Ein Mann geht durch die Welt, durch sein Leben. Schaut aus dem Zugfenster, aus dem Dunkel des Abteils, aus seiner Existenz heraus, mit verzerrten Zügen, aufgerissenem Mund, geweiteten Augen, wandert durch die Straßen Ost-Berlins, auf den Fernsehturm zu, kommt aus kümmerlichen grünen Landschaftsresten auf ein verfallenes Gebäude zu, in dem ein Gang unter die Erde beginnt, hinab ins Unbewusste, wo er Erhabenem und Schrecklichem begegnet: Deutschland, der Geschichte, persönlichen und kollektiven Traumata. Einen Wanderer wie bei Schubert und Caspar David Friedrich schickt Johannes Heisig auf den Weg, zeitgenössisch, aus der Zeit gefallen. Ein wenig handelt es sich bei dem einsamen Mann um den Schriftsteller Wolfgang Hilbig, von dessen Texten der Maler sich inspirieren ließ, ein wenig um dessen Figuren, ein wenig um Heisig selbst, aber auch um jeden erlebenden Menschen, der sich umschaut, wahrnimmt, fühlt, leidet. Getroffen haben sich die beiden Künstler nie. Aber für Heisig waren die Worte Hilbigs wichtig. „Ich wäre ihm gerne begegnet“, sagt er im Museum Giersch der Frankfurter Goethe-Universität. Aber das „kleine Land DDR“ habe sehr unterschiedliche Szenen gehabt: „Ich nahm nur am Rande wahr, was in Dichterkreisen lief.“ Und so haben sich Hilbig, der 1941 in Meuselwitz geborene Enkel eines Bergmanns, und Heisig, der 1953 in Leipzig zur Welt gekommene Sohn des Malers Bernhard Heisig, nie persönlich kennengelernt. Alles beginnt mit einem Roman Ihre gemeinsame Geschichte fängt zudem erst nach dem Mauerfall an, ist keine der DDR, sondern des wiedervereinigten Deutschlands, in dem nachgearbeitet wird, Trennendes fällt, vieles wieder hochkommt, bis heute. Zum ersten Mal gelesen hat Heisig Hilbig Mitte der Neunzigerjahre. Ihm ist, als sei es der 1993 veröffentlichte Roman „Ich“ gewesen, in dem Hilbig schildert, wie der junge M. W., genannt Cambert, Schriftsteller werden will, leider aber auch inoffizieller Mitarbeiter der Stasi wird: „Der hat mich umgehauen.“ Seitdem hätten Hilbigs Texte ihn nicht mehr losgelassen. Drei Werkserien hat Heisig dem 2007 gestorbenen Autor gewidmet, die erste 1995, die jüngste in diesem Jahr. Das Museum Giersch zeigt sie bis 18. Oktober fast vollständig und aus doppeltem Anlass, zur Frankfurter Buchmesse und zu Hilbigs 85. Geburtstag. Zum Rhein-Main-Gebiet haben beide Künstler eine Beziehung, sowohl der Schriftsteller als auch der zwölf Jahre jüngere Maler. Heisig hat Ende 2025 die Porträts der drei Frankfurter Oberbürgermeister vorgestellt, die er in ihrem Auftrag für den Römer gemalt hat, Hilbig kam 1985 mit einem Stipendium des Deutschen Literaturfonds in Darmstadt nach Westdeutschland, zunächst für ein Jahr, später blieb er einfach länger. Schon 1979 hatte Fischer seinen Gedichtband „Abwesenheit“ veröffentlicht, den ersten überhaupt. Nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik wohnte Hilbig in Hanau, dort hatte man ihm 1983 den Brüder-Grimm-Preis zuerkannt. 1995 hielt er die Frankfurter Poetikvorlesung, ungefähr um die Zeit, als Heisig auf ihn stieß, von 2001 bis 2002 war er Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. Worte wie Hiebe Heisigs Serien zeigt das Museum Giersch in den Räumen des Erdgeschosses. Die erste, „Abfahrt“, stammt aus dem Jahr 1995 und reagiert auf Hilbigs gleichnamigen Text. Hilbigs Welt der Züge, Bahnhöfe und Fluchten habe ihn angesprochen, sagt Heisig: „Nirgendwo hielt er es aus.