Der Pullover kommt schlicht daher, hellgrau ist er, hundert Prozent Biobaumwolle. Auffallend sind einzig die beiden Wörter, die in Großbuchstaben über der Brust prangen: „Dump him“, zu Deutsch: Mach Schluss mit ihm. Auf der Internetseite der Modemarke Reformation gibt es noch eine Reihe anderer Pullis zu bestellen, die der Schriftzug ebenfalls ziert. Passenderweise werden sie von der US-amerikanischen Scheidungsanwältin Laura Wasser präsentiert, bekannt für ihre prominenten Mandanten wie Angelina Jolie, Heidi Klum und Johnny Depp. Schluss machen ist ein Trend im Marketing, nicht nur in der Modewelt. Es gibt einen Lidschatten in der Farbe „2 good 4 u“, also „zu gut für dich“ und einen Lippenstift in der Farbe „Divorce Party“, ein tiefes, fast bräunliches Rot, zu haben für rund 35 Euro. Scheidungsparty – das ist überhaupt so ein Begriff, den es sich zu googeln lohnt. Die materialisierte Trennungseuphorie umfasst eigentlich alles, was auch zur Hochzeitsdekoration dazugehört, nur dass eben das Ende der Ehe zelebriert wird und nicht ihr Anfang. „I do, I did, I’m done“, liest es sich auf einem Banner, das für 2,49 Euro auf der Ramschplattform Temu feilgeboten wird. Bei Amazon finden sich Luftballons mit „Just divorced“- oder „Finally“-Aufdruck, Tortenaufstecker mit „Officially Done“- Schriftzug und gebrochenem Herzen (alternativ mit „Boy, bye“ und zwei Mittelfingern). Der Trend, der ursprünglich aus Amerika kommt, hat es längst nach Deutschland geschafft. So gibt es eine goldene Girlande mit dem Statement „Endlich geschieden“ – für 9,90 Euro ein Hingucker auf jeder Scheidungsparty. Zwei Ringe statt ein Verlobungsring Es ist kein Zufall, dass viele Produkte sich offenbar an Frauen richten. „Die Marken sprechen ein neues weibliches Selbstbewusstsein an“, sagt Sebastian Kemmler von der gleichnamigen Werbeagentur in Berlin. „Die Frauen lehnen sich nicht mehr bloß auf gegen das Establishment – sie werden es selbst.“ Die Kommerzialisierung dieser Selbstermächtigung nimmt seit einigen Jahren deutlich zu, beobachtet Kemmler. Das habe auch damit zu tun, dass Frauen heute viel öfter in Führungspositionen in der Modeindustrie sind – oder gleich selbst ein Label gründen. „Diese Marken richten sich von Frauen an Frauen.“ Anders als früher gehe es in der Werbung nicht mehr darum, einem Mann zu gefallen, sondern sich selbst. Sogar Verlobungsringe müssen nach einer Trennung nicht mehr als Schmuckstück schmerzhafter Erinnerungen in der Schublade verschwinden, sondern werden weiter getragen – nachdem sie den Kundinnenwünschen entsprechend modifiziert wurden. Vorgemacht hat es Social-Media-Star Emily Ratajkowski, die ihren Verlobungsring – bestehend aus zwei recht üppigen Diamanten – von einer Juwelierin neu fassen ließ. Sie hat daraus zwei Ringe gemacht. Die Vermarktung von weiblicher Autonomie spiegelt eine gesellschaftliche Entwicklung. So geht der Anteil derjenigen, die mit ihrem Partner zusammenwohnen, in vielen industrialisierten Ländern der Welt zurück – und das in allen Generationen. Ein wichtiger Grund ist, dass sich Frauen heute einfacher finanziell unabhängig machen können von einem Partner als früher. Frauen sind tendenziell eher damit zufrieden, keinen Partner zu haben. Eine Untersuchung der amerikanischen Denkfabrik Pew Research Center ergab, dass zwar nur 37 Prozent der befragten alleinstehenden Männer nicht auf Partnersuche sind, aber 62 Prozent der Single-Frauen. Bei prominenten Paaren ist es heute oft die Frau, die mehr im Fokus der Öffentlichkeit steht, findet der Werbefachmann Sebastian Kemmler: „Etwas überspitzt gesagt, ist Justin Bieber heute vor allem der Partner von Hailey Bieber.“ Sie hat ihr Kosmetiklabel „Rhode“ vergangenes Jahr für eine Milliarde Dollar verkauft. Die Musikindustrie wiederum bringt schon lange mächtige Frauen hervor. 1996 erzählte Popstar Cher in einem Interview, dass ihre Mutter ihr riet, eines Tages einen reichen Mann zu finden. Sie habe entgegnet: „Mom, I am a rich man“, zu Deutsch „Mama, ich bin ein reicher Mann.“ Diese Aussage sollte viele Jahre später zwei Frauen inspirieren, sich in Berlin mit einer Marke für Strumpfhosen selbständig zu machen. Nicht nur Chers Spruch ziert diese Strumpfhosen. Auch „Not your Madl“ ist als Oktoberfest-Variante zu finden. Für die Unternehmen scheint sich die Strategie zu lohnen. Der graue Pullover, der zum Schlussmachen aufruft, ist in sämtlichen Größen ausverkauft – dem stolzen Preis von 148 Euro zum Trotz.
