Manchmal darf man eine Ausstellung nach ihren Werbeplakaten und ein Buch nach seinem Einband beurteilen. Von Weitem schon leuchtet einem die moderne Maria Magdalena der jungen spanischen Malerin Nieves González mit verführerisch langem Blondhaar und kühlem Blick im modisch roten Anorak von der Städel-Fassade entgegen. Sie hält einen ebenso metallicrot glänzenden Totenschädel in der Hand, den sie zu streicheln scheint. Und im Vorraum des ersten Saals türmen sich unter einem Glassturz Bücher über die Heilige, die oft genug in den vergangenen 1400 Jahren ihrer intensiven Rezeption zur Hure gemacht wurde: Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ von 2004, der sie zur Ehefrau Christi und Mutter seiner Kinder umschrieb, ist da fast noch das harmloseste. Lediglich fünf Prozent der Publikationen zur Heiligen sind wissenschaftlich oder ernsthaft zu nennen, der Rest Schund. Auch in der Popkultur ist die widersprüchliche Figur bis heute sehr präsent, was sich an dem gruseligen, durchs Treppenhaus des Städels wabernden Song „(I’ll never be) Mary Magdalena“ von Sandra oder auch an diversen Liedern von Lady Gaga und Madonna zeigt. Diese extreme Dichotomie umreißt letztlich auch den bigotten Umgang von Kirche und Gesellschaft mit ihr, der die demütige Berufsbüßerin je nach Bedarf gerne auch aufreizend zeigt. In keiner anderen Heiligen amalgamieren sich jedenfalls so viele Personae und Archetypen wie in ihr, was die Künstlerinnen Marlene Dumas und Kiki Smith bereits im ersten Saal eindrücklich vorführen. Wenn diese letzte Ausstellung von Liebieghaus-Abteilungsleiter Stefan Roller zusammen mit dem Städel-Kurator Bastian Eclercy sich mit dem selbst etwas frivol-poppig klingenden Titel „Sin. Pray. Love“ also zwischen derart extremen Gegensätzen aufspannt, ist das mit den durchgängig hochkarätigen 110 Ausstellungsstücken aus 1000 Jahren – das älteste Werk ist ein hinreißendes Elfenbeinrelief aus Salerno mit den zwei Marien am Grabe nach Matthäus – mehr als gedeckt. Sie stand neben seiner Mutter Christus am nächsten Nüchtern betrachtet, verbindet sich biblisch mit der Maria aus Magdala eine Person, die Christus bis zuletzt begleitet, bei der Kreuzigung am Stamm des Marterholzes gezeigt wird, bei der Grablegung zugegen ist, um den Leichnam zu salben, damit den beinahe letzten Körperkontakt zu haben und schließlich als Erste überhaupt am Ostermorgen am Grab zu sein und dem Auferstandenen im „Noli me tangere“ als Gärtner zu begegnen. Mit ihr verschmelzen die namenlose und von Christus begnadigte fußwaschende Sünderin aus dem Lukasevangelium und die Maria von Bethanien bei Johannes, die ebenfalls Christi Füße mit Tränen netzt, salbt und mit ihren langen Haaren trocknet. Mit Letzterer bekommt Magdalena Geschwister, nämlich Martha und den von Christus auferweckten Lazarus. Mittelalterliche Legenden schmücken ihre 40 Jahre nur von Engelssang und drei Broten genährten Buße in der Wüste und ihre Schiffsreise mit Anlandung in der Provence aus. Der Herzog von Burgund behauptet im 11. Jahrhundert kess, sie sei weiter in „sein“ Vézelay gezogen, dort verstorben und man besitze ihre Reliquien, wodurch als Cash Cow eine der größten Pilgerkirchen der Romanik entsteht, die das provenzialische Saint-Maximin-la-Sainte-Baume erst um 1370 wieder für sich zu reklamieren weiß. Fast immer gibt es also einen triftigen, oft finanziellen Grund für die künstlerische Indienstnahme der häufig Vergebung und Belohnung durch eine Himmelfahrt erlangenden Sünderin. So wirkt Girolamo Di Benvenutos um 1500 entstandenes Triptychon aus dem Depot des