Ich stehe in der stickigen U-Bahn auf dem Weg aus der Uni nach Hause und möchte anfangen zu weinen. Kein Heartbreak und keine verpatzte Klausur sind schuld, sondern die Hitze, die in diesen Tagen unentrinnbar wirkt. Für die nächsten Tage sind wieder reihenweise Höchsttemperaturen von mehr als 30 Grad angesagt, und ich frage mich ernsthaft, wie ich das überleben soll. Bis vor einigen Wochen kam ich mit Hitze immer gut klar – was ich jetzt darauf zurückführe, dass ich immer schnellen Zugang zu Orten hatte, die Abkühlung boten: einer klimatisierten Bibliothek oder dem kühlen Keller im Haus meiner Eltern. Dieses Jahr ist das anders. Ich wohne seit ein paar Monaten am Stadtrand von Berlin, im ersten Stock. In meinem WG-Zimmer steht die heiße Luft, unsere Fenster sind provisorisch mit Handtüchern abgehängt. Ich versuche jede Abkühlungsmethode von Eiswürfel-Ayran-Suppe bis hin zu tiefgefrorenen Wärmflaschen – nichts hilft so richtig. In der Campusbibliothek steht die Luft Zu allem Übel kann ich an diesem Wochenende aber nicht einfach an den See fahren, denn ich muss für die kommende Woche zwei Präsentationen vorbereiten. Die Berliner Senatorin für Gesundheit rief dazu auf, man solle kühle Räume aufsuchen. Das Problem ist nur, dass Berlin in dieser Hinsicht für Studierende nicht viel zu bieten hat. Mehrere Bibliotheken mussten wegen Hitze schließen. Auch die Amerika-Gedenkbibliothek sagte alle Veranstaltungen ab. „Die Berliner*innen verdienen eine Bibliothek, die immer funktioniert“, sagt Jonas Fansa, Direktor der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Die Bibliotheken seien jedoch baulich veraltet, Sanierungsbedarf habe sich über Jahre angestaut. Bei der Technischen Universität Berlin mussten wegen Überhitzungsgefahr sogar Rechenzentren abgeschaltet werden. Was bleibt mir also übrig? In Internetforen lese ich, dass die Staatsbibliothek in Berlin-Mitte klimatisiert sei. Bis dahin brauche ich bis zu eine Stunde: 15 Minuten zu Fuß durch die gleißende Hitze, 50 Minuten in der stickigen S-Bahn. Aber eine Fahrt in der S-Bahn, die in diesen Tagen wie ein Hochofen wirkt, macht mein Kreislauf nicht mit. Keine Option. Die Freie Universität, an der ich studiere, listet die Campusbibliothek online als einen der „besten kühlen Lernorte auf dem Campus“. Die Bibliothek ist nur zehn Minuten Fußweg von mir entfernt. Ich ziehe mir eine luftige Hose an, packe Wasser und einen Fächer ein und mache mich auf den Weg. Als ich das große Universitätsgebäude betrete, erwarte ich erleichternde Abkühlung. Doch mich empfängt warme, abgestandene Luft. Mist. Ich laufe durch die Bücherreihen, checke die Temperaturunterschiede in den Etagen und lasse mich schließlich im Keller nieder. Hier lässt es sich aushalten, aber angenehm ist was anderes. Leider ist das die beste Option, die mir zur Verfügung steht. Also bleibe ich den ganzen Tag und arbeite an meinen Uni-Projekten. Bei allen lautet die Devise: Überleben Ich höre in diesen Tagen oft, Hitze würde uns alle gleich treffen. Aber das stimmt nicht. Es macht einen himmelweiten Unterschied, ob ich ein gut isoliertes Haus besitze oder eine Dachgeschosswohnung miete und mangels öffentlicher Infrastruktur praktisch keine Möglichkeit habe, der Hitze zu entgehen. Über 200.000 junge Menschen studieren an Berliner Unis – viele befinden sich in einer ähnlichen Situation wie ich. Mehr als ein paar gut gemeinte Empfehlungen, deren Umsetzung an der brüchigen und maroden Realität Berliner Universitätsbauten scheitert, kommen von der Politik aber nicht zu Hilfe. Stattdessen stehen den Berliner Universitäten massive Kürzungen bevor. Als Studentin bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass mal wieder bei jungen Menschen und unserer Zukunft gespart wird. Während ich den Holzstuhl der Bibliothek vollschwitze, melden meine Kommilitoninnen im Gruppenchat ihren Status quo: Eine Freundin hält ein Kaktus-Eis wie einen Rettungsanker hoch, eine andere sitzt mit ihrer Mitbewohnerin vor dem Ventilator und geht regelmäßig kalt duschen, und die Dritte hat sich mit einem kalten Lappen im Nacken ins Treppenhaus zurückgezogen. Bei allen lautet die Devise: Überleben. Und genau deswegen fühlt sich diese Hitze anders an. Sie brennt, sie drückt, sie wirkt bedrohlich, unentrinnbar. Genau deswegen stehe ich an diesem Nachmittag in der U-Bahn und weine. Weil mein Kopf schmerzt und mein Körper sich schwach und schwummerig anfühlt. Weil ich trotzdem weiter funktionieren muss. Weil ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die dem Extremwetter ausgeliefert ist. Und weil ich weiß, dass diese Hitze nicht die letzte sein wird, die ich überleben muss.
