FAZ 05.10.2026
14:34 Uhr

Kebab bei Madame Tussauds: Die Heiligsprechung des Döners


Tarik Kara, der Mann hinter Mustafa’s Gemüse Kebap, steht bald als Wachsfigur bei Madame Tussauds, mit dem Döner als Attribut. So hat man früher Heilige dargestellt.

Kebab bei Madame Tussauds: Die Heiligsprechung des Döners

Von Donnerstag dieser Woche an können die Besucher von „Madame Tussauds“ in Berlin Unter den Linden den weltweit ersten Wachs-Döner bestaunen. Denkt man an die Auslagen und grellbunten Werbefotos so manch einer Neuköllner Dönerstube, könnten diese plastikhaft nachgeahmten Speisen die stilistischen Vorläufer des nun zu Museumsehren gekommenen Wachs-Kebabs gewesen sein. Das Berliner Kultgericht wird damit aber nicht nur zum Museumsobjekt, es erinnert auch an die Geburt des Wachsfigurenkabinetts aus der Säkularisation und der Französischen Revolution. Waren zuvor den christlichen Heiligen Attribute in die Hand gegeben, an denen sie unmissverständlich zu erkennen waren, wie der Schlüssel Petri oder der Rost von Sankt Lorenz, wurde es von 1789 an kompliziert. Profane Ersatzheilige mussten für die vom Sockel gerissenen her. Erheblich schwerer zu „lesende“ Allegorien hatten von nun an häufig gleich mehrere und vor allem neue Attribute in Händen. Manches bleibt Glaubenssache In genau dieser Übergangszeit der Aufklärung stößt Madame Tussaud, die 1761 im elsässischen Straßburg als Marie Grosholtz geboren wurde, über die anatomische Wachskunst und vor allem Wachsfigurensammlung ihres Mentors und Ziehvaters, des Schweizer Arztes Philippe Curtius, auf die zu füllende Marktlücke der im Bildersturm und auf der Guillotine weggeköpften Prominenz. Wenig überraschend wird ihr erster Ersatzheiliger 1777 die Wachsfigur Voltaires, auf den sich vom Alten Fritz in Berlin bis zu Katharina der Großen im fernen Moskau fast alle Zeitgenossen einigen konnten. Ein später Ausläufer dieser weltlichen Schein-Heiligen ist jetzt eben Sankt Döner, denn das wächserne Fladenbrot mit Fleisch-Inlay ist lediglich das Attribut seines Trägers Tarik Kara, Inhaber von „Mustafa’s Gemüse Kebap“ am Kreuzberger Mehringdamm, der ebenfalls in Wachs wie früher nur die Herrscher und illustre Persönlichkeiten verewigt wurde. Ob es sich bei dem auf den Sockel gehobenen Gemüse-Kebab, wie die Evangelisten und Propheten diverser amerikanischer Reiseführer verkünden, um den „wohl berühmtesten Döner“ (der Stadt?, des Landes?, der Welt?) handelt, bleibt dabei allerdings ebenso Glaubenssache wie die Frage, ob ein fleischloser Döner überhaupt zur Ehre der Altäre als berühmtester Vertreter dieser Spezies des Urberliner (es handelt sich bekanntlich um keine türkische Erfindung) Fast Foods erhoben werden darf oder ob hier nicht ein Schisma zwischen Altgläubigen und veganen Katharern droht. Unzweifelhaft ist: Wie einst den Darstellungen der Heiligen gern noch miniaturisierte Kirchenmodelle beigegeben wurden, wie etwa Franz von Assisi die Portiuncula-Kapelle unterhalb seiner Geburtsstadt oder Kaiser Heinrich II. der Bamberger Dom, so wird Kara in Madame Tussauds von nun an bis in Ewigkeit von einem Nachbau seines Dönerstands hinterfangen, der auch nicht kleiner als Franzens bescheidenes Kapellchen ist. Ob auch der heimliche Herrscher Berlins, Issa Remmo, bei der Einweihung in Madame Tussauds zur feierlichen Enthüllung des wahren Grals-Döners vorbeischaut, bleibt abzuwarten.