FAZ 23.09.2026
14:54 Uhr

KI-Kompetenz in der Bundeswehr: „Im Cyberraum sind wir schon lange nicht mehr im Frieden“


Der Chef des IT-Dienstleisters der Bundeswehr warnt vor einem möglichen Zurückfallen der Truppe im schnelllebigen Digitalzeitalter: „KI mischt jetzt die Karten noch mal völlig neu.“

KI-Kompetenz in der Bundeswehr: „Im Cyberraum sind wir schon lange nicht mehr im Frieden“

Der IT-Dienstleister der Bundeswehr hat nach Meinung seines Chefs zu wenig Möglichkeiten, sich auf die Herausforderungen des Digital- und KI-Zeitalters vorzubereiten. „Es ist fünf vor zwölf oder vielleicht bei der KI auch fünf nach zwölf“, sagte Bernhard Günther am Dienstagabend vor Journalisten der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung in Düsseldorf. Günther ist bekannt als ehemaliger hochrangiger Energiemanager, der mehr als 20 Jahre lang im RWE-Konzern und später beim finnischen Energieunternehmen Fortum arbeitete. Bis heute sitzt er zudem im Aufsichtsrat des Industriekonzerns Thyssenkrupp. Seit rund einem Jahr ist er nun Geschäftsführer der bundeseigenen BWI GmbH, die als eine Art IT-Abteilung für die Truppe arbeitet. Ursprünglich stand die Abkürzung BWI für „Bundeswehr und Industrie“; sie war früher ein Gemeinschaftsunternehmen des Bundes und der Unternehmen Siemens und IBM Deutschland. Heute hält der Bund alle Anteile. Günthers Hauptauftrag: die BWI fit zu machen für die Herausforderungen durch KI und fürs schnelle Wachstum in geopolitisch unruhigen Zeiten. Rasantes Wachstum, träge Prozesse Die rund 8000 Mitarbeiter des in der Öffentlichkeit bislang kaum bekannten Rüstungs-IT-Unternehmens widmen sich beinahe ausschließlich der Aufgabe, die Bundeswehr mit Geräten, Software, Rechenzentren und auch so genannter „grüner“ IT zu versorgen und diese zu betreuen. Unter „grüner“ IT versteht man einsatznahe IT, zum Beispiel verlegefähige Rechenzentren, die etwa eine Panzerbrigade auch dann mit Rechenkapazität versorgen können, wenn Leitungen gekappt sind. Die BWI machte nach Günthers Angaben zuletzt rund 2,3 Milliarden Euro Jahresumsatz, arbeitet dabei nicht gewinnorientiert, wächst aber rasant. Günther zufolge will die Bundeswehr mit der BWI im Jahr 2030 mehr als sechs Milliarden Euro Umsatz machen und bis dahin rund 10.000 Menschen beschäftigen. Denn die Herausforderungen steigen. Zum Beispiel gehört zum Kerngeschäft der BWI die Abwehr von Cyberattacken. Dafür säßen Bundeswehr- und BWI-Leute in einem „engen Schulterschluss“ in Cyberkontrollzentren zusammen. Die Intensität der Cyberangriffe habe seit 2020 „massiv“ zugenommen, sagt Günther. „Im Cyberraum sind wir schon lange nicht mehr im Frieden.“ Ein anderes Beispiel für die Tätigkeiten der BWI sei es, im Auftrag der Bundeswehr den Markt zu beobachten, um nach einer Alternative zu der umstrittenen US-Software Palantir Ausschau zu halten, die von der BWI nicht eingesetzt werde. Die Palantir-Software kann Daten aus verschiedenen Quellen verknüpfen und analysieren, sodass in Krisenfällen rasch umfassende Lagebilder entstehen. Langwierige Beschaffungsprozesse Ganz grundsätzlich bemängelt Günther, dass die umständlichen Beauftragungsprozesse in der Bundeswehr nicht mehr zum schnelllebigen Digitalzeitalter passten. Im IT-Bereich müsse jede Leistung kompliziert über das Beschaffungsamt der Bundeswehr beantragt werden, was im Alltag zu einem langwierigen Hin und Her zwischen Soldaten, Beschaffungsamt und BWI führe. Günther fände es schlüssiger, wenn die Bundeswehr seine BWI direkt beauftragen könnte. Zudem bemängelt er, dass der BWI für alle Aktivitäten, für die kein konkreter Auftrag besteht, Legitimation und Geld fehle. Sie könne keinerlei Forschung und Entwicklung betreiben. Insbesondere auf dem Gebiet der KI, wo Einsatzmöglichkeiten noch ausgelotet werden müssten, sei dies ein riesiges Problem. Grundsätzlich, findet er, wäre es gut, „wenn wir sagen würden: Für KI halten wir 100 Leute vor, die einfach mal mit all dem herumexperimentieren, was gerade in dieser Welt geschieht“. KI werde künftig „relevant sein für alles, was mit Defense-IT zu tun hat“, sagt Günther. Doch bis die Bundeswehr momentan ihre Aufträge für Defense-IT durch die Bürokratie geschleust habe, dauere es zwischen zwei und vier Jahren. Aufgrund des aktuellen Innovationstempos gehe nun aber „Geschwindigkeit vor Perfektion“. Die Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr auf dem Gebiet der Digitalisierung und Cyberabwehr drohe sich ansonsten zu verschlechtern. Auf einer Skala von eins bis zehn, wenn zehn ein nahezu perfekter Zustand sei, „waren wir, bis das KI-Thema kam, vielleicht bei einer Sechs oder Sieben“ – also auf der IT-Seite „nicht schlecht aufgestellt“. Allerdings: „KI mischt jetzt die Karten noch mal völlig neu.“