FAZ 24.09.2026
15:51 Uhr

Jens Balzers Buch: Warum plötzlich wieder vom Antichristen die Rede ist


Ob Hamas, russische Ultranationalisten oder amerikanische Tech-Milliardäre: Jens Balzer zeigt, wie überall nun wieder heilsgeschichtliche Motive auftauchen. Woher kommt der neue Erlösungsglaube?

Jens Balzers Buch: Warum plötzlich wieder vom Antichristen die Rede ist

Alexander Dugin hatte in den Neunzigerjahren schon einiges hinter sich: antikommunistischer Dissident, Straßenfeger, Bohemien. Er hatte den italienischen Faschisten Julius Evola und den französischen Metaphysiker René Guénon gelesen, hatte sich mit Neuheidentum und Islamismus beschäftigt. Nun begann er, sich für Okkultismus, Satanismus und die Moskauer Pop-Avantgarde zu interessieren. Dort entdeckte er britische Underground-Bands für sich, darunter Coil, die Industrial Sounds mit dem Glauben an Chaosmagie verband. Letzteres spiegelte sich auch im Bandlogo wider: einem aus acht Pfeilen geformten Stern, dem sogenannten Chaosstern. Als 1997 Dugins Buch „Grundlagen der Geopolitik“ erschien, zierte dieser Chaosstern das Cover. Das Buch enthält bereits viele der Thesen, die Dugin bis heute vertritt. So unterscheidet er etwa zwischen Tellurokratien, den organisch-traditionellen Landmächten, und Thalassokratien, den atlantischen Seemächten, angeführt von den USA, ihrerseits „Quintessenz des Westens“ und Reich des Antichristen. Ihn gilt es aufzuhalten mittels eines tellurokratischen Gegenbündnisses. Politik als Beschwören der Apokalypse In seinem Buch „Erlösung“ beleuchtet Jens Balzer einige solcher eschatologischen Formationen. Neben Dugin wird das Denken von Peter Thiel, der Hamas, der zionistischen Orthodoxie und der postkolonialen Linken diskutiert, denn „sie alle glauben, dass sich der Antichrist (oder der Daddschal) nur aufhalten lässt, wenn der ‚westliche‘ Liberalismus und Individualismus, wenn die ‚westliche‘ Aufklärung, Moderne und Postmoderne aufgehalten werden und die Gesellschaften wieder neu in autoritär-theokratischem Sinne reformiert werden“. Wo Politik durch das Beschwören apokalyptischer Szenarien aufgeladen wird, wo sie, mit Carl Schmitt gesprochen, politische Theologie wird, will Balzer sie mit einem Begriff des Philosophen Eric Voegelins zu fassen bekommen: Immanentisierung des Eschatons. Das Eschaton, also das Ende der Welt und der Beginn des Reiches Gottes, wird zum diesseitigen Projekt erklärt, zum Produkt menschlichen Handelns. Die Geschichte soll „zu einem sinnhaften Abschluss“ gebracht werden. Dem sinnhaften Abschluss der Geschichte im Weg steht der Antichrist, aufhalten kann ihn der Katechon. Der Begriff stammt aus dem zweiten Brief des Paulus an die Thessalonicher, in dem der Apostel der Gemeinde darlegt, dass mit der Rückkehr des Messias nicht unmittelbar zu rechnen sei. Zuvor müsse der Antichrist erscheinen und die Apokalypse sich Bahn brechen. Der Katechon hält also beides auf: die Ankunft des Antichristen ebenso wie die des Messias. Diese Figur, mit der, wie es bei dem Historiker Volker Weiß heißt, „sich alles begründen und nichts erklären lässt“, hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Konjunktur erlebt. Mobilisiert wird sie insbesondere von rechter Seite. Auch bei Peter Thiel, der sich in jüngerer Zeit verstärkt mit Beiträgen zum Antichristen hervorgetan hat, spielt die Figur eine Rolle. Dabei ist