FAZ 18.08.2026
08:29 Uhr

Kolumne „Nine To Five“: Willkommen im Mittel-Alter!


Unmittelbar nach Berufseinstieg ist die Sache klar: Die Jungen tun sich zusammen. Doch mit den Jahren wird deutlich, dass man irgendwann mit Contenance Abschied aus diesem Kreis nehmen muss.

Kolumne „Nine To Five“: Willkommen im Mittel-Alter!

Mit Würde und Anstand zu altern, das wünscht sich fast jeder. In aller Regel bezieht sich dieses Ansinnen auf die Zeitspanne nach Eintritt in den Ruhestand. Doch auch wer noch mitten im Berufsleben steht, sollte sich diesen Vorsatz zu eigen machen. Denn jeder arbeitende Mensch erlebt in seinem Berufsleben Momente, in denen ihm klar wird, in eine neue Phase eingetreten zu sein. Besonders hart kann dabei die Erkenntnis werden, nicht mehr zu den Jungen in der Belegschaft zu gehören, sondern zum altersmäßigen Mittelbau. Betroffenen nötigt es einiges ab, diesen Umbruch zu verkraften, so schildern es jedenfalls Menschen, die einschlägige Erfahrungen gesammelt haben. Ein zentrifugaler Prozess Unmittelbar nach Berufseinstieg ist die Sache noch klar: Ganz neue Kollegen tun sich mit den kurz vor ihnen Eingestellten zusammen, sie gehen gemeinsam in die Kantine und stehen auf Betriebsfeiern am selben Bistrotisch. Sie verabreden sich zum Drink nach der Arbeit. Dieser Zirkel der Jungen ist von außen betrachtet eine verschworene und intakte Gemeinschaft. Im Kreis selbst sieht es ganz anders aus: Mit jeder nachkommenden Kollegenkohorte wird das jeweils dienstälteste Mitglied der Gruppierung langsam aus deren Zentrum geschoben. Das kann mitunter auch daran liegen, dass es selbst nicht mehr so viel Zeit aufbringen kann, weil es sich zum Beispiel um alte Freunde, um Hobbys oder um Partner und Kinder kümmern will. Doch gerät der Betroffene dadurch automatisch weiter an den Rand. Die finale Phase dieses zentrifugalen Prozesses markieren schließlich Insiderwitze, über die sich alle kringeln, nur einer nicht. Dann folgt der Ausschluss aus dem Kreis: Man kommt montags zur Arbeit, und alle schwärmen von der Geburtstagsfeier der neuen Kollegin X am Samstag, von der man bis dahin gar nichts wusste. Kommt es dazu, gilt es, Contenance zu bewahren, die Jungen machen zu lassen – und den Kreis zu verlassen. Stichwort Anstand und Würde. Dabei kann auch helfen, sich eines zu verdeutlichen: Berufs-Berufsjugendlicher zu sein, ist auch nicht erstrebenswert. Willkommen im Mittel-Alter! In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.