FAZ 17.08.2026
15:05 Uhr

Martin Broszat: Mit Hölderlin in der Aktentasche


Mit „heiliger Nüchternheit“ wollte Martin Broszat den Nationalsozialismus erforschen, wie er Saul Friedländer mitteilte. Woher stammt die Überemphase dieses Bekenntnisses? Die Spur führt zu Theodor Heuss.

Martin Broszat: Mit Hölderlin in der Aktentasche

Der Zeithistoriker Martin Broszat (1926 bis 1989) veröffentlichte 1985 im „Merkur“ einen bis heute viel diskutierten Essay mit dem programmatischen Titel „Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus“. Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) kritisierte eine von ihm wahrgenommene moralische Überfrachtung des gängigen NS-Bildes und sprach sich für eine wissenschaftlich-nüchterne Umgehensweise mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte aus. Die zeitgeschichtliche NS-Forschung, so Broszat, solle den allgemeinen Standards der historischen Forschung im Hinblick auf andere Epochen entsprechen; die geflissentliche „Pauschaldistanzierung von der NS-Vergangenheit“ sei methodisch nicht erkenntnisfördernd und daher sogar „noch eine Form der Verdrängung“. Stattdessen gelte es, historische Einsicht in die „Interdependenz von Erfolgsfähigkeit und krimineller Energie“ des Regimes, „von Leistungsmobilisation und Destruktion, von Partizipation und Diktatur“ zu gewinnen, damit aus der „Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur“ eine „Geschichte der nationalsozialistischen Zeit“ werden könne. Das IfZ war im Mai 1949 als „Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit“ in München gegründet worden und behielt diesen Namen bis 1952. Broszats Ausführungen zum Begriff der „Historisierung“ fielen in eine Zeit geschichtspolitischer Hochspannung, die sich ein Jahr nach seiner Publikation im „Historikerstreit“ um die Einzigartigkeit der Schoa entlud. Die Klärung des Begriffs „Historisierung“ wurde dadurch nicht einfacher, zumal sich der Berliner Historiker Ernst Nolte, der mit seinen spekulativen Konstruktionen zum „Nexus“ zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus im Zentrum des „Historikerstreits“ stand, in seiner Verteidigung gegen den von Jürgen Habermas erhobenen Vorwurf eines Revisionismus von rechts explizit auf Broszats „Plädoyer“ bezog. Broszat, dessen linksliberale Einstellung gemeinhin bekannt war, hatte Mühe, sich von dieser Vereinnahmung zu distanzieren. Friedländer warnte vor Relativierung Der in Tel Aviv und Los Angeles lehrende Historiker und Holocaustüberlebende Saul Friedländer (geboren 1932) war 1985/86 für ein halbes Jahr Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg und hatte die angespannte Diskussion aus nächster Nähe verfolgt und sich auch persönlich ein Bild von Nolte machen können. Die Untiefen des „Historisierungs“-Ansatzes waren ihm dabei nicht entgangen. In einem 1987 erschienenen Aufsatz unterzog Friedländer Broszats Überlegungen daher einer kritischen Betrachtung. Für jeden ernsthaften Historiker seien „Differenzierung und Nuancierung“ eine Selbstverständlichkeit, doch dürfe dies nicht zu einer „Relativierung der Nazivergangenheit“ insgesamt führen. Die Grenzen der „Historisierung“ seien keinem Tabu geschuldet, sie wohnten dem „Phänomen“ selbst inne. Im Anschluss an diese Kritik tauschten Broszat und Friedländer jeweils drei Briefe aus, die 1988 in der Hauszeitschrift des IfZ, den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“, publiziert wurden. Der Briefwechsel sollte dazu dienen, die Differenzen zwischen den beiden Historikern auszuräumen – jedoch ohne Erfolg: Broszat reklamierte den Begriff der „Historisierung“ erneut als Ausweis einer spezifischen Wissenschaftlichkeit im Umgang mit der NS-Zeit, die er gleich im ersten Brief der Erinnerungsarbeit der Schoa-Überlebenden entgegenstellte. Auf der einen Seite sah er die „wissenschaftlich operierende Zeitgeschichte“, auf der anderen die „mythische Erinnerung“ der Hinterbliebenen und Opfer der NS-Verfolgung. Auch wenn er beiden Formen der Präsentation von Geschichte ihr relatives Recht belassen wollte, brachte er sie doch in eine hierarchische Ordnung: Broszats Priorität lag auf der empirisch