er nicht weit von Dugins religiös aufgeladener Liberalismuskritik entfernt: Wokeness sei ein Auswuchs des Antichristen, personifiziert in der Aktivistin Greta Thunberg oder dem KI-Forscher Eliezer Shlomo Yudkowsky, die sich als Humanisten gäben, christlicher als Christus aufträten, aber eigentlich nur eines wollten, nämlich mithilfe übertriebener Warnungen den wissenschaftlichen Fortschritt stoppen. „In dieser Deutung ist der Katechon demnach derjenige, der diejenigen aufhält, die sich ihrerseits das Aufhalten (des technologischen Fortschritts) zum Programm gemacht haben.“ In dieser doppelten Negation wird der Aufhalter des Aufhalters also zum Beschleuniger hin zum „neuen Jerusalem“, das an die Stelle des alten Paradieses tritt. Gott wirkt, zitiert Balzer Thiel, „durch uns bereits heute am Aufbau des Himmelreichs hier auf Erden“. Das gemeinschaftsstabilisierende Moment des Sündenbocks Obwohl Balzer Dugin als Thiels „intellektuellen Zwilling“ bezeichnet, zeigt sich hier doch ein grundsätzlicher Unterschied in der Zukunftskonzeption. Anders als Thiel setzt der russische Ultranationalist nämlich nicht auf technischen Fortschritt hin zu einem neuen, sondern auf eine Rückkehr ins alte Paradies: gegen die Ideen der Moderne und des Fortschritts, gegen die Globalisierung, gegen den westlichen, also amerikanischen Lebenswandel. „,Altertümlich‘ heißt gut – je altertümlicher, desto besser“, zitiert ihn Balzer. Für Dugin ist der Katechon die russisch-orthodoxe Kirche, für Thiel ein technologisch hochgerüsteter Monarch, der als Beschleuniger technischen Fortschritts fungiert. Während seines Studiums in Stanford hatte Thiel bei dem Philosophen René Girard gelernt. Von ihm stammt die Figur des „mimetischen Begehrens“, also die Idee, dass alle wollen, was die anderen wollen, weil die anderen es wollen. Balzer bezieht sich nun unter anderem auf die Sündenbocktheorie des Philosophen: Das gemeinschaftsstabilisierende Moment des Sündenbocks liegt darin, dass er ein Ziel für kollektive Aggressionen abgibt. Der gewaltvolle Akt seiner rituellen Opferung hält die Gemeinschaft zusammen. All das ist für Girard Satans Geschäft. Satan sorgt ebenso für zwischenmenschliche Rivalität wie für deren Umleitung auf einen Sündenbock, „wodurch die Gesellschaft wieder befriedet wird: Es gehört zum satanischen Wirken, so Girard, dass Satan sich immer wieder selber besiegt.“ Wer als Satan bezeichnet wird, variiert. Für die islamistische Terrororganisation Hamas ist es Israel. Ihre Charta von 1987 besagt, dass „das gesamte historische Gebiet Palästinas (vom Jordan bis zum Mittelmeer) durch göttliches Recht den Muslimen für alle Ewigkeit anvertraut ist“. Eine „Immanentisierung des Eschaton in ihrer vollkommensten Form“, meint Balzer: Ein territorialer Konflikt wird heilsgeschichtlich aufgeladen, sein Ausgang ist entscheidend für den Ausgang der Geschichte als Ganzes. Rückkehr der Religion? Ein aktivistisch-popkulturelles Beispiel für politische Theologie in der Gegenwart findet Balzer in der postkolonialen Linken. Er deutet die Parole „Only when Palestine is free / we are all free“ heilsgeschichtlich, da sie impliziere, am Schicksal Palästinas entscheide sich das Schicksal der gesamten Menschheit. Auf die Frage, ob man die Ankunft des Messias passiv abwarten oder ihr aktiv zuarbeiten sollte, finden zwei jüdische Bewegungen grundlegend