FAZ 08.03.2026
17:56 Uhr

Israel: Kritik am Krieg ist unerwünscht


Die öffentliche Meinung in Israel ist eindeutig: Die meisten befürworten den Angriff auf Iran. Ob Netanjahu daraus Kapital schlagen kann, ist weniger klar.

Israel: Kritik am Krieg ist unerwünscht

Die Demonstranten auf dem Habima-Platz in Tel Aviv haben Glück: Keine Alarmsirenen stören ihren Protest. Seit dem Beginn des jüngsten Irankriegs am Samstag vor einer Woche ist Israel konstant Ziel iranischer Vergeltungsangriffe. Allein am Samstag gab es in Tel Aviv etwa ein halbes Dutzend Mal Raketenalarm. Das öffentliche Leben ist überwiegend zum Erliegen gekommen, aber nicht ganz. Vor dem Konzerthaus am Habima-Platz findet eine Yoga-Sitzung im Freien statt. Am anderen Ende kicken ein paar junge Männer sich Fußbälle zu, trotz kühler Temperaturen mit nackten Oberkörpern. Und dazwischen eine Gruppe von Israelis, die gegen den Krieg demonstrieren. Ihre Plakate und Parolen machen deutlich, dass sie zur sogenannten „radikalen Linken“ Israels gehören: „Stoppt die zionistische Kriegsmaschine“, „Hört auf, Israel zu bewaffnen“, „Schaut auf die ethnische Säuberung von Palästinensern“ lauten die Forderungen. Es sind wohl ein paar Dutzend Demonstranten. Die Zahl ist allerdings wichtig: Die geltenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens besagen, dass sich bis zu 50 Personen versammeln dürfen, sofern ein öffentlicher Schutzraum schnell erreichbar ist. Bis Mittwoch waren wegen des Kriegs gar keine öffentlichen Zusammenkünfte erlaubt. Eine erste Protestkundgebung am Dienstag löste die Polizei daher umgehend auf. Ein 19 Jahre alter Israeli wurde festgenommen und auf der Polizeiwache einer ihm zufolge „demütigenden“ Leibesvisitation unterzogen. Ein Gericht kritisierte das später. Gleichzeitig feierten Hunderte ultraorthodoxe Juden ungestört öffentlich das Purim-Fest. Seit der rechtsradikale Politiker Itamar Ben-Gvir Polizeiminister ist, beklagen Aktivisten und Oppositionelle ein härteres Vorgehen der Polizei gegen sie. Nach acht Minuten wird die Demonstration aufgelöst Zu der Demonstration am Samstag hat eine Koalition aus Organisationen und Parteien aufgerufen; eine weitere findet in Haifa statt. Die in Tel Aviv ist rasch zu Ende. Um 18 Uhr beginnt die Kundgebung offiziell. Um 18.08 Uhr verkündet ein Polizist per Megafon, sie werde aufgelöst. Als Grund gibt er „Bedenken hinsichtlich der öffentlichen Sicherheit“ an. Die Polizeikräfte rücken vor. Es gibt Gedrängel, Demonstranten werden geschubst. Die Menge zerstreut sich, findet sich aber kurz darauf am anderen Ende des großen Platzes wieder zusammen – die Polizisten marschieren hinterher. So geht es eine Weile. Ein Mann wird festgenommen, wegen „ungebührlichen Verhaltens“, wie es später heißt. Auch mehrere Gegendemonstranten sind zugegen, vor allem eine kleine Zahl bekannter rechter Influencer. Seit einigen Wochen haben sie es sich zur Gewohnheit gemacht, linke Aktivisten und Politiker aggressiv zu bedrängen; dabei filmen sie unablässig. Das geschieht auch auf dem Habima-Platz. Die Polizei nutzte das als Grund, um die Demonstration aufzulösen: Die Beamten hätten „Dutzende Demonstranten bemerkt, die einander dort angegangen waren“, heißt es später in ihrer Presseerklärung. Nach zwanzig Minuten ist die Kundgebung endgültig beendet. Die Influencer wirken zufrieden. Ein älterer Demonstrant sagt, es sei hier inzwischen „wie Deutschland 1933“. Eine Frau pflichtet ihm lautstark bei. Auch in den ersten Wochen des Gazakriegs Ende 2023 hatte die Polizei Antikriegsproteste unterbunden. Damals wie heute ist die Zahl derjenigen, die den Krieg ablehnen, aber klein. Die große Mehrheit der Israelis befürwortet den amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran. Eine Umfrage in der vergangenen Woche ergab 82 Prozent Zustimmung, eine andere 63 Prozent. Und das ungeachtet der Bürden des Krieges. 13 Menschen wurden getötet, mehr als 2000 verwundet. Hinzu kommen die Kosten der Militäraktion: Allein das Abfangen iranischer Raketen habe bislang schon bis zu zwei Milliarden Schekel gekostet, berichtete die Zeitung „Haaretz“, mehr als 550 Millionen Euro. