Dann saß er einfach da. Vor ihm die Wand aus himmelblau-weißen Trikots, getragen von rund 30.000 Argentiniern, und noch näher, quasi direkt vor ihm, seine Mitspieler. Die hüpften auf und ab, lachten und sangen. Lionel Messi aber saß einfach nur da und genoss. Sein Gesicht schmückte ein nicht verschwindendes Lächeln. Ein Lächeln, wie es jemand hat, der von tiefer Zufriedenheit erfüllt ist. Wahrscheinlich war Lionel Messi während seiner langen Karriere als Fußballspieler selten zufriedener als in den Minuten nach dem Halbfinale gegen England. Es wirkte, als säße er nicht auf dem Rasen vor dem argentinischen Fanblock, sondern in einer Galerie, ein Gemälde betrachtend, das seine Karriere abbildet. Ein letzter Pinselstrich, dieses Kräftemessen mit den Engländern. Nun war, nun ist es an der Zeit, das Gesamtwerk zu betrachten. Gewiss, ein wesentlicher Einwand könnte lauten: Noch ist es nicht vorbei, da an diesem Sonntag ein weiterer Höhepunkt in dieser an Höhepunkten reichen Laufbahn ansteht. Weltmeisterschaftsfinale Nummer drei, dieses Mal gegen Spanien (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV). Es lief gut, so gut, dass plötzlich wieder WM war Das mag stimmen, aber vielleicht war bei dieser WM mehr denn je der Weg das Ziel für Lionel Messi. In Sachen Endspiele hat er alles erlebt. Er hat verloren (2014 gegen Deutschland) und gewonnen (2022 gegen Frankreich). Er ist Weltmeister, das kann ihm niemand mehr nehmen. Der Druck, es allen zeigen zu müssen, vor allem sich selbst, hatte sich vor dreieinhalb Jahren in der heißen Wüstennacht von Doha aufgelöst. Danach wollte Messi im Nationalteam eigentlich aufhören. Zumindest perspektivisch. Nur noch ein bisschen genießen. Ein paar Freundschaftsspiele, um das Gefühl als Weltmeister auszukosten. Noch ein wenig Qualifikation, mal sehen, wie es läuft. Es lief gut, so gut, dass sich der Abschied immer weiter hinauszögerte. Und plötzlich war schon wieder WM und Messi noch dabei. Dass er nie in den aussichtslosen Kampf gegen Gevatter Zeit ziehen würde, wie sein ewiger Rivale Cristiano Ronaldo, daraus hatte Lionel Messi nie ein Geheimnis gemacht. Er wollte nur bleiben, wenn er noch nützlich wäre, und war sich bewusst, dass sein Wechsel nach Miami einer Zäsur gleichkam. Europa, der ständige Wettkampf auf höchstem Niveau, das lag hinter ihm. Keine fordernden Duelle mehr alle drei Tage, die Gegner in Nordamerika sind handzahmer als Chelsea, Real und Liverpool. Was würde er also leisten bei dieser WM? Drei Tore im ersten Spiel gegen Algerien. Zwei gegen Österreich, der Rekord von Miroslav Klose, pulverisiert im Dome zu Texas. Acht Tore hat Messi bei dieser WM erzielt, mit Kylian Mbappé liefert er sich seit Woche eins ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den goldenen Schuh für den erfolgreichsten Schützen. Mbappé ist zwölf Jahre jünger, allein das macht ihr Duell so besonders. Es ist, als hätte Messi unter Miamis wärmender Sonne die Akkus aufgeladen. Bereit, um der Welt ein allerletztes Mal seine außergewöhnliche Begabung zu zeigen. Wer nun meinte, das Spätwerk des 39 Jahre alten Messi bestehe nur aus Toren gegen Algerien, Jordanien oder Kap Verde, der durfte gegen England bestaunen, dass er auch unter den Besten immer noch der Beste ist. Messi lief mehr als in jedem Spiel zuvor in den vergangenen vier Wochen. Er beteiligte sich sogar an der Defensivarbeit und sorgte vorn für den Unterschied. So wie immer. Als es besonders schlimm stand um den Titelverteidiger, England führte, da suchten alle Argentinier ihn. Messi hatte mehr Ballkontakte als jeder andere, weil seine Füße ihm immer noch erlauben, den Unterschied zu machen. Beide Treffer Argentiniens bereitete er vor. Den zweiten mit einer Flanke, geschlagen von seinem rechten Fuß, dem schwächeren. Was Messi mit seinem unterlegenen Bein kann, können die meisten nicht mit ihrem stärkeren. Danach jubelte er so ausgelassen, so intensiv, als wäre die WM bereits gewonnen. Messi kennt die Kritik: Er und Argentinien würden mit der Gnade des Weltverbandes FIFA spielen, weil dessen Boss Gianni Infantino möchte, dass Messi eine weitere Krönung erfahre, zum Wohle des Geschäfts. „Wir haben es auf dem Platz einmal mehr bewiesen, dass uns niemand etwas schenkt. Das ist eine riesige Freude“, sagte Messi nach dem 2:1. England löst sich in Messis Karriereaquarell auf. Gegen diesen Gegner fehlte ihm noch ein Spiel und damit auch ein besonderer Sieg. England ist im kollektiven Gedächtnis der Argentinier Kriegsgegner und Fußballrivale, der einst durch Diego Armando Maradona in die Schranken gewiesen wurde. Nun hat auch Messi England zu Fall gebracht. Check, erledigt. Maradona war es, der Argentinien letztmalig in zwei aufeinanderfolgende Endspiele führte, 1986 und 1990. Die Titelverteidigung gelang ihm damals nicht. Lionel Messi könnte der erste Argentinier werden, der das schafft.
