Herr Schwarz, warum sind Sie Lehrer geworden? Bei uns in der Familie gab es Landwirte, Lehrer, Pharmazeuten und einen Pfarrer. Meine Eltern waren beide Lehrer. Das war eine gewisse Tradition. Und warum sind Sie Politiker geworden? Das war in der Tat auch ein Stück weit DNA. Mein Vater war CDU-Mitglied und Stadtverordnetenvorsteher in meiner Heimatstadt. Wie wurden Sie politisiert? Im Alter von sieben Jahren sah ich in der Zeitung ein Bild, auf dem der von linksextremen Terroristen entführte Berliner Politiker Peter Lorenz zu sehen war. Auf dem Gymnasium wählte ich Sozialkunde als Leistungskurs. Danach habe ich Politik und Wirtschaft studiert. Um die Jahrtausendwende wurde ich ehrenamtlich in der Kommunalpolitik tätig – allerdings ohne den großen Masterplan in der Tasche. Jetzt sind Sie Kultusminister. Was bedeuten die schlechten deutschen PISA-Ergebnisse aus dieser Woche für Ihre Arbeit? Konsequentes Handeln ist gefragt – wir haben uns in Hessen bereits auf den Weg gemacht mit dem neuen Bildungschancenpaket. Damit setzen wir exakt die Schwerpunkte, die PISA einfordert: den Fokus auf Schlüsselkompetenzen, mit mehr Deutsch und mehr Mathematik als Grundlage für lösungsorientiertes Denken und Naturwissenschaften. Wir werden die digitalen Zukunftskompetenzen dazu noch mehr stärken. Unsere jetzt schon eingeführten Smartphone-Schutzzonen wirken der unkontrollierten Handynutzung entgegen und sorgen für konzentrierteres Lernen im Unterricht. Kürzlich haben Sie ein Bildungspaket vorgestellt, mit dem Sie Kürzungen, die Sie eigentlich gegen Ihren sozialdemokratischen Koalitionspartner schon durchgesetzt hatten, zum größten Teil wieder zurücknehmen. Haben Sie da einen Fehler gemacht? Vorsicht: Dass wir Anpassungen bei bestimmten integrierten Gesamtschulen wieder rückgängig machen werden, haben wir schon vor Monaten beschlossen. Das ist nicht Teil des Bildungspakets. Aber wenn man etwas zurücknimmt, hat man doch vorher einen Fehler gemacht, oder? Wir haben uns in der Koalition verständigt, dass wir es zurücknehmen. Das war eine gemeinsame Entscheidung, zu der ich stehe. Expliziter Teil des Bildungspakets sind 200 zusätzliche Stellen für Brennpunktschulen, sie werden geschaffen, nachdem Sie zuvor 300 gestrichen hatten. Im Koalitionsvertrag steht, dass wir den Sozialindex für die Zuweisung von Lehrern weiterentwickeln. Damit er genauer dort ankommt, wo er wirklich gebraucht wird – gerade nach Armutskriterien. Das machen wir jetzt mit 200 zusätzlichen Stellen. Für das Bildungspaket mobilisieren Sie 50 Millionen Euro. Wo kommt das Geld jetzt plötzlich her, nachdem Sie es im laufenden Haushalt noch eingespart haben? In der Summe haben wir keineswegs eingespart. Wir investieren mit 6,2 Milliarden Euro in diesem Jahr so viel in Bildung wie nie zuvor. Das Bildungspaket kommt obendrauf. Kommen wir zu dem neuen Unterrichtsfach „KI und digitale Welt“. So etwas hat es ja früher schon einmal gegeben. Das Pilotprojekt haben Sie aber auf den Nachmittag der Ganztagsschulen verschoben. Sie haben es quasi abgeschafft, um es jetzt flächendeckend wieder einzuführen. Allerdings nicht mit zwei Stunden, sondern mit einer Stunde. Es handelte sich um einen Schulversuch mit zuletzt 80 Schulen, mit einer Laufzeit von vier Jahren, der evaluiert wurde und der nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende hatte. Das Konzept und die Unterrichtsmaterialien stellen wir jetzt im Ganztag allen 600 weiterführenden Schulen zur Verfügung. Im nächsten Jahr wird es nun durch das Bildungspaket zum Pflichtfach – und das ist mit KI in Deutschland einmalig. Und woher kommen die Lehrer dafür? Da sind zunächst die, die schon an dem Schulversuch beteiligt waren. „Digitale Welt“ ist ja kein Studienfach. Darum nehmen wir dafür Lehrkräfte aus Fächern wie Informatik, Politik und Wirtschaft. Außerdem verdoppeln wir die Weiterbildungsplätze für Informatik, novellieren das Lehrerbildungsgesetz und schaffen zusätzliche Anreize für junge Lehrkräfte. Gibt es auch digitale Endgeräte für die Schüler? Sie bereitzustellen, ist Sache der Schulträger. Sie gehen dabei unterschiedliche Wege. Von einer Mangelsituation, an der die Umsetzung scheitern könnte, habe ich bis dato noch nie etwas gehört. Mit dem Digitalpakt 2.0 kommen außerdem zusätzliche Mittel. Insgesamt wollen Sie ja 680 neue Stellen schaffen. Aber wie werden Sie die angesichts des Lehrermangels besetzen? Von allen Stellen waren bei uns zuletzt nur 1,6 Prozent nicht besetzt. Damit liegen wir unterhalb dessen, was die freie Wirtschaft verzeichnet. In Teilen der neuen Länder werden momentan keine Grundschullehrer mehr