FAZ 10.03.2026
12:55 Uhr

Herausragendes Handball-Talent: Vom Pleiteklub in die Boomtown


Mit 21 Jahren gilt die Deutsche Viola Leuchter als größtes Handball-Talent der Welt. Beim dänischen Team Odense ist sie nach dem Schock von Ludwigsburg weich gelandet.

Herausragendes Handball-Talent: Vom Pleiteklub in die Boomtown

Auf die Frage, ob sich die Wahrnehmung des Frauenhandballs verändert hat, kennt Viola Leuchter die passende Antwort: „Es sind 40 Mädchen beim HC Weiden neu dazugekommen, seit wir im Dezember Zweiter bei der WM wurden.“ Ihre Eltern wohnen nicht weit von der Halle in Würselen entfernt, in der sie das Handballspielen lernte – mit der Silbermedaille im Gepäck kehrte die 21 Jahre alte Nationalspielerin zurück und überzeugte sich davon, welchen Boom ihre Auftritte ausgelöst haben: „Immer mehr Jungs und Mädchen in der Region Aachen wollen Handball spielen.“ Sie selbst hatte und hat ihren Anteil daran. Am vergangenen Sonntag traf Leuchter dreimal beim deutschen 33:18 gegen Slowenien in Heidelberg; nach dem 30:23 im Hinspiel von Celje am Mittwoch ist die Nationalmannschaft schon vor den abschließenden Spielen gegen Belgien und Nordmazedonien im April startklar für das nächste Großturnier – die Fünf-Länder-Europameisterschaft Ende des Jahres. Mit neuen Aussichten: „Wir wollen einfach weitermachen und wieder zu den Top Vier gehören.“ Es ist diese von Bundestrainer Markus Gaugisch geforderte positive Arroganz, die auch die schüchterne Leuchter ausstrahlen will. Zurückhaltend ist sie aber nur abseits des Parketts. Im Spiel gehört sie zu Gaugischs Stamm-Rückraum – eine so wurfgewaltige Halbrechte hatten die Deutschen seit Grit Jurack nicht mehr. Zweimal nacheinander wurde Viola Leuchter zur europa- und weltweit besten Nachwuchsspielerin gekürt. Eine Auszeichnung, die sie am liebsten an die Mannschaft zurückgeben würde. Doch die ist froh, eine mutige Entscheidungsspielerin dabei zu haben: „Vio verschafft uns im Angriff ganz neue Möglichkeiten“, sagte Anführerin Emily Vogel. Dass das Jahr 2025 einen solch erfolgreichen Ausgang nehmen würde, war dabei nicht zu erwarten, musste Leuchter doch im Sommer die Pleite des HC Ludwigsburg verkraften: „Das war für alle ein Schock. Das intakte Team wurde auseinandergerissen und über ganz Europa verteilt.“ Allerdings ist sie weich gelandet – in Odense, wo der Frauenhandball beim dänischen Meister anders gelebt wird als hierzulande. Champions League, dänische Meisterschaft: Viola Leuchter ist in einem Team voller großer Namen als einzige Deutsche alle drei Tage gefordert. Bei viel besserer Bezahlung: „In Dänemark sind in jeder Erstligamannschaft nur sehr gut verdienende Spielerinnen“, sagt sie, „das Gehalt ist der leichteste Indikator, an dem man feststellen kann, wie viel in diesen Sport reingesteckt wird. Die Wertschätzung und Sichtbarkeit des Frauenhandballs ist dort viel größer. Auch der Stab hinter dem Team ist größer.“ Das hat auch Schattenseiten: gar nicht so leicht für einen Twen, mit all diesen Herausforderungen umzugehen – als das deutsche Team Mitte Dezember nach der knappen Finalniederlage gegen Norwegen in einem Restaurant in Rotterdam feierte, blieb die junge Aachenerin im Hotel und ruhte sich aus: „Das war alles etwas viel für mich.“ Als Frohnatur bekannt, hatte sie eigentlich „alles abreißen“ wollen, doch zur angekündigten „Eskalation“ gemeinsam mit dem anderen Teamküken Nieke Kühne kam es nicht. Stattdessen verordnete Nachtruhe. Im gemütlichen Odense genießt Viola Leuchter nun das Angebot an Kultur und Cafés, begegnet der Sprachbarriere demnächst mit wöchentlichem Unterricht durch einen Lehrer und freut sich, dass ihre Schwester in Kopenhagen näher gerückt ist. Für das Klavierspielen hat sie auch mehr Zeit.