FAZ 28.07.2026
11:25 Uhr

Nachhaltigkeit: Wie die Messe Frankfurt umweltfreundlicher werden will


Die Messe Frankfurt hat große Ziele, was die Nachhaltigkeit angeht. Dafür sind viele kleine und auch große Schritte, vor allem aber Daten nötig.  Geschäftsführerin Iris Jeglitza-Moshage gibt zu: Vieles weiß man schlicht noch nicht – und manches, was man weiß, lässt sich kaum beeinflussen.

Nachhaltigkeit: Wie die Messe Frankfurt umweltfreundlicher werden will

Wer beim Aufbau einer Messe wie demnächst wieder der Automechanika oder der Buchmesse durch die Hallen läuft, sieht, was es bedeutet, Hunderte Stände aufzubauen und mit alldem auszustatten, was für die Präsentation der Produkte nötig ist. Da türmen sich in den Gängen der Frankfurter Messehallen Kartons, Folien, Styropor und vieles mehr. Hier zeigt sich das Dilemma, in dem sich die Messe Frankfurt befindet, wenn sie sich um mehr Nachhaltigkeit bemüht. Denn der Einfluss der Messegesellschaft auf die ausstellenden Unternehmen ist begrenzt. Dabei ist der Anspruch hoch, wie Iris Jeglitza-Moshage, in der Geschäftsführung derzeit für Nachhaltigkeit und Technik zuständig, hervorhebt: Bis 2040 will die Messe Frankfurt klimaneutral sein. Um das zu erreichen, wird an vielen Stellschrauben gedreht. Denn auch die Messe Frankfurt gehört zu den Unternehmen, die von 2027 an nach der jüngsten EU-Regulierung über das sogenannte Omnibus-Verfahren Nachhaltigkeitsberichte vorlegen müssen.  Diese Pflicht gilt für Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitenden und mehr als 450 Millionen Euro Umsatz. Daher trifft sie auf die Messe Frankfurt mit weltweit mehr als 2000 Beschäftigten und 2025 mehr als 700 Millionen Euro Umsatz zu. Unter den Messegesellschaften in Deutschland unterliegt außer der Frankfurter nur die Messe München der neuen EU-Regulierung, wie Jeglitza-Moshage sagt. „Manchmal lösen wir Probleme, die die anderen nicht kennen.“ Die Messe Frankfurt habe sich schon frühzeitig auf den Weg gemacht und eine sogenannte Wesentlichkeitsanalyse erstellt, Gesellschafter, Kunden und Beschäftigte befragt, und sich nach dem EMAS-Standard – dem Eco Management and Audit Scheme der EU – zertifizieren lassen. Gleichzeitig hat man sich inzwischen vom UN Global Compact verabschiedet. Zur Begründung heißt es, es gebe zu viele Unterschiede zu den EU-Vorgaben, und die Kommunikation mit der Global-Compact-Initiative sei zu kompliziert gewesen. Die größte Herausforderung für die Messe liegt in der Frage, was sie überhaupt selbst steuern kann. Ein Beispiel: Um die Energieeffizienz zu verbessern, wurden Messgeräte installiert; anschließend hat die Messegesellschaft durch technische Maßnahmen wie LED-Umrüstung und Bewegungsmelder den Eigenverbrauch ihrer Hallen und Außenanlagen um gut 20 Prozent gesenkt. Das ist beachtlich – aber der Eigenverbrauch ist nur ein kleiner Teil des Gesamtbilds. Was die Aussteller auf ihren Ständen verbrauchen, kann die Messe nicht vorschreiben. Zwölf Tonnen Abfall bei jeder großen Messe Dasselbe gilt für den Abfall. Große Aussteller, die regelmäßig auf Messen präsent seien, packten ihr Standbaumaterial inzwischen oft sorgfältig wieder ein, heißt es in Frankfurt.  