Im Remstal neigt sich die Weinlese dem Ende zu. Ein Erntehelfer lädt vor Marc Idlers Weingut einen grauen Erntecontainer randvoll mit Riesling-Trauben von seinem Traktor. Idler greift hinein und probiert eine. „Das sind große Trauben aus dem Gewand Gastenklinge“, sagt Idler. „Das liegt am Waldrand, dadurch haben sie genug Wasser.“ Der junge Winzer hat sein Weingut 2012 gegründet. 2019 baute er am Ortsrand für 1,5 Millionen Euro einen Degustations- und Produktionsraum. „Der globale Markt war schon damals gesättigt, ich habe mir aber dennoch eine Nische gesucht.“ Idler baut in den höheren Lagen Weißweine an und arbeitet biodynamisch. Riesling, Grauburgunder, Weißburgunder und Chardonnay sind die beliebtesten Sorten. Er bewirtschaftet elf Hektar und füllt pro Jahr etwa 75.000 Flaschen ab. In der Anbauregion Württemberg dominierte früher Trollinger, ein günstiger Rotwein. Das ist längst vorbei, der Markt hat sich völlig verändert. Die Preise für die edleren Weine, die heute angebaut werden, liegen höher. Und der Weinkonsum in Deutschland geht seit Jahren zurück. „Wir merken es an der täglichen Frequenz. Die Privatleute kommen unregelmäßig, die Gastronomie bestellt zurückhaltender. Der Vermarktungsaufwand ist größer geworden“, sagt Idler. Ein deutscher Wein, der im Supermarkt weniger als zehn Euro kostet, sei ein Zuschussgeschäft. „Wenn man wie wir fair produziert, dann sind die Kosten höher. Aber die Deutschen sind beim Wein Importweltmeister, deshalb legen viele Kollegen Flächen still. Ich verstehe nicht, warum deutsche Restaurants nicht auch Weine aus der Region im Ausschank haben.“ 15 Prozent der Weine exportiert Marc Idler nach New York Idler exportiert 15 Prozent seiner Weine nach New York. Bio-Weine aus deutschen Familienbetrieben seien dort gerade gefragt. Marc Idler zeigt in seinem Weinkeller, wie die Maischegärung abläuft und wie sorgfältig in einer modernen Kellerei gearbeitet wird. „Aus Mitleid kauft niemand deutsche Weine. Wenn wir überzeugen wollen, dann müssen wir natürlich auch attraktiver werden.“ Der Ökowinzer ist ein Beispiel dafür, dass es nicht allen Winzern gleich schlecht geht. Doch viele Betriebe sind in ihrer Existenz bedroht. Fährt man ein paar Orte weiter, dann stechen einem viele gerodete Flächen an den Rebhängen ins Auge – die Überproduktion und die rückläufige Nachfrage zwingt die Winzer, Anbauflächen stillzulegen. Die baden-württembergische Landwirtschaftsministerin Marion Gentges (CDU) sieht die Weinbranche im Südwesten „insgesamt in einer dramatischen Situation“. Es gebe gleich vier gravierende Probleme: „Der private Konsum geht zurück, die Lohnkosten sind durch den Mindestlohn hoch, und der Klimawandel mindert teilweise den Ertrag. Außerdem führen die amerikanischen Einfuhrzölle dazu, dass mehr Weine aus dem Ausland im europäischen Binnenmarkt verkauft werden.“ Besonders hart treffe es Winzer mit terrassierten Steillagen, in denen viel Handarbeit nötig ist. In den vergangenen zehn Jahren mussten viele Betriebe schließen Seit 2016 hat ein Drittel aller Weinbaubetriebe in Baden-Württemberg aufgegeben – insgesamt 7636 Betriebe. Die verbleibenden Winzer lassen seit 2024 immer mehr Flächen brachliegen. Die württembergischen Winzer leiden unter dem starken Absatzrückgang der Rotweinsorten. Im Weinbaugebiet Baden sind vor allem die Anbaugebiete Kraichgau und Rebland in der Ortenau von der Krise betroffen. Kürzlich gerieten zwei badische Genossenschaften in Schieflage: Die Wieslocher Genossenschaft ist insolvent, die „Badischen Winzerkeller“ im südbadischen Breisach befinden sich in einem Restrukturierungsprozess. „Die Bewirtschaftung eines Hektars Rebfläche kostet 15.000 Euro“, sagt Landwirtschaftsministerin Gentges. „Bei einem niedrigen Traubenpreis von acht Cent pro Kilogramm liegt der Erlös bei nur 5000 Euro. Das kann nicht wirtschaftlich sein.“ Als erstes Bundesland hat die grün-schwarze Landesregierung eine „Rotationsbrache“ eingeführt, das heißt: Ein Winzer kann seine Rebflächen über einen Zeitraum von acht Jahren stilllegen, pro Hektar und pro Jahr erhält er dafür eine Entschädigung in Höhe von 2500 Euro. Der Boden kann sich erholen, und sollte sich die Marktsituation wieder verbessern, sind diese Flächen nicht dauerhaft für den Weinbau verloren. Das Land fördert auch die Umstellung auf pilzresistente Sorten (PiWis) mit 3000 Euro pro Hektar. Im Rems-Murr-Kreis, in dem Idlers Weingut liegt, versucht der Landkreis gemeinsam mit zehn Gemeinden, durch das Förderprogramm „Integriertes Ländliches Entwicklungskonzept“ (ILEK) den Strukturwandel zu gestalten. Die auch für das Landschaftsbild wichtigen Steillagen bewahrt man vor dem Verfall, wenn sie nicht mehr bewirtschaftet werden können. Andere Lagen nutzt man gezielt für den Obstbau. „Wein ist ein Stück Heimat im Glas“, sagt Gentges. „Baden-Württemberg ist ein Weinland: Der Weinbau ist landschaftsprägend, die Rebhänge sind wichtig für die Naherholung, den Tourismus und die Gastronomie. Unser Land gewinnt durch den Weinbau an Attraktivität.“ Die Menschen müssten begreifen, dass der Griff zum argentinischen Merlot oder zum Chardonnay aus Kalifornien auch der Landschaftspflege abträglich sei. 75 Prozent der Österreicher, aber nur 40 Prozent der Deutschen trinken heimische Weine. Könnte der Anteil in Deutschland auf 50 Prozent gesteigert werden, wäre manchem Winzer schon geholfen.
