Der 24. Februar 2025 war kein guter Tag für Monchi. Es ist der Montag nach den vorgezogenen Bundestagswahlen, und sein Smartphone brummt mit Nachrichten von Freunden und Bekannten, die entsetzt fragen: „Was geht denn bei dir in Vorpommern ab?“ Das fragt sich der Sänger der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, der mit bürgerlichen Namen Jan Gorkow heißt, ebenfalls. Mehr als fünfzig Prozent der Wähler in seinem Landkreis haben ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Ganz Mecklenburg-Vorpommern färbt sich auf der Karte der Wahlergebnisse blau. Für den linken Musiker ein Schock, hat er doch in der Kleinstadt Jarmen, in der er aufgewachsen ist, mittlerweile eine Familie gegründet. „Ist es noch richtig, hierzubleiben?“, fragt er sich nun. In seinem zweiten Buch „Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“ ergründet Monchi (den Künstlernamen behält er auch als Autor abseits der Bühne bei) aus dieser Erschütterung heraus das gesellschaftliche und politische Klima in der Region. Jarmen, so erfahren wir, sei eine Kleinstadt, „jedenfalls für Leute, die in richtig kleinen Dörfern wohnen“. Knapp 3000 Leute leben hier. Es ist ein ruhiges Leben. Jeder kennt jeden. Ein Kino gibt es nicht in der Nähe. Und wer abends noch schnell etwas essen will, hat die Auswahl zwischen zwei Dönerimbissen und dem Angebot einer Tanke sowie den vier Supermärkten im Ort. In den vergangenen fünf Jahren haben zehn Zahnarztpraxen geschlossen. Das Großstadtleben ist weit entfernt. Ebenso seine politischen Ideen. Mit denen rechnet der Sänger als Erstes ab: „Brandmauer? Das ist, ehrlich gesagt, einer dieser Begriffe aus der Großstadt. Ein Politik-Konzept, das in der Provinz völlig weltfremd wirkt.“ Eine Typologie der AfD-Wähler Auf dem Land lebe man jenseits solcher Brandmauern, denn man könne sich nicht einfach einigeln: „Wir leben da, wo der Nachbar von gegenüber, die Verkäuferin, der Kumpel, das Familienmitglied, wo der Klempner, die Polizistin, der Arzt, die Homies aus dem Verein und womöglich auch einer oder mehrere der Lehrerinnen deiner Kinder eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben. Mehr als die Hälfte. Mehr als jeder und jede Zweite.“ Also macht er sich auf die Suche nach den Ursachen, findet sie im Alltag, im Anekdotischen. Eine eigene Typologie teilt die Menschen, die er trifft, mit denen er sich über die Wahlergebnisse und deren Wahlverhalten unterhält, in verschiedene Kategorien ein, darunter: die Überzeugten, die Putin-Fans, die Mitläufer, die Unsicheren. Die Suche nach den Ursachen des Rechtsrucks führt natürlich nicht an der eigenen Jugend im Dorf vorbei. Der prägendste Abend seiner Jugend war für ihn der, an dem er dachte, sterben zu müssen: „Ich weiß nur noch, wie die Dorf-Faschos mich festhielten und in mein Gesicht traten. Am Boden liegend. Immer wieder. In mein Gesicht.“ Alkohol spielte dabei eine Rolle. „Sie waren im Vollsuff. Im Rausch.“ Monchi schreibt das als Tatsache, nicht als Entschuldigung der Täter. Eine Anzeige stellte er nie Ein Schulfreund bringt ihn nach Hause. Die Mutter schafft ihn ins Krankenhaus. Eine Anzeige stellte er nie. Auf seinem Handy ging kurz nach der Gewalttat die SMS ein: „Wenn du zur Polizei gehst, machen wir dich kalt.“ Hilfe suchte er stattdessen bei seinen Kumpels in der Fußballfangemeinde. Mit zehn vollbesetzten Autos fuhren sie zu einer Party der Rechten, verjagten die anderen, demolierten einen Wagen. Die Polizei nahm die Jugendlichen fest. Monchi verurteilte man wegen Landfriedensbruchs; es war nicht das letzte Mal, dass er angeklagt wurde. Heute ist er Vater einer Tochter und gibt sich hinsichtlich der Gewalt als geläutert. Der Wendung, die sein Leben nach der Prügelei und der Verurteilung nahm, kann er mittlerweile etwas Positives abgewinnen: Er blieb nach dem Vorfall sitzen, musste die Klassenstufe wiederholen und besuchte dafür eine andere Schule. Dort traf er den heutigen Bassisten seiner Punkband. „Hätte ich nicht die Schule gewechselt, hätten diese Typen nicht so hart auf mich eingetreten, wäre ich ihm wohl nie über den Weg gelaufen.“ Wer kümmert sich um die Jugend? Aus dem Anekdotischen heraus folgen Überlegungen, wie derlei Gewaltexzesse, ja überhaupt das Abdriften der Jugend ins Extreme, heute verhindert werden könnten. Als größtes Problem identifiziert der Sänger dabei die noch immer mangelnden Freizeitangebote für Jugendliche im ländlichen Raum. Wo es an Jugendzentren, Sozialarbeitern, Kulturangeboten und Sportvereinen fehle, hätten die Heranwachsenden keine Möglichkeiten, sich zu treffen und zu beschäftigen. Besonders für die Wintermonate heiße das: Man hängt zu Hause vor dem Smartphone und schaut sich Tiktok-Videos an – ein Medium, das gerade die rechte Szene für sich zu nutzen weiß. Das Spiel mit Angst, mit Emotionen ist nirgends stärker als auf Social Media. „Wir reden hier von einer Jugendkultur, die gerade maßgeblich an Masse gewinnt. Und diese Kids sind in zehn Jahren keine Jugendlichen mehr. Wenn sie nur von den Faschos und der AfD mit offenen Armen empfangen werden, wo wird das hier wohl enden?“, fragt Monchi. Innerhalb weniger Wochen habe er dieses Buch heruntergeschrieben, „und zwar so, wie ich denke, wie ich laber, wie ich fühle“. Auch das Hörbuch hat er selbst eingesprochen. Manchmal flucht er, manchmal schliddert er ins Regionale. Wenn er sich aufregt, sagt er „Alter Verwalter“, bezeichnet Leute als „Hoschis“, und auch ein „Verfickt noch mal“ fällt. All das im Plauderton, als hätte man sich gerade zum Kaffee getroffen. „Jenseits der Brandmauer“ verkneift sich gutgemeinte Lösungsvorschläge. Stattdessen wirft das Buch einen Blick auf jene Teile Ostdeutschlands, die gern übersehen werden. Kurz vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ist das eine bereichernde Perspektive. Monchi: „Jenseits der Brandmauer.“ Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz. Autorenlesung. Argon Hörbuch, Berlin 2026. 301 Min., Download, 15,95€.
