FAZ 17.09.2026
09:30 Uhr

„Kalter hund“ im Kino: Der Hundertjährige, der morgens tot im Bett lag


Eine Familienaufstellung mit den etwas anderen Manns oder: die selbstmörderische Frage, wer ein Interesse am Tod des Patriarchen hatte. Der Psychofilm „Kalter Hund“ kommt mit einer grandiosen Corinna Harfouch ins Kino.

„Kalter hund“ im Kino: Der Hundertjährige, der morgens tot im Bett lag

Thomas Mann notierte, als er sich dazu durchgerungen hatte, dass seine Tagebücher 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden dürften, mit schicksalsergebener Lakonie im Oktober 1950: „Heitere Entdeckungen dann, in Gottes Namen. Es kenne mich die Welt, aber erst, wenn alles tot ist.“ Wer Entdeckungen nach seinem Tod in Aussicht stellt – seien es heitere, seien es weniger heitere –, respektiert die allgemein-menschliche Tatsache, dass es zwischen Leben und Nachleben einen Unterschied gibt, dessen Größe von der Hinterlassenschaft, der Überlieferungslage und natürlich von der Ehrlichkeit des Verblichenen abhängt. Hermann Mann (der mit dem Schriftsteller absolut nichts zu tun hat) liegt am Morgen seines 100. Geburtstags tot im Bett. Seine erheblich jüngere, zweite Frau Marianne hätte sich das Ständchen, mit dem sie ihn, etwas verkrampft, wecken wollte, sparen können: „For he’s a jolly good fellow ...“ Das mit dem rundum prima Kerl, der Hermann gewesen sein soll, ist, wie sich in den folgenden zwei Stunden herausstellt, übertrieben. Ist das Ableben des Patriarchen der heimliche Grund zum Feiern? „Kalter Hund“ ist im metaphorischen Sinne die Familienaufstellung, die in dem Film von Pauline Roenneberg auch konkret vorgenommen wird: ein einziges Psycho-Rollenspiel, das freilegt, was bei diesen Manns alles nicht stimmt. Waren Hermann und Marianne wirklich so ein glückliches Paar? Hätte die nach und nach in dem geräumigen oberbayerischen Haus mit herrlicher Sicht – die geburtstagshalber sich einstellende Lokalreporterin meint sogar: „wie auf dem Obersalzberg“ – eintreffende, von Marianne ausnahmslos frostig empfangene Familie überhaupt einen Grund zum Feiern und, wenn ja, könnte der nicht genauso gut im Ableben des Jubilars liegen? Valerie, Hermanns und Mariannes Tochter, arbeitet als Tierärztin auf dem  angegliederten Gnadenhof. Ihre Verbissenheit mag auch daher kommen, dass sie wegen eines wohl psychosomatisch bedingten, sich bei Stress durch heftig zitternde Krampfanfälle bemerkbar machenden Beinleidens auf den Rollstuhl angewiesen ist, mit dem sie ihre Tochter Fanny, die kurz nach ihrem Opa Geburtstag hat und dann endlich volljährig wird, tapfer und loyal herumschiebt. Karoline und Kasimir, Geschwister aus Hermanns erster Ehe mit einer rätselhaft verunglückten Ilse, sorgen für zusätzlichen Zündstoff: indem die eine, eben erst aus einem Schweigekloster kommend, mit beängstigend ruhigem, ungut erleuchtetem Blick die alternative Psychotante gibt und schließlich die so alberne wie brutale Familienaufstellung arrangiert; während der andere sich hauptsächlich für das handschriftliche Testament interessiert, das Hermann noch aufgesetzt hatte und aus dem er, der auch nicht sonderlich geliebte Sohn, sich ermutigende Nachrichten für seine Zukunft als Vorstand der Familienstiftung erhofft, die Hermann offensichtlich mehr als alles andere am Herzen lag. Der liegt nun also in seinem Bett, die Lippen wie in allerletzter Unversöhnlichkeit verschlossen, Arme und Beine verfärbt und in den schon totenstarren Fingern zwei Tablettenschachteln – eigentlich Barbiturate für Kleintiere, die in Gestalt zweier von Marianne restlos verhätschelter Hunde auch noch oder sogar maßgeblich zur Familie gehören. Tierärztin Valerie ist entsetzt darüber, wie jemand so dumm sein konnte, sie dem Alten auszuhändigen. Fanny und Oma Marianne verlieren sofort die Nerven, helfen aber dabei mit, den Todesfall, mit dem man ja jederzeit hatte rechnen müssen, vor den sich ebenfalls einfindenden