FAZ 16.03.2026
16:33 Uhr

Nach der Kommunalwahl: Fünf Varianten für neue Mehrheiten in Frankfurt


Am Tag nach der Kommunalwahl beginnen in Frankfurt die Spekulationen über mögliche Koalitionen im Römer. Es gibt fünf realistische Optionen – doch das kann sich in den nächsten Tagen noch ändern.

Nach der Kommunalwahl: Fünf Varianten für neue Mehrheiten in Frankfurt

Die CDU hat die Kommunalwahl in Frankfurt gewonnen. Mit dem eigenen Ergebnis von 26,5 Prozent der Stimmen ist die Partei deshalb hochzufrieden – aber nicht mit dem der SPD. Dem politischen Gegner hätten die Christdemokraten mehr Stimmen gegönnt als die 16,7 Prozent, bei denen sie am Sonntag landeten. Denn in der CDU ist der Wunsch groß, nach dem Vorbild der Landesebene eine Koalition mit der SPD, aber ohne die Grünen zu bilden, die mit 21 Prozent zweitstärkste Kraft wurden. Nach dem Trendergebnis, das auf der Auszählung von rund zwei Drittel der Stimmzettel beruht, wäre eine solche Konstellation nur mit vier Parteien möglich. CDU, SPD, FDP und Volt hätten zusammen 49 von 93 Mandaten. CDU-Chef Nils Kößler gibt die Devise aus, es müsse eine „Fortschrittskoalition“ gebildet werden. Darunter versteht er ein Bündnis, das bereit ist, den Kurs der vergangenen Jahre zu ändern. „Die Frankfurterinnen und Frankfurter haben sich ganz deutlich für einen Politikwechsel entschieden.“ Deshalb wird die CDU darauf achten, in welchem Ausmaß die Parteien, die bisher in der Verantwortung waren, zu Kurskorrekturen bereit sind. Zumindest bei den Grünen ist das nicht zu erkennen. Sie sehen laut einer Mitteilung durch das Wahlergebnis mit Verlusten von vorläufig 3,6 Prozentpunkten ihre Politik der vergangenen Jahre bestätigt. Auch deshalb gibt es in der CDU Stimmen, die ein Dreierbündnis mit Grünen und SPD ablehnen, wie es bereits von 2016 bis 2021 bestand. „Dann ändert sich ja wieder nichts“, sagt ein Stadtverordneter. Alle Spekulationen stehen aber unter einem Vorbehalt: Die Stimmzettel, auf denen die Wähler einzelne Kandidaten angekreuzt haben, werden noch ausgezählt. Vor fünf Jahren hatte das Kumulieren und Panaschieren der CDU Zuwächse, den Grünen hingegen Verluste beschert. Auch kleine Listen, die nach dem Trendergebnis nicht im Stadtparlament vertreten sind, könnten profitieren. Eine mögliche Sitzverteilung hat die Stadt deshalb noch nicht veröffentlicht. Die F.A.Z. hat sie mithilfe des Portals wahlsitze.de errechnet. Die CDU ist in der komfortablen Situation, dass sie in vier der fünf derzeit als realistisch erscheinenden Koalitionsoptionen die führende Rolle spielt. Informelle Gespräche mit möglichen Partnern werden schon in den nächsten Tagen geführt. Nur eine Zusammenarbeit mit AfD und Linkspartei schließt die CDU aus. Denkbar sind auch zwei Bündnisse ohne SPD. CDU und Grüne könnten sich die zur Mehrheit fehlenden Stimmen bei FDP oder Volt holen. Damit würde sich das Stadtparlament aber gegen den SPD-Oberbürgermeister Mike Josef stellen – eine Konstellation, die viele Akteure vermeiden wollen. „Aus unserer Sicht wäre das nicht sinnvoll“, sagt SPD-Chef Kolja Müller. „Die SPD ist sowieso Teil der Stadtregierung, wenn nicht formal, dann mit dem Oberbürgermeister.“ SPD plädiert für ein „stabiles Bündnis“ Müller spricht sich nach dem Scheitern der letzten Koalition, die aus vier Partnern bestand, für ein „stabiles Bündnis“ mit weniger Beteiligten aus, was rechnerisch derzeit nur eine Koalition aus CDU, Grünen und SPD sein kann. „Die neue Stadtregierung sollte weniger öffentlich übereinander reden und mehr Ergebnisse präsentieren“, fordert er. Ein Bündnis mit nur drei Partnern sei auch einfacher zusammenzuhalten. Zunächst will die SPD abwarten, wie sich die CDU verhält. Müller sieht inhaltlich große Schnittmengen zwischen den beiden Parteien. Ein rechnerisch mögliches Linksbündnis aus Grünen, SPD, Linken und Volt wäre für Müller nur die zweite Wahl. „Diese Frage ist nachrangig und stellt sich im Moment nicht“, sagt er. Zunächst gelte es, auf Gesprächsangebote der CDU zu warten. Ganz ausschließen will er ein Linksbündnis allerdings nicht: „Wenn es nicht funktionieren sollte, kann das eine Option sein.