präzisen historischen Rekonstruktion der Vergangenheit, die Erinnerung überließ er den anderen, den Überlebenden. Und mehr noch: Broszat stilisierte das Bedürfnis nach Sachlichkeit und Differenzierung zum Ethos einer Generation, die sich nach dem Kriegsende „um wichtige Jugendjahre betrogen“ gefühlt habe: „Hätte ich nicht dieser HJ-Generation angehört“, so äußerte er sich gegenüber Friedländer, „wäre es für mich nach 1945 wahrscheinlich nicht ein solches Bedürfnis gewesen, mich so kritisch und, wie wir damals empfanden, zugleich mit ‚heiliger Nüchternheit‘ mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen.“ Was Broszat genau mit diesem Ausdruck meinte, blieb an dieser Stelle allerdings unklar. Selbstzuschreibungen der „skeptischen Generation“ Das Wort von der „heiligen Nüchternheit“, das Broszat selbst in Anführungszeichen setzte, also als Zitat oder Redensart markierte, wirkt erratisch. Noch deutlicher als der Begriff der „mythischen Erinnerung“ verweist es auf die religiöse Sphäre. Die Erhöhung der empirisch-quellenkritischen Methodik der historischen Forschung zum unbedingten, ja „heiligen“ Ernst des Historikers speiste sich bei Broszat aus mehreren, durchaus unterschiedlichen biographisch-generationellen wie wissenschaftsethischen Quellen. An erster Stelle ist hier der von Broszat erwähnte Habitus der „HJ-Generation“ beziehungsweise der „skeptischen Generation“ (Helmut Schelsky) oder der Generation der „45er“ (A. Dirk Moses) zu nennen: „Zwar betroffen, aber kaum belastet“, so Broszat gegenüber Friedländer, seien gerade aus dieser Generation „besonders viele engagierte Demokraten“ hervorgegangen, die sich mit sachlich-nüchternem Ethos dem Wiederaufbau der deutschen Gesellschaft gewidmet hätten. Diesem weitverbreiteten Selbstbild der zwischen Mitte der Zwanziger- und Anfang der Dreißigerjahre Geborenen sollte allerdings mit einer gewissen Skepsis begegnet werden. Denn das Lob der Sachlichkeit war keineswegs (nur) Ausdruck eines diskursiven Neuanfangs nach der suggestiv-ideologischen Sprache der NS-Zeit, sondern selbst zu guten Teilen ein Echo der an Härte und Disziplin ausgerichteten NS-Erziehung und der schon in der Weimarer Republik von Rechtsintellektuellen gepflegten „Verhaltenslehren der Kälte“ (Helmut Lethen). Auch in der Philosophie und der Kunst war das „Zurück zu den Sachen!“ eine vor 1933 ebenso wie nach 1945 populäre Losung. Die Betonung von „Sachlichkeit“, „Nüchternheit“ und „Skepsis“ war in der Nachkriegszeit insofern ein weitverbreiteter, sowohl generationen- als auch lagerübergreifender diskursiver Stil. Schon 1948 hatte Theodor Heuss (Jahrgang 1884) in einer Rede über das neue, zunächst als Provisorium gedachte Grundgesetz geschrieben, dass dieses nur auf der Grundlage einer „Gesinnung“ gestaltet werden könne, die „Hölderlin mit dem Wort ‚heilige Nüchternheit‘ bezeichnet“ habe: „Ein sehr merkwürdiges und tiefes Wort, die Nüchternheit ‚heilig‘ zu nennen, als sei diese etwas Sakrales. Wenn ich das auf uns beziehe: wir sind gegenüber der Wirklichkeit illusionslos geworden, wir alle, diese Generationen, sind durch die Schule der Skepsis hindurchgegangen.“ Hermann Maus Programm von 1952 Auch am IfZ dominierte nicht erst unter dem Direktorat Broszats, der ab 1955 am Institut arbeitete und 1972 die Leitung übernahm, das Selbstverständnis nüchternen Expertentums. Vielmehr stilisierten sich schon Anfang der Fünfzigerjahre die dort arbeitenden Historiker zu den Verfechtern einer distanziert sachlich verfahrenden Forschung, jenseits emotionaler oder moralischer Befindlichkeiten. Für Hermann Mau, den nach kurzer Amtszeit verstorbenen zweiten Generalsekretär des IfZ, stand die „saubere Klärung der geschichtlichen Sachverhalte“ ganz im Vordergrund der Arbeit, wie er 1952 in einem ungedruckten Vortragsmanuskript geschrieben hatte. Broszat sollte sich noch Jahrzehnte später zu diesem Vermächtnis bekennen. Schon 2003 widmete Nicolas Berg dem Topos der „Sachlichkeit“ bei Broszat im Kontext der Institutsgeschichte ein umfangreiches Kapitel seiner unter dem Titel „Der Holocaust und die westdeutschen Historiker: Erforschung und Erinnerung“ publizierten