weiteren Gratulanten zu verheimlichen – die Leiche wird, mit Hut und Sonnenbrille, im Stuhl auf den Balkon gekarrt, kippt dann aber schnell zur Seite. Schon dies deutet auf die Bereitschaft  zur slapstickhaften oder makabren Überzeichnung seelischer Konflikte und zur karikierenden Bloßstellung derer, die überall welche wittern und ihnen fanatisch zu Leibe rücken wollen. Manche klischeehafte, aber treffsichere Szene könnte direkt einem Loriot-Film abgelauscht sein, etwa wenn Karoline schamanenhaft brabbelnd „Hermanns Seele“ verabschiedet, bevor das ordnungsgemäße Bestattungsunternehmen anrückt, mit dessen Juniorchef Fanny dann irgendwie durchbrennt; oder als sie, Karoline, später, wo schon reichlich Familienporzellan zerschlagen ist, wenigstens die naturverbunden-alternativ Eingestellten ins Schwitz-Zelt bitten kann, wo man dann, erschöpft von der Aufstellung, in grotesker Nacktheit herumsitzt. „Kalter Hund“ mag als Titel Assoziationen an einen nicht mehr körperwarmen Menschen nahelegen, der zu Lebzeiten das war, was die Bayern, durchaus anerkennend, so ausdrücken: „A Hund bist scho!“ Das würde die Sachlage oder vielmehr das Wirken des Patriarchen allerdings verharmlosen. Die in den Film einmontierten Videos vom einstigen Familienalltag lassen nämlich darauf schließen, dass Hermann seine Zuneigung wie mit göttlicher Willkür verteilte und ausgesprochen unangenehm werden konnte. Tochter Valerie zum Beispiel wurde schon, als sie noch laufen konnte, mit brutaler Kälte gedemütigt. Karoline und Kasimir hatten auch nicht viel zu lachen. Ihnen allen wurde Albert, ein weiterer, aus irgendwelchen Gründen nicht mehr lebender Sohn, mit einer Parteilichkeit vorgezogen, an deren Stelle Mariannes Affenliebe zu ihren Hunden getreten ist. Und was ist eigentlich mit dem Hausmädchen? Rätsel gibt schließlich auch das vietnamesische Hausmädchen Joy auf, das von Marianne herumschikaniert wird, das mit der Zeit aber zu einer Entschlossenheit findet, die sich zum Beispiel darin zeigt, dass sie Hermanns Testament in der Gefriertruhe versteckt. Irgendwann taucht ein vergilbtes Fotoalbum mit der Beschriftung auf: „Das Soldatenleben, ei, das heißt lustig sein.“ Fanny wird hellhörig: „War Opa Nazi?“ Nein, sagt die Oma, im Gegenteil, er sei im Widerstand gewesen. Dass sie später Hermanns Pistole einem NS-Devotionalienhändler mit der Bemerkung schmackhaft machen will, damit sei Graf Stauffenberg letztlich erschossen worden, gibt der Sache eine komödiantische Schlagseite, wie man sie von Helmut Dietls „Schtonk!“ kennt. Anderes erinnert, als eine Art Heimat- und Familienfilm mit dräuender inzestuöser Vorgeschichte, an Hans Steinbichlers „Hierankl“. Für einen solchen Film voller Psychologie braucht man natürlich auch die richtigen Schauspieler. Die Regisseurin hatte sie: Lea Drinda als Fanny, Victoria Mayer als Rollstuhlfahrerin Valerie, Karoline Eichhorn (wie ausgemergelt) als Karoline, der angesehene österreichische Theaterschauspieler Thomas Mraz als Kasimir, Niels Bormann als klebrig-betulicher Therapeut Ingo Fleischmann und, zuerst und zuletzt, Corinna Harfouch, denkbar uneitel, als abgekapselte, alles zu verspielen drohende, dann aber doch, in einem wiederum nicht geheuren Happy End, alles zusammenhaltende Neurotikerin Marianne. Die Originalität dieses Films liegt vor allem darin, dass er wie ein Indizienprozess abläuft, mit zuletzt dramatisch gesteigerten Eskalationsstufen. Er bringt die Wahrheit oder, besser, Wahrheiten ans Licht, indem er miteinander korrespondierende Details, Anspielungen und Sticheleien auf eine Weise zum Einsatz kommen lässt, die ein wenig konstruiert, fast überladen wirkt, aber durchdacht ist. Einer der Hunde, Trotzki mit Namen, verschlingt gegen Ende die Schokoladensüßspeise, als die Hermanns Lieblingskuchen unter dem Namen „kalter Hund“ auch bekannt ist. Trotzki stirbt, Hunde vertragen ja keine Schokolade. Nun ist Marianne wirklich untröstlich.