FAZ 05.10.2026
11:10 Uhr

Nach erstem Lehrgang: Die neun wichtigsten Klopp-Erkenntnisse


Die ersten Klopp-Wochen bei der Nationalmannschaft sind vorüber. Wer sind die Gewinner? Wie wird seine Elf künftig spielen? Und was passiert mit Kapitän Kimmich?

Nach erstem Lehrgang: Die neun wichtigsten Klopp-Erkenntnisse

Jürgen Klopp malte die schwarz-rot-goldene Fußballwelt in den buntesten Farben, als der Bundestrainer nach dem 0:0 der Nationalmannschaft in Griechenland seine Bilanz zog. „Es hieß, dass der deutsche Fußball im Keller ist und es keine Talente gibt“, sagte er. „Ich habe zwei Wochen mit 43 Spielern gearbeitet. Denen fehlt kein Talent.“ Aber etwas anderes? Ein Sieg in vier Spielen ist kein herausragendes Ergebnis. Im Gegenteil. Doch das war dem Laborchef bei seinem Fußballfeldversuch gar nicht so wichtig. Klopp spielte nicht zuvorderst auf Ergebnis, sondern auf Erkenntnis. Nun ist die Probezeit vorbei – und das sind die wichtigsten Erkenntnisse. 1 Klopp ist nicht der sofortige Heilsbringer Das ist die Erkenntnis, die über allem steht. Die allerdings hatte der, der nun über allen steht in der Nationalmannschaft, nicht anders erwartet. Nun aber weiß es nicht nur einer von 83 Millionen. „Erfolg ist Leistung in Relation zur Erwartungshaltung“, sagte Klopp. Die größte Größe der Gleichung konnte er nicht beeinflussen. Die Leistungen waren teilweise gut, der Erfolg mäßig. Unter dem Strich steht fürs Erste dennoch als Ergebnis: Kleinere Gegner sind für diese Nationalelf groß genug. Die Deutschen müssen noch wachsen. Das benötigt aber Zeit. Auch die Grashalme, auf denen Klopps Nationalelf spielt, wachsen nicht schneller, wenn alle an ihnen ziehen. 2 Die Stimmung ist ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen Parallel zur Erwartungshaltung stieg das Interesse. Mehr als zehn Millionen Menschen schalteten bei den ersten Spielen ein. Zum Vergleich: Der Rekord bei den Länderspielen vor der WM lag bei 8,5 Millionen. Neuer Trainer, neue Spieler, neue Hoffnung, neuer Wind – diese Kombination machte neugierig. Dass sich der Wind schnell drehen kann, zeigten die Heimspiele: Bei der Niederlage in Augsburg wurden die schwarz-rot-goldenen Fähnchen schnell eingerollt, es gab gar Pfiffe. Drei Tage später holten die deutschen Spieler die Fähnchen beim Sieg in München zurück. Sie flatterten wieder tausendfach inmitten der begeisterten Zuschauerwelle auf den Tribünen. 3 Deutschland hat Weltklasse – aber zu selten Besser Wirtz nicht! Pardon: Besser wird’s nicht. Die Kunstwerke von Florian Wirtz gegen Serbien animierten manchen zum Homophon mit Superlativ. Keine Frage, seine Aktionen hatten Weltklasse. Doch damit stand Wirtz allein da. Für ihn gilt immerhin eine erfreuliche Erkenntnis: Klopp scheint für den besten Spieler sofort die beste Position gefunden zu haben. Halblinks im Mittelfeld in der 4-3-3-Formation kann Wirtz seine Weltklasse ausspielen. Andere mit Potenzial für die oberste Leistungskategorie machen es zu selten, weil sie es zu selten können: Marc-André ter Stegen, Nico Schlotterbeck, Jamal Musiala oder Kai Havertz fehlten oder fehlen immer wieder verletzt. 4 Gegenpressing ist ein Erfolgsfaktor Klopps Spielidee führt in die richtige Richtung – nach vorne. Vor Kurzem veröffentlichte der Weltverband FIFA auf 546 Seiten eine Analyse der Weltmeisterschaft. Darin wird das Gegenpressing, das er als elementaren taktischen Baustein schätzt, als einer der prägenden Trends genannt. Spitzenteams gelang es, „einen Ballverlust in eine unmittelbare Angriffschance umzuwandeln, wobei sich der spätere Weltmeister Spanien als besonders geschickt darin erwies, den Ball mit seiner auf Ballbesitz ausgelegten Struktur zurückzugewinnen und anzugreifen, bevor sich die Gegner neu formieren konnten“. Bislang war das neue Stilmittel nicht immer zu sehen, teilweise beim Auftakt in den Niederlanden, schon öfter im Heimspiel gegen Serbien und nun auch in Griechenland. 