FAZ 10.03.2026
10:10 Uhr

Kommunalwahl in Hessen: Böllerverbot, Gendern und Verkehr erregen die Wähler


Der Kommunalwahlkompass Voto kann bei der Entscheidung am Sonntag helfen. Eine Auswertung der Ergebnisse für Frankfurt liefert auch Stoff für die Wissenschaft.

Kommunalwahl in Hessen: Böllerverbot, Gendern und Verkehr erregen die Wähler

Der Kommunalwahlkompass Voto, den die F.A.Z. in Kooperation mit der Technischen Universität Darmstadt den Lesern unter www.faz.net/wahlkompass im Internet anbietet, ist nicht nur eine Orientierungshilfe für Wähler. Sie können damit ihre Ansichten zu stadtpolitischen Themen in Frankfurt, aber auch vielen anderen hessischen Kommunen mit dem interaktiven Umfragetool abgleichen und die Wahlentscheidung bei der Kommunalwahl am Sonntag noch fundierter treffen. Zugleich liefern die Ergebnisse, anonymisiert und datenschutzrechtlich abgesichert, den Wissenschaftlern um Professor Christian Stecker wertvolle Daten, mit denen sie Wahlforschung gerade im kommunalpolitischen Umfeld voranbringen und wertvolle Erkenntnisse für die Politikwissenschaft gewinnen können. Eine vorläufige Analyse der bis zum Beginn der Wahlwoche vorliegenden Daten zeigt etwa für Frankfurt, dass eine mögliche Erweiterung der Böllerverbotszone an Silvester die Wähler am stärksten emotionalisiert. 64,1 Prozent der Teilnehmer haben entweder mit starker Zustimmung oder starker Ablehnung auf den Vorschlag reagiert. Das Thema Gendern und die Diskussion über eine Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre folgten mit größerem Abstand auf den Plätzen zwei und drei. Es war jeweils möglich, die Thesen in fünf Abstufungen von „Keine Zustimmung“ über „Neutral“ bis zu „Volle Zustimmung“ zu bewerten. Die Drogenpolitik sowie verschiedene Thesen zu Verkehr und Radverkehr waren erwartungsgemäß weitere Themen, die besonders kontrovers bewertet wurden. Hier vertraten ebenfalls mehr als die Hälfte aller Teilnehmer eine starke Meinung, die Frage nach einem Ausbau der Radwege mobilisierte die stärkste Ablehnung überhaupt. „Die Polarisierung konzentriert sich auf wenige, stark normativ aufgeladene Themen“, sagt Stecker. „Gleichzeitig zeigen die Verteilungen, dass selbst bei kontroversen Thesen meist mehr als zwei Positionen relevant bleiben.“ Zum Teil ist die starke Anteilnahme bei diesen Themen auf die Verteilung der Teilnehmer an der Umfrage zurückzuführen. „Die Votonutzer sind keine repräsentative Zufallsauswahl der Wählerschaft“ sagt Stecker, der das zuständige Team an der TU Darmstadt leitet. „Dies muss bei der Interpretation der Ergebnisse unbedingt berücksichtigt werden.“ Akademiker und Grünen-Wähler überrepräsentiert Befragt nach ihrer aktuellen Bundestagswahlabsicht bezeichnen sich beispielsweise 30,7 Prozent der gut 2500 Frankfurter Wahlkompassnutzer als Grünen-Wähler, für die diese Themen größere Bedeutung haben. 27,5 Prozent würden derzeit der CDU ihre Stimme geben. Für die AfD würden hingegen nur 3,9 Prozent votieren, was deutlich unter dem Schnitt von entsprechenden Umfragen liegt. Die Parteipräferenz hat starken Einfluss auf die Antwort bei den Thesen – AfD-Wähler lehnen gendergerechte Sprache fast einhellig stark ab, bei Wählern von Linken und Grünen gibt es eine – allerdings zurückhaltende – Unterstützung. „Der Survey-Teil zeigt ein deutlich politisch interessiertes und bildungsnahes Nutzungsprofil. Das Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren; der Anteil mit Hochschulabschluss liegt bei rund 60,6 Prozent. Gleichzeitig geben 69,5 Prozent ein starkes oder sehr starkes politisches Interesse an“, sagt Stecker. In den Worten schwingt Bedauern mit, denn eigentlich sollen mit Voto gerade auch jene Wähler erreicht werden, die aufgrund geringeren Interesses an Politik besonders gut eine Orientierungshilfe gebrauchen könnten. Die Überrepräsentanz von Grünen-Wählern dürfte zum Teil eine weitere Auffälligkeit erklären: Während der Grad an Unzufriedenheit mit der Demokratie bei nur 18 Prozent liegt und davon wiederum lediglich ein Drittel sehr unzufrieden sind, ist die Bewertung der Bundesregierung im Schnitt miserabel. Das mag auch an der negativen Haltung der Grünen-Wähler gegenüber Schwarz-Rot liegen. Der Kommunalwahlkompass als solcher wird derweil von den Wählern positiv bewertet: Gut zwei Drittel der weit über 40.000 Teilnehmer in ganz Hessen bezeichnen Voto als hilfreich oder gar sehr hilfreich. Nicht einmal jeder Zehnte bewertet das Onlinetool negativ. Mehr als 60 Prozent bewerten abschließend die Einschätzung des Wahlkompasses als zutreffend oder gar sehr zutreffend. Sie fühlen sich also bestätigt in ihrer eigenen Wahlentscheidung oder dem Grad ihrer Zustimmung zu den verschiedenen politischen Bewerbern. Am Ende des Prozesses, bei dem sie 30 Thesen bewertet haben, gibt Voto den Teilnehmern mit einem Prozentwert an, wie sehr ihre Vorlieben mit den Ansichten der Parteien und Wählergruppierungen übereinstimmen.