Freiburger Dissertation. Bevor Broszat ans IfZ kam, sammelte er seine ersten Erfahrungen auf dem Gebiet der Zeitgeschichte in dem von seinem Doktorvater Theodor Schieder geleiteten Projekt zur „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“. Broszat arbeitete hier mit zeitgenössischen Erlebnisberichten, über die er 1954 in einem Aufsatz für die „Vierteljahrshefte“ schrieb. Er stellte dabei fest, dass viele Zeitzeugen noch so sehr „an den Folgen der Vertreibung litten“, dass „sie oft nicht die zu einer sachlich-nüchternen Aussage nötige Distanz besaßen“. Dies ist, worauf der Tübinger Historiker Mathias Beer 2007 hingewiesen hat, die vermutlich früheste Belegstelle für das Nüchternheits-Motiv bei Broszat  – und bemerkenswerterweise ist es an dieser Stelle nicht gegen die Überlebenden der Schoa gerichtet, sondern gegen die deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung. Schon hier unterschied er zwischen der Erinnerung der Mitlebenden und der kritischen Rekonstruktion des Historikers. Es ging Broszat ganz grundsätzlich darum, die zeithistorische Forschung nicht von der Erfahrung erlebter Geschichte dominieren zu lassen. In seiner oben zitierten Rede legte Heuss Wert darauf, das Wort von der „heiligen Nüchternheit“ nicht im Sinne kalter Empathielosigkeit misszuverstehen: Wenn „wir nicht ein Stück Glauben auch für diesen unseren Beruf mitbringen, dann verliert unser Handwerk von seinem Beginn an die innere Würde“. Die Rede vom „Beruf“ der Verfassungsväter und -mütter legt nahe, hier eine bewusste Anspielung auf Max Webers berühmten Vortrag von 1919 über „Politik als Beruf“ zu sehen. Weber sprach damals von den drei Qualitäten, die für den Politiker entscheidend seien: „Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß“. Zum ersten Punkt notierte Weber: „leidenschaftliche Hingabe an eine ‚Sache‘“. „Mit der Moral nicht zu leicht“ Die diskursive Verbindung von Leidenschaft und Sachlichkeit, die er bei Weber wahrnahm, ließ Heuss von einem „Pathos der Nüchternheit“ sprechen – ein Ausdruck, den Schüler und Kollegen Broszats später auch auf diesen münzen sollten. Und auch bei Broszat selbst sind deutliche Anklänge an Weber zu finden. In der „Erforschung des NS“, so notierte er 1981 am Ende eines Vortragsmanuskripts, gelte noch immer, „was Max Weber vor über 60 Jahren sagte: In der redlichen Rechtschaffenheit ihrer Arbeit liegt die eigentliche Wertgrundlage der Wissenschaft als Beruf“. Und genau das war es, was Broszat später mit der Formel „heilige Nüchternheit“ zu evozieren versuchte: ein ethisch aufgeladenes Verständnis von wissenschaftlicher Arbeit, deren Aufgabe darin bestehe, wie Broszat 1981 schrieb, „über das bestmögliche Erkennen“ zu „einer Bewertung zu gelangen, die es sich mit der Moral nicht zu leicht macht“. Broszat ging es also nicht darum, die Moral aus der zeitgeschichtlichen Forschung insgesamt zu eskamotieren, sondern darum, zu einer kritisch-reflexiven Urteilsfindung im Rahmen eines empirisch gesicherten historischen Wissens überhaupt erst zu befähigen. Dies war zumindest der Anspruch von Martin Broszat, der am 14. August dieses Jahres einhundert Jahre alt geworden wäre. Ob er diesem Tugendideal, wissenschaftlich und persönlich, immer gerecht geworden ist, mag dahingestellt sein – zumal wenn man seine zum Teil recht schroffe Art, nicht zuletzt auch gegenüber jüdischen Historikern, in Rechnung stellt. Im Jahr 2002 wurde zudem bekannt, dass eine NSDAP-Mitgliedskarte, ausgestellt auf seinen Namen, aus dem Jahr 1944 überliefert ist. Broszat, der 1989 nach langer Krankheit verstarb, hat sich selbst nie dazu geäußert. Wenn er also auch für sich in Anspruch nahm, „zwar betroffen, aber kaum belastet“ gewesen zu sein, so wird man dieser Selbsteinschätzung im Wissen um seine Parteizugehörigkeit eine gehörige Portion Skepsis entgegenbringen müssen. Die schlichte intellektuelle Rechtschaffenheit gebietet auch dies, ungeachtet der unbestreitbaren Verdienste seiner Arbeiten über den Nationalsozialismus und insbesondere seiner beständigen Reflexionsarbeit darüber, was es heißt, Zeitgeschichte in Deutschland „nach Hitler“ zu betreiben.