eingestellt, weil die Jahrgänge kleiner werden. Auch in unserem Nachbarland in Rheinland-Pfalz ist ein gewisser Sättigungsgrad erreicht. Wir wollen das Referendariat verkürzen. Damit wird das Lehramt in Hessen noch attraktiver. Was die Opposition kritisiert, weil sie die Qualität gefährdet sieht. Das ist grober Unfug. Ich habe ja selber mal das Referendariat durchlaufen und kenne keinen Kollegen, der sagen würde: Das war die schönste Zeit meines Lebens – die man nicht kompakter gestalten könnte. Wir werden die Ausbildung zudem inhaltlich zeitgemäßer aufstellen. Gibt es in Hessen also überhaupt keinen Lehrermangel? Zur guten Lehrkräfteversorgung nehmen wir alle Hebel in die Hand. Dann dürfte es eigentlich keinen Unterrichtsausfall geben. Den wird es immer geben. Egal wie viele Lehrer es gibt. Wenn an einer bestimmten Schule an einem Tag die Grippewelle zuschlägt, kann dort unter Umständen Unterricht ausfallen. Das hessische Kultusministerium weigert sich seit vielen Jahren strikt, den Unterrichtsausfall in Hessen zu beziffern. Haben Sie Angst vor der Wahrheit? Jede Statistik erfordert Ressourcen. Und alle Abfragen, die wir machen, sind zusätzliche Zeiten und zusätzliche bürokratische Belastungen. Das wird Ihnen jede Kollegin und jeder Schulleiter bestätigen. Es gibt sicher Erhebungen, die überflüssig sind. Aber es gibt auch Fragen, die so wichtig sind, dass sie Erhebungen rechtfertigen. In anderen Bundesländern werden sie ja auch gemacht. Die Schulen wissen im Einzelnen natürlich schon, welche Stunden nicht stattgefunden haben. Aber eine Meldepflicht für die 1808 öffentlichen Schulen haben wir bislang nicht eingeführt. Ich schaue auch auf eine andere Zahl, die für mich wichtig ist: die Relation zwischen Schülern und Lehrerstellen. Und die hat sich in den vergangenen Jahren stetig verbessert. Wir sind mit der Unterrichtsversorgung in Hessen sehr stabil aufgestellt. Jetzt nehmen Sie immerhin eine Stichprobe zum Unterrichtsausfall. Und zwar eine sehr große, repräsentative. 311 der insgesamt 1808 Schulen müssen uns bis zum 11. September die von ihnen erhobenen Zahlen nennen. Es wird also jetzt spannend. Die Opposition sagt, Sie hätten bewusst die ersten Wochen nach den Sommerferien gewählt, weil in dieser Zeit nicht so viele Lehrer krank seien. Wir wollten mit der Stichprobe so rasch wie möglich beginnen, um möglichst schnell zu liefern. Die politische Konkurrenz mokiert sich gern darüber, dass Sie sich dafür eingesetzt haben, die Bundesjugendspiele in Grundschulen wieder als Wettkampf auszurichten. Als sich die Kultusministerkonferenz Anfang 2024 mit dem Thema befasste, stand ich mit meiner Position quer im Stall. Inzwischen habe ich mich durchgesetzt. Leistung muss mehr zählen. In der Schule, aber auch im Sport. Auch das gehört zum Bildungspaket. Eine Sonderrolle spielen Sie auch beim Genderverbot. Damit sind Sie allerdings nicht zum nationalen Trendsetter geworden. Kritiker meinen, Sie führten eine Art Kulturkampf. Ein konkreter Vorwurf lautet, Sie hätten darauf bestanden, dass in Schulen auch ältere Texte nachträglich geändert werden müssten. Haben Sie es übertrieben? Nein. Jeder kann sprechen, wie er will, aber beim Schreiben müssen wir in den Schulen eindeutig bleiben. Ich habe freundlich darum gebeten, dass die Schulen auch ältere Texte, die aber auf aktuellen Homepages stehen, sukzessive ändern. Die Koalitionsvereinbarung sieht nicht nur den Verzicht auf das Genderzeichen und die Orientierung am Rat für deutsche Rechtschreibung vor, sondern auch ein Blockflötenprojekt für Schulanfänger. Wie läuft es? Das hat sich gut entwickelt. Wir sind mit 20 Grundschulen gestartet. In den zurückliegenden zweieinhalb Jahren sind 30 dazugekommen. Das ist ein großer Erfolg. Ich selbst war noch nicht in der Grundschule, als meine Oma sagte, dass jetzt nicht nur meine größere Schwester, sondern auch ich von dem Nachbarsmädchen Blockflötenunterricht bekommen sollte. Ich war nicht begeistert, aber gut vorbereitet, als ich später in der Kirchengemeinde an einem Anfängerkurs für Posaune teilgenommen habe. In meinem Gymnasium, heute eine Schule mit musikalischem Schwerpunkt, spielte ich in der Big Band. Noch heute habe ich eine eigene Trompete. Von daher hat mir der Einstieg mit der Blockflöte für mein weiteres Leben viel gegeben. Also war es Ihre Idee, den Blockflötenunterricht zum politischen Programm zu machen, indem man es in den Text der Koalitionsvereinbarung aufnimmt? Es war eine sehr gute Idee. Sie stammt aber nicht von mir, sondern von einem Mitarbeiter des Kultusministeriums, der inzwischen wieder in der Schule unterrichtet.