5 Klopp mag nicht die feine, aber die englische Art Apropos Spanien. Beim Anschauungsunterricht für Gegenpressing dürfen die Blicke gen Südwesten gehen. Ansonsten sollen sie sich aber eher Richtung Nordwesten drehen. Dorthin, wo Klopp fast neun Jahre den FC Liverpool trainierte. Was Spielstil und Tempo angeht, sollen sich die Nationalspieler weniger am besten Team orientieren, sondern an der besten Liga: der englischen Premier League. Acht von 39 Feldspielern Klopps kennen das körperbetonte, schnelle Spiel auf der Insel, wenn Mika Baur von Celtic Glasgow und Nick Woltemade, den Newcastle nach Italien verliehen hat, eingerechnet werden. Die körperliche Komponente soll Klopps Spieler (über sich hinaus) wachsen lassen. 6 Klopp hat eine neue Kimmich-Debatte Unter Nagelsmann wurde Joshua Kimmich Kapitän – und „Jo-Jo“ Kimmich, der zwischen der Position des Rechtsverteidigers und der im defensiven Mittelfeld hin- und herpendelte. Für Klopp ist das kein Thema. Kimmich spielt im Mittelfeld. Damit war die Debatte um die Position für ihn beendet. Eine neue Debatte begann aber schnell: Spielt Kimmich überhaupt? Gegen Serbien fehlte er wie abgesprochen und sah von der Tribüne aus, wie Klubkollege Aleksandar Pavlović körperlich starken Klopp-Fußball spielte. Plötzlich gab es Nachfragen, die dazu führten, dass Klopp in Thessaloniki zur Causa Kimmich sagte: „Ich gebe zu dem Thema auf. Offiziell. Jetzt schon.“ Kimmich wird sicher nicht aufgeben. Doch die Antwort auf eine Kernfrage steht noch aus: Wie gut passt Kimmich zu Klopps Fußballideal? 7 Die T-Frage ist offen wie lange nicht mehr Klopps Ansatz, in den zwei Wochen möglichst viele Eindrücke seiner potenziellen Nationalspieler zu sammeln, machte auch vor denen nicht halt, die Bälle halten sollen. Und so stand Marc-André ter Stegen in Amsterdam im Tor, Alexander Nübel in Augsburg, Jonas Urbig in München – und wieder Urbig in Thessaloniki. Nicht Finn Dahmen, nicht Noah Atubolu. Das überraschte. Klopp begründete das damit, dass Urbig als Nummer zwei hinter Manuel Neuer im Klub nicht viel Spielpraxis erhalte. Dabei hatte Urbig gesagt, er finde, er sei im „Spielrhythmus“. Urbig spielte zweimal zu null, in Griechenland parierte er früh glänzend. Den Nummer-eins-Status hat Klopp ter Stegen zugesprochen, „für den Moment“. Doch im Jahr eins nach Neuer ist auch klar: Die Zukunft im deutschen Tor ist offen wie lange nicht mehr. 8 Das große Casting bringt drei Gewinner Klopp nutzte die vier Spiele in elf Tagen zum Fußballfeldversuch. Das sorgt für Nachsicht. Denn drei nicht gewonnene Spiele zum Start würden sonst gleich für Krisenstimmung hoch drei sorgen. Mit den neuen Spielern ging eine Verjüngung einher. Der Altersschnitt der Startelf beim WM-Aus gegen Paraguay lag bei 28,7 Jahren. Bei Klopp sank die Zahl erst auf unter 27, gegen Serbien lag sie bei knapp über 25 Jahren, in Griechenland gar bei nur 24. Doch das Experiment mit zwei Kadern mit 44 Spielern war ein einmaliges. Viele werden im November fehlen, da ist Fußball Mathematik, auch wenn Klopp sagte: „Diese Spieler plus die U-21-Spieler sind ein Pool, mit dem wir in die Zukunft gehen. Aber die Tür ist offen für jeden.“ Zu den Probanden, die wiederkommen dürften, gehört Philipp Treu. Der Freiburger Musterschüler beeindruckte auf der Problemposition rechts hinten. Auch sein Klubkollege Derry Scherhant überzeugte vorne links, genau wie Torwart Urbig. 9 Die EM-Qualifikation wird kein Selbstläufer Mit fünf Punkten aus vier Nations-League-Spielen wird es schwer, Platz eins oder zwei und das Viertelfinale zu erreichen. Selbst zwei Siege in Serbien am 13. November und gegen die Niederlande drei Tage später könnten nicht reichen. Für Klopp war das am Sonntag noch weit weg: „Über die Spiele im November habe ich noch keine Sekunde nachgedacht.“ Wenn er es tut, wird er erkennen: Es droht nicht nur der Abstieg in diesem Wettbewerb. Schlechte Ergebnisse hätten auch Folgen für die Lostöpfe der EM-Qualifikation: Es drohen schwere Gegner auf dem Weg zur Endrunde 2028. Dorthin braucht es mehr als nur Talent(e).