Städels auf den ersten Blick etwas spröde, weil die Tempera-Eifarbe auf dem italienischen Pappelholz eine nur matt-humile Farbigkeit hat. Das dreiteilige Retabel ist aber selten gut erhalten, und da auf den in Leserichtung zu sehenden zentralen Glaubensszenen Kreuztragung, Kreuzigung und Beweinung jeweils Magdalena sehr präsent ist, weist sie das für das Mittelalter als enorm wichtige „Apostola Apostolorum“ aus. Bettelorden wählten häufig Magdalena zu ihrer Patronin Doch auch Laurent de La Hyres 1656 für die Kartause von Grenoble entstandenes „Noli me tangere“ verlegt die Szenerie genau in jene karge Gegend des Klosters, um den dortigen Profibüßern den Sinn ihres harten Daseins zu legitimieren. Mit seinem Markenzeichen des knorrigen Baumstumpfs und dem schon fast überirdisch tiefen Blau des Christusgewands übertrifft das monumentale Bild gar Lorrain. Zusätzlich malt er ihren attributiven Totenschädel als Felsgesicht raffiniert in den steinigen Hintergrund hinein. Bettelorden überhaupt wählten Magdalena besonders gern zu ihrer Patronin. Der Meister von 1518 aus London hingegen präsentiert seine ziemlich sicher als Ex-Prostituierte verstandene Magdalena in luxuriösem Gewand und Schmuck, ein Strang, der sich ebenfalls durchzieht. Das am rätselhaftesten glänzende Gewand der Kunstgeschichte liefert indes Giovanni Girolamo Savoldos sich eigenartig wegduckende „Maria Magdalena vor dem Grab“ von 1535 aus der National Gallery London. Wie von der Feuerwehr in eine Metallfolie eingehüllt, scheint sie das Heil der soeben bezeugten Auferstehung ebenso zu spiegeln wie ihr Mantel den strahlend blauen Himmel. Die Wüstenbüßerin verschmilzt schließlich ein weiteres Mal mit einer anderen Person, der Wüsteneremitin Maria Aegyptiaca, deren Nacktheit von körperlangen Haaren mehr betont als verhüllt wird. Die berühmteste Aegyptiaca im Eigenhaarkleid ist sicher jene Tilmann Riemenschneiders vom einstigen Münnerstädter Hochaltar, die leider nicht ausgeliehen wurde. Luis Salvador Carmonas „Maria Egipciaca“ aus dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts dagegen zeigt, warum man eine spanisches Maria immer von anderen unterscheiden kann: Auf der Iberischen Halbinsel tragen die Magdalenen züchtige Ganzkörper-Baströckchen. Ihre Himmelfahrten haben oft etwas Unheimliches Derartige Umdeutungen und Sonderikonographien reizten viele Künstler: Giovanni Lanfrancos barocke „Elevatio der Maria Magdalena“ aus Neapel präsentiert diese zwar von Engeln gen Himmel getragen bereits fern und klein am Himmel. Die Szenerie erscheint allerdings ähnlich unheimlich wie Goyas „Flug der Hexen“ nahezu zwei Jahrhunderte später. Eine der bis zum heutigen Tag kitschfrei ergreifendsten Darstellungen ist El Grecos „Büßende Magdalena“ von um 1580 aus Worcester. Sie besitzt bereits alles, was der Barock an der Heiligen lieben und immer weiter ausreizen wird: Der sogenannte himmelnde Blick aus tränenverhangenen Augen, das immergrüne Efeu als Zeichen ihrer Liebe zum Herrn rankt schon am Felsen hinter ihr hoch, das Salbgefäß ist wohl erstmals in der Kunst eine kleine Glasviole, die auch ihre Tränen auffangen könnte, in jedem Fall aber eigentlich ein Vas-sacra-Symbol der Mutter Christi ist. Der modisch semitransparente und bestickte Schleier umweht ihren Hals als bewegtes Beiwerk, das innere Bewegtheit anzeigt, ebenso furios, wie die typischen Wolken El Grecos einen Schleiertanz der Trauer am eisblauen Himmel aufführen. Dem Barock ist ihre Melancholie in der Einöde Kunstantriebkraft, deren Reue sie zum lebenden Vanitassymbol mit Schädel und Spiegeln