“ Sieben von acht Kohlezeichnungen sind zu sehen, das Brennmaterial, das Hilbig vor seiner Ausreise aus der DDR in Ost-Berliner Brotjobs als Heizer geschaufelt hatte, kehrt als künstlerisches Werkzeug wieder. Mit dichten Strichen umkreist Heisig den Umriss eines Kopfes, schafft entgleiste Gesichtszüge wie bei Bacon, das Dunkel ist aus demselben Stoff gemacht wie der Mensch. Heisig benutzt ein Sprachbild, das E. T. A. Hoffmann liebte: „Ich habe registriert, dass in diesen Texten etwas schwingt, das unmittelbar Resonanz in mir erzeugt.“ Resonanzen, Korrespondenzen – der Dialog der Künste sieht zwei Romantiker am Werk. An der Serie „Bilder vom Erzählen“ arbeitete Heisig 2020/21, in ihr schlägt sich die Begegnung mit „Ich“ besonders nieder. Der Roman faszinierte Heisig, weil er für ihn auf die abgründige Tatsache hinwies, dass nicht nur Stasi-Informanten, sondern auch Schriftsteller, ja Künstler allgemein, „immer mit Schnüffeln beschäftigt“ sind. Und gingen sie auch nur bei einem Schriftsteller auf die Jagd. Dem flammenden Orange von „Heizen“, das 2021 an Hilbigs Anfänge vor dem Kohleofen im Keller erinnert, antwortet fünf Jahre später, in der dritten Serie, „Einst war ich älter“, die auf der Beschäftigung mit Hilbigs Lyrik beruht, das lodernd orange Pigment von „Episode“. Die Zeichnung spielt auf eine von Hilbig geschilderte Szene an, in der ein Fasan sich in den Heizungskeller verirrt. Vor dem Orange leuchten nun in höchster Gefahr auch das Rot und Grün des Federkleids. Bald gebraten oder Vogel Phönix – der Künstler versteckt sich bei Hilbig und Heisig ebenso im Sinnbild des Fasans wie in dem des Heizers, der Materie in Energie verwandelt. Der paradoxe Titel „Einst war ich älter“, der die natürlichen Zeiten des Lebens miteinander vertauscht und Existenz nach Erfahrungslast bemisst, stammt aus einem Vers von 1977. Er bekräftigt, dass Heisigs Beschäftigung mit Hilbig von Anfang an das Doppelte eingeschrieben ist: zwei Leben, zwei Künste, aber auch die Mehrdeutigkeit, zu der die Malerei sich von der Vieldeutigkeit der Wortkunst herausgefordert fühlt. Mitten in der Arbeit an den Lyrikbildern las Heisig zum zweiten Mal Hilbigs 1991 erschienenen Prosatext „Alte Abdeckerei“, der sich für ihn nur mit Beckett und Rimbaud vergleichen lässt. „Das war ein richtiger Hieb“, sagt er, ein „Höllenszenario“, eine Reise hinunter zu den „Flözen der Nacht“, wie es in der Erzählung heißt, den „erhabenen Kristallkathedralen der Kohle“, zu den „Wasserweiden voller Sternenschrift“, den „Schädelstätten“ und „untergegangenen Ruinen“: „An Germania II vorüber, wo in der Flut die Sternbilder spielen, wo die Minotauren weiden.“ Heisig antwortet dem Text mit vier Nachtstücken voller schemenhafter Spukgestalten, die in die absolute Schwärze führen. Zur Ausstellung gibt es ein gut zusammengestelltes Begleitprogramm. Am 11. Oktober von 10 Uhr an unterhält Heisig sich auf der Frankfurter Buchmesse mit den Hilbig-Experten Michael Opitz und Alexandru Bulucz (Innovation Stage, Halle 4.1), am 15. Oktober liest Corinna Harfouch von 18 Uhr an im Museum Giersch aus Hilbigs Werken, am 16. Oktober von 18 Uhr an führt Heisig zusammen mit seinem Galeristen Peter Femfert durch die Schau. „Einst war ich älter“, Museum Giersch der Goethe-Universität, Schaumainkai 83, Frankfurt, bis 18. Oktober