Andere – vor allem internationale Aussteller aus Fernost – ließen vieles zurück. Rund zwölf Tonnen Abfall fielen bei großen Veranstaltungen an, der Löwenanteil davon Spanholzplatten. Die Teppichböden, die für jede Messe neu verlegt würden, spielten dagegen keine so große Rolle. Es gebe zwar auch recycelte Alternativen aus Belgien – doch der Transportweg nach Frankfurt würde die CO₂-Bilanz unter Umständen wieder belasten. „Dann fängt man an zu rechnen“, so Jeglitza-Moshage, „und es hängt immer ein Rattenschwanz dran.“ Einen eigenen Messebau-Bereich, der nachhaltiges, wiederverwendbares Standmaterial anbietet, gibt es zwar – doch eine Pflicht für Aussteller, ihn zu nutzen, wäre wettbewerbsrechtlich heikel. Hinzu kommt: Wenn wiederverwendbares Standmaterial in größerem Umfang genutzt würde, wären dafür auch Lagerflächen nötig. Platz auf dem Messegelände gibt es dafür nicht. Also müsste man Lagerhallen beispielsweise in der Wetterau mieten und dann das Material hin und her transportieren – mit zweifelhaftem Erfolg für die Ökobilanz. Deshalb, heißt es bei der Messe,  laute die Devise bei allen Überlegungen: „Lieber weniger und langsamer, aber sinnvoll und belegbar.“ Oder, wie Jeglitza-Moshage sagt: „Kein Greenwashing – dafür ehrliche Schritte.“ Auch wenn nichts stattfindet, müssen die Wasserleitungen gespült werden. Auch beim Thema Wasser tut sich ein strukturelles Dilemma auf, das symbolisch für viele Bereiche steht: Um die Leitungen auf dem weitläufigen Gelände hygienisch einwandfrei zu halten, muss die Messe sie regelmäßig durchspülen – auch dann, wenn gerade keine Veranstaltung stattfindet. Das bedeutet einen erheblichen Wasserverbrauch ohne unmittelbaren Nutzen. Chlorierung wäre möglich, doch man hat sich dagegen entschieden, weil das Wasser auch als Trinkwasser genutzt wird. Regenauffangbecken als Lösung seien zwar theoretisch denkbar, praktisch aber nur bei Neubauten umsetzbar, sagt Jeglitza-Moshage. Ein erheblicher Faktor für die Klimabilanz der Messen ist die An- und Abreise von Ausstellern und Besuchern. Ob beispielsweise ein Inder seine Waren per Schiff oder Luftfracht nach Frankfurt schicke, mache beim CO₂-Ausstoß einen gewaltigen Unterschied. Das zu erheben, sei aber kaum möglich. „Da landen wir ganz tief in einem Methodenproblem“, sagt die Messemanagerin. Ob es gelingen wird, die Messe bis 2040 treibhausgasneutral zu machen, lässt Jeglitza-Moshage offen, doch der Wille ist da: „Wir haben das Ziel im Blick.“ Immerhin bezieht die Messe seit 2019 Ökostrom und erzeugt einen Teil selbst: Auf dem Dach der Halle 12 und den Verbindungsstegen wurden Solaranlagen installiert. Weitere Hallen kämen für Solaranlagen wegen der Statik, der Architektur oder Einsprüchen des Flughafens wegen starker Spiegelung nicht infrage, sagt Jeglitza-Moshage. Starke Unterstützung für die Nachhaltigkeitsstrategie finde die Messe bei ihren Beschäftigten. Zwei Drittel der Mitarbeitenden kämen zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV zur Arbeit. Die Dienstwagenrichtlinie schreibe mindestens Hybridfahrzeuge vor, bei Inlandsdienstreisen sei nach Möglichkeit die Bahn zu nehmen. In der Kantine gibt es täglich vegetarische, zwei Mal in der Woche vegane Gerichte. Auch die Sensibilisierung der Belegschaft zeigt Wirkung: Wer auf dem Gelände einen tropfenden Hahn oder eine defekte Toilettenspülung entdeckt, meldet es – und allein das, so Jeglitza-Moshage, helfe immens.