FAZ 08.09.2026
17:42 Uhr

Komödie der Verführung: Machen wir es doch wie die Schwalben


Partytreiben, Verschwörungsszenen und Einsamkeitsphantasien: Das Theater in der Josefstadt eröffnet seine neue Spielzeit mit Arthur Schnitzlers „Komödie der Verführung“ in einer Inszenierung von Ildikó Gáspár.

Komödie der Verführung: Machen wir es doch wie die Schwalben

„Und als der nächste Krieg begann, da sagten die Frauen: Nein!, und schlossen Bruder, Sohn und Mann fest in der Wohnung ein.“ So heißt es zum Auftakt des antimilitaristischen Gedichts „Fantasie von übermorgen“ von Erich Kästner, erschienen 1929 in seinem Gedichtband „Lärm im Spiegel“. Um die Angst vor Krieg geht es auch in „Komödie der Verführung“, einem eher selten auf den Bühnen zu sehenden Stück von Arthur Schnitzler, das nach einer ziemlich langen Entstehungszeit im Oktober 1924 im Wiener Burgtheater zur Uraufführung kam. Nun beginnt die neue Spielzeit in Wien am Theater in der Josefstadt mit dieser Rarität in der Inszenierung von Ildikó Gáspár. Nach Österreich geholt hat die Regisseurin die neue Direktorin des Josefstadttheaters, Marie Rötzer, die ab ihrer ersten Saison stark auf Frauen in der Regie setzen will. Das ist auch in Schnitzlers „Komödie“ – man darf den Titel wohl als Sarkasmus verstehen – der Fall, geht es doch im Grunde um die Beziehungsgeschichten zwischen Frauen und Männern, und zwar kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges. Viele merkwürdige Einfälle Im Zentrum stehen dabei Gräfin Aurelie, die „keines Menschen Braut“ sein will und am Ende, zu Kriegsbeginn, mit dem von ihr wirklich geliebten Freiherrn von Falkenir ins Wasser geht. Silvia Meisterle überzeugt in dieser Rolle, oder was die Bearbeitung der ungarischen Regisseurin Gáspár aus dieser Rolle gemacht hat. Dann die Sängerin Judith, frech und sehr blondlockig verkörpert von Johanna Mahaffy, und die aufstrebende Violinistin Seraphine, passend zurückhaltend gespielt von Lili Winderlich. Zumindest diese drei haben jeweils ein kurzes Verhältnis mit dem Juwelierserben Max von Reisenberg, als welcher Nils Arztmann als Schürzenjäger und Wissender, dass er in den Krieg wird ziehen müssen, zwischen Liebe und großer Furcht erstaunlich überzeugend hin und her schwankt. Ildikó Gáspárs Interpretation des Stückes wiederum schwankt zwischen Partytreiben, Verschwörungsszenen und Einsamkeitsphantasien. Es beginnt auf einem Ball, der ziemlich zu einem Rave modernisiert worden ist. Alle tanzen dort unter Stroboskopblitzen und lernen einander kennen – und auch zu begehren. Dazu, vielleicht um das Ganze leichter durchschaubar zu machen, in Wahrheit aber eher verwirrend, schlüpfen Ulli Maier als die „Fürstin“ und Roman Schmelzer als der korrupte Staatsanwalt Braunigl den ganzen Abend neben ihren Charakteren noch in die Rolle der Erzähler und Kommentatoren. Da kann man noch einmal wild raven Das ist nicht der einzige merkwürdige Einfall der Inszenierung. Sehr häufig spazieren die verschiedenen Typen durchs Publikum, ja, durchs ganze Theater und sind dann über Liveeinblendungen gleichsam nur virtuell auf der Bühne, also auf den auch sehr oft herabgelassenen Videoleinwänden zu beobachten. Nicht nur das, auch wird ebenfalls häufig die berüchtigte „vierte Wand“ durchbrochen. Und dann, weil die ganze Handlung eben zwischen 1. Mai und 1. August 1914 angesiedelt ist, und damals, so offenbar die Vermutung, in jenen gesellschaftlichen Kreisen die Operette einen starken Einfluss besaß, wird auch sehr oft aus Operetten gesungen. Etwa „Machen wir’s den Schwalben nach“ aus Emmerich Kálmáns „Csárdásfürstin. Feierte zwar erst Ende 1915 Uraufführung, aber egal. Gesungen, getanzt, wird gar viel, beinahe zu viel. Die ersten beiden Stunden des knapp dreistündigen Abends fühlen sich sehr lang an. Dann, nach der Pause, wird zwar weniger musiziert, aber dafür versinkt die Bühne (Bühnenbild: Lili Izsák) fast gänzlich in Rauchwolken, die bis in den Saal hineinziehen. Da kann man dann auf der Bühne bei Verkündung des Kriegsbeginns im Dunklen zu Stroboskopblitzen noch einmal wild raven. Na los! Können wir daraus etwas für unser Heute lernen, irgendwelche Schlüsse ziehen? Leider nicht viele, wie es scheint.