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch das Herunterfahren der Wirtschaft dürften sich laut Angaben aus dem Finanzministerium auf mehrere weitere Milliarden Schekel je Woche summieren. Auch die Opposition unterstützt Netanjahu Dass der Krieg dennoch populär ist, dürfte vor allem daran liegen, dass viele Israelis mit den Zielen einverstanden sind. Der Umfrage des „Israelischen Demokratie-Instituts“ zufolge ist knapp die Hälfte dafür, die Militäraktion so lange fortzusetzen, bis Irans nukleare und Raketenkapazitäten beseitigt wurden – und bis das Regime gestürzt wurde. Eine von der Hebräischen Universität Jerusalem in Auftrag gegebene Umfrage hält derweil fest, dass zum einen zwar die Besorgnis um die eigene und die nationale Sicherheit mit Kriegsbeginn zugenommen habe. Gleichzeitig sei in der Bevölkerung aber auch der Optimismus mit Blick auf Israels langfristige Zukunft gestiegen. Aus diesen Gründen stehen auch die meisten Oppositionsparteien gerade eng an der Seite der Regierung. Vor allem die Parteien der Mitte sehen außenpolitische Sicherheitsfragen grundsätzlich nicht viel anders als beispielsweise Benjamin Netanjahus Likud. Konkurrenten des Ministerpräsidenten wie Yair Lapid oder Naftali Bennett übernehmen in diesen Tagen in ausländischen Medien sogar die Rolle, den Krieg und damit die Regierungspolitik zu rechtfertigen. Von den Vertretern der linkszionistischen und Mitte-Parteien versuchte nur Yair Golan, Vorsitzender der linken „Demokraten“, Netanjahu auf diesem Feld mit Grundsatzkritik zu stellen. Militärische Macht sei für das Land überlebenswichtig, schrieb der frühere General am Freitag auf der Plattform X, „aber sie reicht nicht aus“. Israel müsse ergänzend „starke regionale Bündnisse und Vereinbarungen“ schließen, damit die Region stabiler wird und die Bedrohungen weniger. Stattdessen führe die Regierung immer nur neue Kriege, kritisierte Golan: „Das ist keine Strategie, das ist Führungsversagen. Wir sind nicht in unsere Heimat zurückgekehrt, um für immer zwischen Alarm und Schutzraum zu leben.“ Allerdings lehnt auch er den Angriff auf Iran nicht ab. Spätestens im Herbst gibt es eine Parlamentswahl Dass der Krieg in Israel wenig umstritten ist, wirft die Frage auf, ob er ein wichtiger Faktor bei der nächsten Parlamentswahl sein könnte. Spätestens Ende Oktober wird die Knesset neugewählt, allerdings gibt es anhaltende Spekulationen darüber, dass Netanjahu eine vorgezogene Wahl herbeiführen könnte. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Verteidigungsminister Israel Katz am Donnerstag einem israelischen Fernsehsender erklärte, der Angriff sei wegen der Antiregimeproteste in Iran vorgezogen worden – er habe ursprünglich im Frühsommer stattfinden sollen. Das wäre mindestens schon während der Vorwahlkampfphase gewesen. Beobachter sind sich indessen überwiegend einig, dass der Krieg nicht wahlentscheidend sein dürfte. Auch bisherige Militäraktionen, etwa gegen die Hizbullah, hätten das Kräfteverhältnis zwischen Regierungslager und Oppositionslager in den Umfragen nicht maßgeblich verändert. Ob Netanjahu aus der Tötung von Israels Erzfeind Ali Khamenei mehr politischen Profit wird schlagen können, ist bislang eine offene Frage. Der Ministerpräsident war seit Kriegsbeginn überraschend wenig zu sehen. Nach einem Statement am Morgen des Angriffs dauerte es mehr als eine Woche, bis er sich am Samstagabend wieder in einer Videoansprache an die Bevölkerung wandte. Voller Pathos rühmte Netanjahu den Heldenmut der Armee und die Standhaftigkeit der Israelis und kündigte an, Israel werde „mit voller Kraft“ weitermachen, sowohl in Iran als auch in Libanon. Israel habe „einen organisierten Plan mit vielen Überraschungen“, um das Regime in Teheran zu destabilisieren, verkündete er – und dann sei es an den Iranern, sich zu erheben. Das werde zu einer friedlicheren Region führen. Schon jetzt wendeten sich immer mehr Länder Israel zu, sagte Netanjahu und fügte hinzu: „Weil wir stark sind, weil wir recht haben, weil wir kämpfen!“