FAZ 21.09.2026
11:46 Uhr

Kulturbranche: Welche Künstler trotz Krise gut verdienen


Kunst gilt als brotlos. Doch manche Künstler haben ihr Gehalt ordentlich gesteigert.

Kulturbranche: Welche Künstler trotz Krise gut verdienen

Eltern bekommen wahrscheinlich Schnappatmung, wenn ihr Kind verkündet, dass es Künstler werden möchte. Eine unsichere Zukunft scheint damit besiegelt. Gerade während der aktuell schlechten Konjunktur hat es die Veranstaltungsbranche schwer. Bei steigenden Lebenshaltungskosten sparen die Konsumenten schnell bei der Kultur. Das spiegelt sich auch bei den Einkommen der Kunstschaffenden wider. Wie Zahlen zum Einkommen der Künstlersozialkasse (KSK) zeigen, stieg das durchschnittliche Jahreseinkommen seit 2017 lediglich um 25 Prozent, was nicht einmal der Inflationsrate in dieser Zeit entspricht. Hinter dieser Zahl verbergen sich allerdings enorme Unterschiede. „Es gibt eine Gruppe von Künstlern, denen es finanziell sehr gut geht“, sagt Christian Schwandt, Geschäftsführer des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin. Gemeinsam mit Studierenden der Technischen Hochschule und der Musikhochschule Lübeck hat er den Arbeitsmarkt der Künstler in Deutschland untersucht. Dabei kam er zu einem überraschenden Schluss: „Es gibt eine Gruppe von Künstlern, denen es finanziell sehr gut geht.“ Seine Untersuchung hat er der F.A.S vorgelegt. Sie zeigt, es sind die staatlich angestellten Künstler und es gibt einen Grund, warum trotz der Krise ihre Einkommen steigen. „Die staatsnahen Kreativen sind die Gewinner der Verteilungskämpfe“ Gemeinsam mit Studierenden der Technischen Hochschule und der Musikhochschule Lübeck hat er untersucht, wie sich die Einkommen der Künstler im zurückliegenden, wachstumsschwachen Jahrzehnt entwickelt haben. „Im Ergebnis sind die staatsnahen Kreativen die Gewinner der Verteilungskämpfe“, bilanziert er. Viel schlechter als vor Corona gehe es hingegen jenen, die freiberuflich oder unternehmerisch tätig sind. Nach Angaben des Mikrozensus und der KSK gibt es in Deutschland 300.000 Künstler. Diese Zahl bezieht sich auf Personen, die Musik, darstellende oder bildende Kunst ausüben oder lehren. Nach Schwandts Recherchen arbeiten drei Viertel davon freiberuflich. Genau daran, ob ein Künstler frei oder angestellt arbeitet, entscheidet sich der Analyse zufolge die finanzielle Lage des Künstlers. Dies bezieht sich nicht nur auf die Sicherheit des Einkommens, die auf dem freien Markt je nach Auftragslage und Konjunktur extrem schwanken kann. Auch in absoluten Zahlen stieg nach den Zahlen der KSK das Jahreseinkommen der bei ihr versicherten Künstler von 17.100 Euro im Jahr 2017 auf gerade einmal 21.300 Euro im Jahr 2026. Hohe Anforderungen an Kleinunternehmer Mit diesem Betrag ist es schwierig bis unmöglich, über die Runden zu kommen. „Deswegen arbeiten schon lange freie Künstler nebenbei in anderen Berufen“, sagt Schwandt. Sei es der Schauspieler, der abends in der Kneipe hinter der Theke zapft, der Musiker, der Unterrichtsstunden gibt, oder die Tänzerin, die eine eigene Schule betreibt. Schwandt beschreibt dieses Phänomen als eine „zusätzliche Option für Kreative in wirtschaftlichen Krisen“. Nur komme diese Option in existenzielle Bedrängnis: Die hohen Anforderungen an Kleinunternehmer treffen