FAZ 17.09.2026
15:19 Uhr

Minsk entlässt Gefangene: Nach mehr als fünf Jahren wieder in Freiheit


Lukaschenko lässt politische Gefangene frei. Ein Verdienst von Trumps Belarus-Gesandtem, doch es sind weniger als gedacht. John Coale macht dennoch weiter.

Minsk entlässt Gefangene: Nach mehr als fünf Jahren wieder in Freiheit

Unter den 25 freigelassenen Gefangenen aus Belarus, die am Mittwoch im litauischen Vilnius ankamen, war auch ein Ehepaar: Irina Slobina und Andrej Alexandrow. Zusammen waren die beiden im Januar 2021 festgenommen worden. Damals ging Machthaber Alexandr Lukaschenko gegen alle vor, die es gewagt hatten, gegen die Fälschung der Präsidentenwahl vom August 2020 auf die Straßen zu gehen. Gegen Slobina und Alexandrow wurden die Standardvorwürfe der „Ordnungsverstöße“ erhoben. In einem Schloss in Minsk, das als Untersuchungsgefängnis dient, heirateten die beiden am 1. September 2022. Bald darauf wurden sie gemeinsam verurteilt, Slobina zu neun, Alexandrow zu 14 Jahren Haft. Danach wurden sie in verschiedene Lager gebracht. Nun kamen sie wiederum gleichzeitig frei – und sahen einander nach Jahren wieder. Natürlich seien sie darüber glücklich, sagte der 48 Jahre alte Journalist, der früher für die Nachrichtenagentur Belapan arbeitete und den die Jahre in Haft sichtlich gezeichnet haben. Doch sei ihm klargeworden, dass er großes Glück habe. „So viele warme Worte“ habe er erhalten, sogar von Leuten, die er nicht kannte. „Natürlich wünsche ich diese Erfahrung niemandem, aber ich habe auch die positiven Seiten daran erkannt.“ Eine andere Freigelassene war Ljudmila Tschekina, die beim vom Regime zerschlagenen Nachrichtenportal Tut.by tätig war. Auch sie war mehr als fünf Jahre in Haft. Sie verglich die Zeit „in der Unfreiheit“ damit, „lebendig begraben“ zu sein. Sobald wie möglich, forderte Tschekina, müssten alle übrigen Gefangenen freikommen. Kein Tatbestand, keine Gefangenen, findet Lukaschenko Deren Zahl bezifferten die Menschenrechtsschützer von Wjasna am Donnerstag auf 886. Das sind Hunderte weniger als zu der Zeit, bevor der Belarus-Sondergesandte des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, John Coale, mit seinen regelmäßigen Minsk-Missionen begann. Auch die jüngste Freilassung der 25 Journalisten, Wissenschaftler, Musiker und Aktivisten geht auf einen Besuch Coales bei Lukaschenko zurück. Letzterer bestritt bei der Begegnung in regimetypischem Formalismus, dass er politische Gefangene festhalte. Lukaschenko sagte, die gebe es in Belarus nicht, „weil es keinen solchen Tatbestand in unserer Gesetzgebung gibt“. Er klagte, die Exilopposition um die mutmaßliche Wahlsiegerin von 2020 Swetlana Tichanowskaja habe Coale überzeugt, „dass wir zwar den einen oder anderen freilassen, aber dann doppelt so viele Menschen festnehmen“. Das stimme nicht, behauptete er. Wenn es jemand „verdient“, im Lager zu sein, werde er dort sein. „Aber mit Politik hat das nichts zu tun.“ Lukaschenko fuhr fort, es bestehe „heute“ keine Notwendigkeit, jemanden zu verfolgen, da alles, was in Belarus vor sich gehe, „unter Kontrolle“ sei. In Wirklichkeit gehen die Festnahmen weiter. Wie bei früheren Freilassungen wurden die Gefangenen auch dieses Mal begnadigt und zwangsweise, wie Wjasna hervorhob, nach Litauen deportiert. Auch dieses Mal heben die USA wieder Sanktionen gegen Belarus auf, laut Coale gegen einen Hersteller von Lacken und einen Holz verarbeitenden Betrieb. Auch der Entwurf eines „Vertrages“ zwischen Minsk und Washington soll nun vorliegen, Details sind unklar. Lukaschenko treibt die Annäherung an Amerika voran, nimmt dabei aber auf seinen Schutzherrn im Kreml, Wladimir Putin, Rücksicht. Viele hatten damit gerechnet, dass durch Coales Besuch dieses Mal ähnlich viele Gefangene freikommen würden wie im März (250) oder im Dezember (123). Coale sagte, man arbeitete daran, offene Fragen zu lösen. So geht es laut Lukaschenko um „43, 44 Millionen Dollar von uns“, die bei der amerikanischen Citibank „festhängen“.