So regelmäßig mittlerweile in den Medien über türkisch-arabische Clans und die Machenschaften krimineller Großfamilien berichtet wird, so schmal ist erstaunlicherweise bis heute die wissenschaftliche Literatur über das Phänomen. Der Pionier der Clanforschung in Deutschland ist der ursprünglich aus Libanon stammende Berliner Politologe und Islamwissenschaftler Ralph Ghadban. Ihm ist die Erkenntnis zu verdanken, dass es sich bei den Clans keineswegs wie lange gedacht um kurdisch-libanesische Großfamilien handelt, sondern um Gruppen, die einst im Südosten der Türkei in rund vierzig Dörfern in der Provinz Mardin lebten. Ghadban war es auch, der im Jahr 2000 in Deutschland für diese Gruppe die Bezeichnung „Mhallami“ einführte. Nach Libanon wanderten zahlreiche Clans erst in den Zwanziger- und Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts aus. Sie hofften auf eine bessere Zukunft, wurden aber gesellschaftlich weitgehend ausgegrenzt. Sie lebten verarmt in Ghettos, wodurch sich alte Stammesstrukturen verfestigten. Als die ersten Familien nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Libanon nach Deutschland kamen, hingen sie abermals in der Luft, weil sie nur Kettenduldungen bekamen, nicht arbeiten und ihre Kinder nicht zur Schule gehen durften. So begannen die Clans, ihre Strukturen in ein kriminelles Wirtschaftssystem zu transformieren. Ghadban bekam das in jungen Jahren als Sozialarbeiter der Diakonie in Berlin aus nächster Nähe mit. Clans zerfallen von innen, Hierarchien verlieren an Relevanz Der palästinensisch-deutsche Politikwissenschaftler und Ethnograph Mahmoud Jaraba vom Forschungszentrum für Islam und Recht an der Universität Erlangen-Nürnberg ergänzt in seinem Buch die Einsichten Ghadbans nicht nur um viele interessante Details. Er führt dessen Forschung fort: Jaraba trifft sich mit kriminellen und nicht kriminellen Mitgliedern unterschiedlicher Großfamilien zu Interviews und versucht, die sich wandelnden Clandynamiken auch durch die Auswertung von Social-Media-Plattformen und anderen digitalen Kanälen zu erfassen. Auf diese Weise gelingt es ihm besser als Ghadban, auch die neue, in Deutschland geborene und aufgewachsene Generation in den Blick zu nehmen. Jaraba schreibt in einem unaufgeregten und abgewogenen Stil, was seinen Warnungen umso größere Wirkung verleiht. Seine zentrale Erkenntnis ist nur auf den ersten Blick beruhigend: Die Clans zerfallen von innen, Hierarchien verlieren an Relevanz, der Gehorsam lässt nach, die Angst schwindet. Doch das bedeutet nicht das Ende der Kriminalität. Aus einstmals stark hierarchisierten und patriarchalischen Familienverbünden bilden sich „fluide, individualisierte“ Netze, die womöglich noch gefährlicher sind als die einstmals homogenen Clans. Denn sie organisieren sich projektbezogen, sind international vernetzt und ideologisch entkoppelt. Loyalität wird laut Jaraba nicht mehr durch Herkunft oder Familienehre gesichert, sondern durch Nützlichkeit. In bestimmten Milieus gehe es nicht mehr um interne Anerkennung, sondern auch um die digitale Bühne; Medienaufmerksamkeit werde zum Symbol von Macht. „So kann ein gefährlicher Kreislauf entstehen: Kriminalität wird performativ. Sichtbarkeit wird zur Währung und Prestige zur treibenden Kraft hinter immer drastischeren Handlungen.“ Wer liefere, gehöre dazu. Wer schwächle, werde ersetzt. „Eine ganze Generation bewegt sich im Zwischenraum: ohne starke familiäre Bindung, aber auch ohne substanzielle gesellschaftliche Einbindung.“ Es entstehe ein fragmentiertes, effizientes, digital organisiertes Gefüge, das nicht weniger gewaltbereit ist, sondern schlicht schwerer greifbar. Für Staat und Gesellschaft bedeute das eine neue Unübersichtlichkeit, weshalb nicht nur neue polizeiliche Strategien gefragt seien, sondern auch gesellschaftliche Analysen und politische Antworten – und ein neues begriffliches Instrumentarium. Al-Rashidiya als kollektiver Identitätsmarker Jaraba zählt zu jenen, die sich dafür aussprechen, statt des Worts „Clankriminalität“ Formulierungen wie „familienbasierte Kriminalität“ oder „kriminelle Netzwerkstrukturen mit familiärer Einbindung“ zu verwenden. Anders als politischen Aktivisten geht es Jaraba nicht darum, dass das Wort „Clankriminalität“ an sich stigmatisierend sei. Er argumentiert, dass die klassischen Bilder vom abgeschotteten Clan mit starrem Familienkollektiv und über Generationen hinweg unveränderter Loyalität längst nicht mehr zutreffen. Wer mit dem Begriff „Clankriminalität“ operiere, beschreibe eine Welt, die so nicht mehr existiere. Es gehe darum, zu erkennen: „Was sich im Verborgenen neu formiert, entzieht sich oft genau dort dem Zugriff, wo man noch die alten Strukturen bekämpft.“ Ist dem wirklich so? Wie wirkmächtig Familienstrukturen sind, macht Jaraba selbst deutlich. In seinem vielschichtigen Buch befasst er sich exemplarisch mit al-Rashidiya, einem der Dörfer in der südostanatolischen Region Mardin. Das Dorf sei nicht nur ein Ort, sondern „ein Gefühl, ein kollektives Gedächtnis, ein Identitätsanker“, auf den sich Großfamilien beziehen wie die Al-Zeins, die Remmos, die Miris oder die Omeirats, die heute in Deutschland mit dem Begriff „Clankriminalität“ in Verbindung gebracht werden. Al-Rashidiya sei nicht lediglich eine geographische Einheit, sondern ein sozial produzierter Raum, der aus Beziehungen, Bedeutungen und Machtverhältnissen bestehe, schreibt Jaraba. Wer etwas gelten will in der Welt der Clans, legt Wert darauf, aus al-Rashidiya zu stammen. Es handelt sich um einen Mythos. Schon deshalb steht dahin, ob es ein Mehrwert ist, wie Jaraba für türkisch-arabischstämmige Clans statt „Mhallami“ den Begriff „Al-Rashidiya-Diaspora“ zu verwenden. Mahmoud Jaraba: „Die Clans aus al-Rashidiya“. Arabische Familien und ihre kriminellen Netzwerke. C. H. Beck Verlag, München 2026. 208 S., Abb., br., 20,– €.