auch die Künstler. Gestiegene Sozialversicherungsabgaben, Brandschutz- und Lärmauflagen oder verschärfte Mindestlohn-Regeln bringen laut Schwandt viele Kulturbetriebe in Schwierigkeiten. Ganz praktisch beschreibt er die Auswirkungen anhand der verpflichtenden Einführung elektronischer Registrierkassen ab 2028. „Diese Kassen anzuschaffen, ist für viele bereits finanziell schwierig“, sagt er. Allerdings gilt die Verpflichtung nur für Unternehmen mit einem Jahresumsatz ab 100.000 Euro. Außerdem häufen sich Schwandt zufolge bei Kulturunternehmen im Vergleich zu anderen Betrieben die Anzeigen und Prüfungen. Für Künstler ohne juristische und technische Vorbildung sei es im Regelungsdickicht „kaum noch möglich, sich gesetzeskonform zu verhalten“. Das bedrohe die freie Szene in ihren Grundfesten. Professoren geht es besonders gut Von alldem ist eine Gruppe bei den Künstlern nicht betroffen, der es finanziell vergleichsweise gut geht: die angestellten Kunstschaffenden, die anders als Kleinunternehmer oder Selbständige nicht direkt den Schwankungen auf dem Markt unterliegen oder sich mit Regularien herumschlagen müssen. Dabei stechen nach Schwandts Recherchen vor allem die Angestellten im öffentlichen Dienst hervor. Finanziell am besten aufgestellt sind die knapp 3000 Künstler, die als Professoren an den 49 Kunst- und Musikhochschulen lehren. Je nach Besoldungsgruppe verdienen sie zwischen 74.000 und 103.000 Euro im Jahr. Zudem rechnet Schwandt mit Entgelterhöhungen und Nachzahlungen aufgrund eines Verfassungsgerichtsurteils zur Beamtenbesoldung. Neben den Professoren lehren rund 8000 Künstler hauptberuflich als Dozentinnen oder Assistenten an deutschen Hochschulen. Ihr Gehalt fällt zwar nicht so üppig aus wie bei ihren professoralen Kollegen. Doch haben auch sie ein gutes Einkommen, sagt Schwandt. Allerdings seien die Verträge zu unterschiedlich, um Durchschnittswerte anzugeben. Neben den Professoren sind der Analyse zufolge 33.500 Künstler im öffentlichen Dienst angestellt oder verbeamtet. Davon sind rund 18.500 Personen an Theatern und Orchestern unter Vertrag. Ihr Gehalt unterscheidet sich deutlich vom Einkommen ihrer freiberuflichen Kollegen. Ein Schauspieler oder Sänger kam 2025 auf ein durchschnittliches Jahresgehalt von 52.000 Euro. Bei einem Orchestermusiker sind es sogar knapp 68.000 Euro. Damit liegen die Instrumentalisten anders als die Sänger deutlich über dem mittleren Bruttojahresverdienst in Deutschland, der zuletzt 54.066 Euro betrug. Aggressive Künstlergewerkschaften Die Gehälter vereinbaren Gewerkschaften und Arbeitgeber unter anderem in den Tarifverträgen wie dem NV-Bühnen oder dem Tarifvertrag für Kulturorchester, die sich an den allgemeinen Tarifverträgen im öffentlichen Dienst orientieren. Das hatte zur Folge gehabt, dass alle Angestellten 2024 von einer deutlichen Tariferhöhung profitierten. Die aktuellen Finanzprobleme der Kommunen und vieler Theater seien zu einem beträchtlichen Teil auf diesen Tarifabschluss zurückzuführen, sagt Schwandt. Es wirkt fast wie ein Wunder, dass die Gewerkschaften sich in einem Umfeld zwischen Kulturkürzungen und schlechter Konjunktur so gut durchsetzen konnten: Im Zeitraum von 2017 bis 2026 stiegen die Gehälter an Stadt- und Staatstheatern nach Schwandts Zahlen um 34 Prozent, neun Prozentpunkte mehr als die Einkünfte ihrer freiberuflichen Kollegen. „Das liegt vor allem an kleinen und sehr aggressiven Künstlergewerkschaften“, sagt Schwandt. Eine dieser kleinen Gewerkschaften ist Unisono, die frühere Deutsche Orchestervereinigung. In ihr sind fast alle fest angestellten deutschen Orchestermusiker organisiert. Auf diesen hohen Organisationsgrad von 80 bis 90 Prozent führt die Gewerkschaft auf F.A.S.