werden lässt wie bei Georges de la Tours „Büßender Magdalena bei der Meditation“ von 1635. Die ähnlich wie Magdalena zerrissene Epoche reizt das Thema aber auch hin zum Schlafzimmerbild exzessiv aus. Halb nackt und vollbusig büßt und geißelt sie sich und liegt orgiastisch umher wie Berninis verzückte Teresa von Avila. Wer sich hier kopfschüttelnd fremdschämt für den allzu männlichen Blick, hat nicht unrecht, doch haben auch viele berühmte Künstlerinnen wie Lavinia Fontana, Elisabetta Sirani oder Luisa Roldán das Thema kaum weniger sinnlich angepackt, sich in der Renaissance auffällig viele Frauen bis hin zu Königinnen wie die Statthalterin der Niederlande, Margarete von Österreich, als Magdalena porträtieren lassen, beispielsweise von Dürer, von dem zwei hinreißende „Tüchlein“-Malereien zu sehen sind. Das reicht bis zu Lotte Laserstein, die gegen Ende ihres Lebens 1983 in einem fließend spätimpressionistischen Duktus Catharina Sjölund, die Tochter eines Freundes im schwedischen Exil, als jugendliche Heilige mit offenem rotem Haar konterfeit. Vielleicht sah sie sich selbst in der Heiligen – das Bild ist in jedem Fall ein rares Meisterwerk aus Lasersteins Spätphase, das dem Städel nur allzu gut zu Gesicht stünde. Der Symbolist Böcklin setzte Dunkles gegen die frivole Salonmalerei Im letzten Saal dann setzt Arnold Böcklin mit seiner „Trauer der Maria Magdalena an der Leiche Christi“ von 1867 aus Basel noch einmal ein Fanal in herbem Pathos. Wie der ebenfalls im dortigen Museum gezeigte tote Christus Holbeins ist auch der Korpus von Böcklins tot daliegendem Gemarterten erschreckend fahl und grünlich-weiß verfärbt unter dem transparenten schwarzen Schleiertuch aus Gaze, das von Magdalenas Schultern über das Geschlecht Christi weht und so das nackte weiße Fleisch bedeckt, wie es überhaupt scheint, als habe der Schweizer Symbolist alle Farbe aus dem Bild herauslaufen lassen. Böcklin setzt damit bewusst Dunkles gegen die schmalzige Salonmalerei. Nicht weniger aufsehenerregend, wenngleich um vieles kleiner ist Félicien Rops’ Frontispiz zu „L’Amante du Christ“ von 1921. Vertrackt schon in der meisterlich eingesetzten Technik der Heliogravüre, umgarnt und verführt Magdalena hier einen nackten schwarzen Jesus mit dessen Leichenbinden. Der Erlöser steht starr wie eine Mumie, doch mit offenen Augen da und lässt dieses nekrophile Bondage mit sich geschehen. Obwohl vor mehr als 100 Jahren ersonnen, wirkt Nikos Kazantzakis’ literarische Maximalprovokation „Die letzte Versuchung Christi“ von 1952 dagegen beinahe harmlos. Der eigentliche und unvergessliche Blickmagnet zum Schluss bleibt jedoch Max Beckmanns monumentales „Christus und die Sünderin“ von 1917 aus dem Saint Louis Art Museum, auf dem Magdalenens Schleier in Zinnoberrot aus der Halb-Grisaille herausleuchtet, während in aller Uneindeutigkeit, die den Maler bis heute als einen Kosmos für sich auszeichnet, Christus gleichzeitig in der „Noli me tangere“-Haltung wie auch als Gefangener und Auferstehender erscheint. Sein kantiger Schädel aber weist durchaus Ähnlichkeit mit dem Charakterkopf Beckmanns auf. Der Rundlauf durch 1000 Jahre Kunstgeschichte begann mit Marlene Dumas und endet mit ihr. „Naomi Cambell [sic!] as Maria Magdalena“ von 1996 kondensiert noch einmal die gesamte Widersprüchlichkeit der christlichen Figur im Porträt des häufig randalierenden Topmodels, das wie so viele andere alle Seiten der Projektionsfigur Maria Magdalena zugleich in sich trägt. Maria Magdalena. Sin. Pray. Love. Städel Frankfurt; bis zum 17. Januar 2027. Der Katalog kostet 49,90 Euro.
