Die Wiener Auktionshäuser konnten hochzufrieden in ihre Sommerferien gehen. Das Kinsky steigerte seinen Halbjahresumsatz von 9,1 Millionen Euro im Jahr 2025 auf 10,4 Millionen. Im Dorotheum, das kürzlich Ziel eines vereitelten Juwelendiebstahls wurde, gibt man zwar keine Zahlen bekannt, spricht aber von der besten Frühjahrssaison seit Bestehen des Vielspartenhauses. Zu diesem Erfolg trugen eine antike Brosche mit einem 18,6-karätigen Kaschmir-Saphir und eine Taschenuhr des Schweizer Uhrmachers Thomas Engel ebenso bei wie das Gemälde einer Heiligen ohne Antlitz. Ein außerordentlicher Kellerfund Das Frauenbildnis, dessen Kopf und Schultern herausgeschnitten und durch ein rechteckiges Stück unbemalter Leinwand ersetzt worden war, lag jahrelang zusammengerollt in einem Berliner Keller. Wer das Messer angesetzt hatte, weiß man nicht. Ans Licht der Öffentlichkeit kam die verstümmelte Leinwand erstmals 2012 bei einer Retrospektive der Barockmalerin Artemisia Gentileschi im Mailänder Palazzo Reale. Der Experte Roberto Contini hatte das Gemälde als eigenhändige Wiederholung der Künstlerin von ihrem Bildnis der „Maria Magdalena“ identifiziert, das der Florentiner Palazzo Pitti bewahrt. Die internationale Bieterschaft ließ sich von dem fragmentarischen – und dadurch eigenwillig modernen wirkenden – Zustand nicht abschrecken, im Gegenteil. Von 100.000 Euro als Rufpreis wurde das Bild bei seiner Auktion auf 650.000 gehoben. Kein anderes Los der Sparte Alter Meister übertraf dieses Ergebnis. Im Ranking folgen die alttestamentarische Gewaltszene „Amnon und Tamar“ von Il Guercino, die mit 150.000 Euro ihre obere Taxe erlöste, sowie zum selben Meistbot die beiden venezianischen Veduten von Francesco Zanin (Taxe 200.000 bis 300.000 Euro). Monet bleibt ein Erfolgsgarant Die Sparte moderne Kunst setzte im Dorotheum über 80 Prozent ihrer Offerten ab und sicherte sich drei Ränge in den österreichischen Top Ten der Kunstauktionsverkäufe. Den ersten Platz eroberte Claude Monets Pastellzeichnung „Waterloo Bridge, Brouillard“ von 1901. Die Darstellung der im Nebel kaum auszumachenden Brücke ist Teil jener Serie, die der Franzose von einem Balkon des Londoner Hotels Savoy malte. Das von William Turner inspirierte Blatt erreichte seine mittlere Schätzung von 400.000 Euro. Eine weitere Arbeit auf Papier reiht sich unter die Toplose des Halbjahrs ein: Egon Schiele verlieh seinem „Sitzenden Mädchen mit rotem Hut“ eine reservierte Haltung, aber auch einen neugierigen Blick. Das in Jane Kallirs Werkverzeichnis aufgenommene Blatt trägt rückseitig die Kohlezeichnung eines männlichen Akts und überzeugte mit einem Zuschlag bei 365.000 Euro (240.000/300.000). Unter den Skulpturen im Dorotheum machte Marino Marinis braun-grün patinierter Reiter „Cavalliere“ das Rennen. Der Italiener ließ die knapp 56 Zentimeter hohe Bronzefigur 1951 in einer Auflage von sechs Exemplaren gießen. Sie spielte nun 400.000 Euro ein (240.000/320.000). Starke Lose italienischer Künstler Sein Landsmann Gino Severini malte das großformatige Tableau „Il Paradiso Terrestre“ auf eine Holzplatte, zeitgleich zu den stilistisch verwandten Wandmosaiken, die er