unterschiedliche Antworten: Neturei Karta glaubt an die alleinige Handlungsmacht des Messias, folglich kann auch nur er das jüdische Volk erlösen; den Staat Israel lehnt die ultraorthodoxe Gruppe ab. Gush Emunim glaubt, seine Rückkehr durch politische Aktion beschleunigen zu können, konkret: durch die Besiedelung des Gelobten Landes. Balzer hat ein ungewöhnliches kleines Buch geschrieben. Es knirscht an allen Ecken und Enden. Die im ersten Kapitel gestellte Gegenwartsdiagnose, dass die „Rückkehr der Religion das Signum unserer Zeit“ sei, vermag nicht zu überzeugen – trotz der Hinweise auf die große Reichweite christlicher und islamischer Influencer und den deutschen Fußballnationalspieler Felix Nmecha, der als Unterstützer eines evangelikalen Netzwerks auftritt. Auch Balzers These, die Krisen und Verwerfungen des Kapitalismus hätten seit der Jahrtausendwende eine wachsende Sehnsucht nach Erlösung geweckt, leuchtet nicht recht ein, ist die Geschichte des Kapitalismus doch eine Geschichte durch ihn verursachter Zumutungen. Und wenn Balzer ausführt, bei der Suche nach „authentischen Formen der Vergemeinschaftung“ tue sich die Religion als ein Kollektiv hervor, das „sich auf etwas Altes gründet, auf Tradition, Heimat, Geschichte“, fragt man sich, warum, neben den anderen weltanschaulichen Angeboten, gerade das religiöse Konjunktur haben sollte. Das Buch hätte auch ohne diesen zeitdiagnostischen Auftakt funktioniert, was sich schon darin zeigt, dass Balzer nicht wieder auf die dort präsentierten Thesen zurückkommt. Stattdessen macht er einen Hechtsprung von „der Sphäre der individuellen Sehnsucht nach religiöser Sinnstiftung“ in „die Sphäre der religiös grundierten politischen Großraumkonflikte“. Wie beides miteinander vermittelt ist, bleibt offen. Zusammen hält den Text dann Jacques Lacan. Als Ziel der Psychoanalyse nannte er die Versöhnung des Individuums mit der Sinnlosigkeit seines Daseins, mit dem Umstand, dass es innerlich immer zerrissen, nie mit sich identisch sein wird. Es ist die Religion, die „die Kluft der inneren Leere mit Sinn ‚ertränkt‘“ und es so von der schmerzhaften Einsicht in die Sinnlosigkeit erlöst. Die politische Theologie greift die Erlösungssehnsucht auf und überführt sie in Zukunftserwartung. Um die Figur der Immanentisierung des Eschaton in seinen Fallbeispielen zu finden, muss Balzer allerdings über theologische wie politische Feinheiten hinweggehen. Was er herausarbeitet, sind Analogien, Wahlverwandtschaften des Denkens; was entsteht, ist eine Konstellation politisch-theologischer Motive, deren Erkenntnispotential sich gerade dadurch entfaltet, dass sie mit groben Strichen gezeichnet ist. Irgendwie muss man dem, was aktuell in der Welt passiert, schließlich auf die Spur kommen. Balzers Essay ist genau so ein Versuch und als solcher lesenswert. Am Ende des Buches kommt Balzer dann noch einmal auf die von Lacan beschriebene Leere zurück. Der „wahre Messias“, schreibt er, erlöst uns von dem Glauben, dass wir unsere innere Leere mittels politischer Theologie füllen können. Erlösung gibt es nur innerhalb der Geschichte, nicht an ihrem Ende. Was bleibt, ist, schließt Balzer mit Simone Weil, die „Hinnahme der Leere“, was bedeutet „nicht alle Macht auszuüben, die einem zu Gebot steht“. Jens Balzer: „Erlösung“. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026. 138 S., br., 12,– €.