing. Kimmich, der unter Klopp zurück ins Mittelfeld versetzt wurde, hat die Vokabeln gelernt. Sowieso war der Kapitän, wie so oft, ein Musterschüler. Vor Nmechas Tor spielte er ungerührt weiter, obwohl ein Gegner offensichtlich verletzt am Boden lag. Kimmich kennt die Regeln: Da der Schiedsrichter nicht unterbrach, war das legitim, auch wenn die Niederländer tobten. Die gegnerische Empörung interessierte den deutschen Klassensprecher nur am Rande. Mehr interessierte sich Kimmich für erste (Kennen-)Lernerfolge. „Am besten lernt man sich immer auf dem Platz kennen. Das ist der Ort, an dem man noch enger zusammenrückt“, sagte er. Dazu trug auch Klopp bei, dessen Ansprache Kimmich als „sehr klar“ und „sehr fordernd“ bezeichnete. „Auf der anderen Seite gibt er uns auch sehr, sehr viel Vertrauen.“ Niederländische Empörung gab es auch beim aberkannten Tor von Virgil van Dijk. Der Kapitän traf nach einer Ecke, der Schiedsrichter erkannte auf den Videobildern aber eine Abseitsposition von Brian Brobbey vor Marc-André ter Stegen. Der Torwart von Ajax Amsterdam kehrte in seinem neuen Heimstadion in die Nationalelf zurück und ist „für den Moment“ Klopps Nummer eins. Ter Stegen baute zwar ein paar Flüchtigkeitsfehler ein, zeigte sonst aber eine gute Leistung. „Schön, dass mal jemand die Augen aufgemacht hat“ Das galt auch für Philipp Treu, einen Novizen der Freiburger Fußballschule, der gleich in der Startelf stand und wie Younes Ebnoutalib und Yannik Engelhardt, die eingewechselt wurden, sein erstes Länderspiel absolvierte. Als Rechtsverteidiger erbte Treu die deutsche Problemposition von Kimmich. So forsch, wie Treu Gegner Gakpo in die Defensive zwang, sprach er später auch. „Das ist natürlich gut zu hören, dass mal jemand die Augen aufmacht und nach Freiburg geguckt hat.“ Gemeint war Klopp. Denn dort gibt es offenkundig einen ganz guten Rechtsverteidiger. Einen folgenschweren Fehler ankreiden lassen musste sich Serge Gnabry. Er verlor an der Mittellinie den Ball, der Konter führte zum Ausgleich. Klopp ließ Milde walten. „Das ist nicht schlimm, kann passieren, kein Thema“, sagte er, „aber Serge muss nach vorne weglaufen mit dem Ball.“ Man lernt eben nicht aus, auch mit 31 Jahren nicht. Die nächsten Prüfungen stehen bald an, schon an diesem Sonntag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und in der ARD) wartet in Augsburg Griechenland, dann folgen bis zum 4. Oktober das Heimspiel gegen Serbien und die Partie in Griechenland, im November noch das Duell in Serbien und das Rückspiel gegen die Niederlande. Mit dem Ende der Nations-League-Gruppenphase ist Zeit für ein erstes Zwischenzeugnis. Sind bis dahin die Lernfortschritte groß genug, um größer zu denken? Sicher ist: Es wartet noch einiger Lernstoff auf die deutschen Eleven. Stoff, aus dem Fußballträume sind. Das Ziel: 2028 bei der EM und, noch mehr, im Sommer 2030 bei der WM um Klassen besser zu sein als jetzt. Ein Anfang ist gemacht. Allerdings wurde in Amsterdam auch offensichtlich: Das Lernen mit dem neuen Klassenlehrer Jürgen Klopp hat gerade erst begonnen.