Ende der Dreißigerjahre für den Palazzo delle Poste in Alessandria entwarf. Der Garten Eden des Italieners fand mit Zuschlag bei 290.000 Euro knapp unterhalb den Erwartungen einen Käufer (300.000/400.000). Aus dem Spätwerk Giorgio de Chirico stammt die Komposition „Apparizione del cavallo in un interno metafisico“, die auf 210.000 Euro stieg (150.000/200.000). „La substance du périssable“ betitelte der Surrealist Victor Brauner ein Stillleben, das von ozeanischen Masken inspiriert wurde. Das 1952 geschaffene Ölbild aus privater Hand wechselte zur Untertaxe von 200.000 Euro den Besitzer. Bei den zeitgenössischen Werken sorgte der Prager Künstler Mikuláš Medek schon 2025 für einen Überraschungserfolg. Nun triumphierte sein 1966 mit Öl und Emaille geschaffenes Hochformat „Too Deep a Sleep V“, als es seine Taxe von 150.000 bis 200.000 Euro mit Zuschlag bei 420.000 Euro weit übertraf. Auch einen Künstlerrekord konnte die Sparte verbuchen: Ein beidseitig polychrom gestalteter Paravent der römischen Künstlerin Carla Accardi stieß auf enorme Nachfrage und wurde von 40.000 Euro auf 400.000 Euro getrieben. Die Bronzefigur „Vater Staat“ zählt zu einer Werkgruppe, die Thomas Schütte zwischen 2007 und 2010 entworfen hat. Der 49 Zentimeter große Mützenträger, aus dem der satirische Humor des Düsseldorfers spricht, ging nun für 400.000 Euro weg (300.000/500.000). Mit Kosaken die Taxe überspringen In der Sparte des 19. Jahrhunderts reüssierten Werke von zwei Historienmalern ost- und südosteuropäischer Herkunft, die beide in München Karriere machten. Der in Polen geborene Józef von Brandt spezialisierte sich auf Szenen mit Kosaken. Die eiligen Reiter auf seinem Ölbild „Übergang über den Don“ erzielten ein Spitzengebot von 250.000 Euro (150.000/220.000). Franz Roubaud aus Odessa studierte in der bayerischen Hauptstadt, bereiste später den Kaukasus und wurde mit monumentalen Panoramagemälden bekannt. Seine „Die Tigerjagd“ blieb mit 180.000 Euro unterhalb der erwarteten 200.000 bis 300.000 Euro. Im Kinsky wurde ein Werk des 19. Jahrhunderts zum teuersten Los. Ferdinand Georg Waldmüllers Gemälde „Die Verlobung“ befand sich hundert Jahre lang in Familienbesitz. Die Erwartungen für die freudige Szene im Bauernmilieu waren mit 350.000 bis 700.000 Euro zu hoch gesteckt; der Hammer für das 1857 gemalte Spätwerk fiel schon bei 340.000. Fulminant fiel dagegen das Ergebnis für die „Vision des Heiligen Hieronymus“ des Berner Barockkünstlers Joseph Werner aus. Die Bieter hoben das auf eine Metallplatte gemalte Bild von seinem Rufpreis 2500 Euro auf stolze 135.000. Unter den Losen moderner Kunst setzte sich Carl Molls Landschaftsbild „Prater, Kalte Lacke“ mit 85.000 Euro an die Spitze. Frühe Schüttbilder von Hermann Nitsch finden im Kinsky stets guten Absatz. Als das Auktionshau im Juni die Sammlung des ehemaligen Museumsdirektors Peter Baum versteigerte, schoss ein Hochformat von 35.000 auf 105.000 Euro. Erwähnt sei auch das Highlight des Jugendstils, eine elegante Brosche von Josef Hoffmann, die die Wiener Werkstätte 1908 mit Malachit, Lapislazuli und Cabochons fertigte. Der Zuschlag von 70.000 Euro entsprach der Untertaxe.