-Anfrage ihre Durchsetzungskraft zurück. „Diese Geschlossenheit, verbunden mit jahrzehntelanger tarifpolitischer Erfahrung, verleiht uns die notwendige Stärke, faire Löhne und Arbeitsbedingungen durchzusetzen“, sagt eine Sprecherin. Sowohl Unisono als auch andere Gewerkschaften, die Künstler im öffentlichen Dienst vertreten, streben jeweils eine Übernahme der allgemeinen Tarifsteigerungen von Ländern und Kommunen an. Dadurch profitieren sie von den letzten Erfolgen der weitaus größeren Gewerkschaft Verdi. Ein Teil der von Unisono vertretenen Musiker spielt in den Rundfunkorchestern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: die dritte Gruppe, die laut Schwandt von der schlechten wirtschaftlichen Lage verschont geblieben ist. Allerdings gibt es auch dort Überlegungen zu Sparprogrammen. So sollen die Intendanten der ARD bis Ende 2026 die Aufstellungen ihrer Ensembles durchgehen und auf wirtschaftliche Potentiale prüfen. Bisher seien allerdings die Gehälter der 1100 Musiker und 300 Sänger stabil und um 15 bis 20 Prozent höher als bei ihren Kollegen in Theaterensembles, sagt Schwandt. Dabei handle es sich jedoch um Tendenzaussagen, da die Rundfunkanstalten die Gehälter nicht gesondert ausweisen. „Häufig werden offene Stellen erst einmal nicht besetzt“ Diese Gehaltssteigerungen hätten auch negative Folgen für die Künstler selbst, sagt Schwandt. Zwar komme es bisher nicht zu Entlassungen oder Verkleinerungen. „Aber häufig werden offene Stellen erst einmal nicht besetzt, um Kosten zu sparen“, sagt Schwandt. Zudem würden die festen Stellen zwar gehalten, allerdings Stellen für freiberufliche Künstler, wie Gastschauspieler, gestrichen. Auch Unisono sieht die Schwierigkeiten bei den Freiberuflern. So fehle es bei den freiberuflichen Einzelkämpfern an Verhandlungsmacht gegenüber den Arbeitgebern. Deswegen engagiere sich die Gewerkschaft für Mindesthonorare, die sie an die Tarifentwicklungen anpassen will. Stark gestiegen sind vor allem die Mindestgagen, die an kleineren Häusern für Schauspieler, Balletttänzer oder Gesangssolisten bezahlt werden. Sie orientieren sich an den Steigerungsraten des Mindestlohns und wuchsen deshalb von 2000 Euro im Jahr 2022 auf aktuell 3095 Euro. „Das ist ein irrwitziger Zuwachs“, findet Schwandt. Das werde vor allem kleine Theater hart treffen. „Gerade im November zur Auszahlung des 13. Monatsgehalts werden die Häuser wieder ins Schwimmen geraten“, erklärt er. Letztendlich aber treffen der aktuelle Spardruck und Kürzungen am Ende die Freiberufler. Wie existenziell sich das auswirkt, zeigt sich beispielsweise an der sinkenden Zahl der Versicherten in der Künstlersozialkasse: In den letzten Jahren sank sie um fast 10.000 Personen. Schwandts Recherche zeigt, dass sie ohne gewerkschaftlichen Druck oder den Schutz der Verbeamtung die schlechte wirtschaftliche Lage ausbaden müssen.