“ Die Grünen im Römer möchten am Tag nach der Wahl noch nicht über die künftige Konstellation in der Stadtregierung spekulieren. „Das ist noch zu früh“, sagt Fraktionschef Dimitrios Bakakis, schließlich sei ein Drittel der Wählerstimmen noch nicht ausgezählt. „Innerhalb des demokratischen Spektrums werden wir mit allen Parteien sprechen und schließen zum jetzigen Zeitpunkt keine Konstellation aus.“ Aber natürlich beschäftigen sich auch die Grünen mit ihren Machtoptionen. Noch am Wahlabend wandte sich der scheidende Stadtverordnete Uwe Paulsen deutlich gegen ein Linksbündnis im Römer. Andere sprachen am Abend in fast nostalgischer Stimmung vom Wiederaufleben des zwischen 2006 und 2016 bestehenden schwarz-grünen Bündnisses – das für eine Mehrheit aber einen dritten, kleineren Partner bräuchte. Doch die Erfahrenen wissen, dass es bei der CDU tiefe Wunden hinterlassen hat, von den Grünen nach der Wahl 2021 als Koalitionspartner ausgebootet worden zu sein. Einig sind sich die Grünen, dass die Koalitionsverhandlungen im Römer nicht nur in Frankfurt, sondern maßgeblich von der Landesebene in Wiesbaden mitbestimmt werden. Und dort, da sind sich die Grünen sicher, werde einer schwarz-grünen Zusammenarbeit nicht das Wort geredet. Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) habe die Grünen längst zum Lieblingsgegner erklärt. Die Linke steht für Koalition bereit Die Linke stünde für ein Viererbündnis mit Grünen, SPD und Volt bereit, das nach dem Trendergebnis eine knappe Mehrheit von 48 Sitzen hätte. Ihr Spitzenkandidat Michael Müller spricht von der „Haushaltsmehrheit“, die sich schon bei der Verabschiedung des Etats bewährt habe. Die vertrauensvollen Beratungen hätten gezeigt, dass die Linke inhaltlich näher an SPD, Grünen und Volt sei als die CDU. „Wir konnten uns auf soziale Fortschritte verständigen.“ Eine Beteiligung der CDU an der Stadtregierung würde diese Errungenschaften wieder infrage stellen und hätte negative Folgen für den sozialen Wohnungsbau und die Frankfurt-Zulage für die städtischen Beschäftigten, sagt Müller. Ob ein solches Linksbündnis aber tatsächlich eine stabile Mehrheit hätte, wird sich erst nach Auszählung aller Stimmen erweisen. „Man braucht einen stabilen Puffer“, sagt Müller. Er rechnet aber damit, dass die linken Parteien im weiteren Verlauf der Auszählung noch zulegen werden. Für die FDP ist nach der Erfahrung mit dem gescheiterten Viererbündnis klar, welche Kombinationen für sie ausgeschlossen sind: „Keine Ampel und keine Koalition unter grüner Führung“, sagt die Spitzenkandidatin, Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst. Die FDP wolle Verantwortung übernehmen. Statt „100 Seiten Koalitionsvertragsprosa“ seien klare Prioritäten nötig. Eine Koalition, der die CDU vorsteht, hätte für den FDP-Parteivorsitzenden Frank Maiwald ein ausgeglicheneres Kräfteverhältnis statt der linken Schlagseite der vorherigen, um Volt ergänzten Ampel. Auch die Europapartei Volt, im Trendergebnis mit der FDP gleichauf, wäre für eine neue Koalition grundsätzlich offen. Dabei komme es aber auf die Inhalte und die beteiligten Personen an, sagt Spitzenkandidatin Eileen O’Sullivan, Dezernentin für Bürger, Digitales und Europa.