FAZ 13.03.2026
17:52 Uhr

Gewalt in Haiti: Mit Sprengstoffdrohnen gegen den Staatszerfall


Haiti verliert im Kampf gegen die Gangs weiter die Kontrolle. Der Einsatz bewaffneter Drohnen und Privatmilitärs zeigt die Ohnmacht eines zerfallenden Staates.

Gewalt in Haiti: Mit Sprengstoffdrohnen gegen den Staatszerfall

Haitis Hauptstadt Port-au-Prince gleicht einem Kriegsgebiet. Brutale Gangs herrschen wie Warlords über die von ihnen kontrollierten Stadtteile. Sie morden, vergewaltigen, erpressen. Tausende Tote haben sie auf dem Gewissen, Zehntausende Familien haben sie in die Flucht getrieben. Der Staat hat die Lage auch mit der Unterstützung ausländischer Sicherheitskräfte nicht unter Kontrolle gebracht. In ihrer Verzweiflung setzt die Regierung auf Sprengstoffdrohnen, die oft auch in dicht besiedelten Gebieten gegen die Gangs eingesetzt werden. Die Kollateralschäden sind verheerend, wie ein in dieser Woche veröffentlichter Bericht von Human Rights Watch (HRW) zeigt. Der Bericht dokumentiert, dass haitianische Sicherheitskräfte und von ihnen beauftragte private Militärfirmen zwischen März 2025 und Januar 2026 insgesamt 141 Operationen mit Drohnen-Bomben ausgeführt haben. Mindestens 1243 Personen wurden dabei getötet und 738 verletzt. Bei den meisten handelte es sich um mutmaßliche Gangmitglieder. Doch die Zahl der zivilen Opfer ist alarmierend. Mindestens 43 Erwachsene und 17 Kinder, die nachweislich keine Mitglieder krimineller Banden waren, kamen bei den Angriffen um. HRW kommt zu dem Schluss, dass zahlreiche Angriffe Merkmale rechtswidriger außergerichtlicher Tötungen aufweisen. Der Blackwater-Nachfolger ist vor Ort tätig Ein besonders grausames Ereignis fand am 20. September 2025 im Viertel Simon Pelé statt. Während der Bandenführer Albert Stevenson, alias „Djouma“, eine Geschenkaktion für Kinder organisierte, detonierte eine Drohne direkt in der Menge. Zehn Zivilisten starben, darunter neun Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren. Augenzeugen berichten von zerfetzten Körpern und abgetrennten Gliedmaßen. Einer Mutter wurden beide Füße weggerissen, ein dreijähriges Mädchen starb an multiplen Splitterverletzungen. Die Angriffe werden einer spezialisierten „Taskforce“ zugeschrieben, die direkt dem Büro von Premierminister Alix Didier Fils-Aimé unterstellt ist und von der privaten Militärfirma Vectus Global unterstützt wird, mit der die haitianische Regierung einen einjährigen Vertrag abgeschlossen hat. Hinter Vectus Global steht Erik Prince, der Gründer von Blackwater, jener berüchtigten amerikanischen Sicherheitsfirma, deren Mitarbeiter 2007 in Bagdad 17 irakische Zivilisten erschossen. Für den Einsatz in Haiti konnte Vectus Global salvadorianische Spezialisten gewinnen, die die haitianische Polizei beim Einsatz der bewaffneten Drohnen unterstützen. Der Geschäftsträger an der amerikanischen Botschaft in Haiti, Henry Wooster, bestätigte, dass das amerikanische Außenministerium Vectus Global eine Lizenz zum Export von „Verteidigungsdienstleistungen“ nach Haiti erteilt hat. Die Zusammenarbeit ist jedoch höchst umstritten. Während der Premierminister die Angriffe mit Sprengstoffdrohnen als Erfolg feiert, der die Gangs in die Flucht geschlagen habe, warnen Menschenrechtsorganisationen vor der Privatisierung staatlicher Gewalt. Es gebe keine Mechanismen, um die privaten Akteure für die zivilen Opfer der Angriffe zur Rechenschaft zu ziehen. Die Sicherheitslage erlaubt keine Wahlen Der Einsatz von Drohnen veranschaulicht die Ohnmacht der haitianischen Regierung im Kampf gegen die Banden, denen der zerfallene Staat nichts entgegenzusetzen hat. Rund 20 Banden mit schätzungsweise 12.000 Mitgliedern stehen 6000 Beamten gegenüber, von denen nicht einmal tausend für den Kampf gegen die Gangs eingesetzt werden können. Die Gangs kontrollieren etwa 90 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince und sind auch in anderen Regionen aktiv. Im Jahr 2025 haben die Vereinigten Staaten zwei der mächtigsten Gruppen zu ausländischen Terrororganisationen erklärt. Die humanitäre Bilanz der Bandengewalt in Haiti ist erschreckend. Mehr als sechs Millionen Haitianer sind auf Hilfe angewiesen, fast 1,4 Millionen Menschen wurden in den vergangenen Jahren innerhalb des Landes vertrieben. Massenvergewaltigungen werden von den Gangs systematisch als Terrorinstrument gegen die Bevölkerung eingesetzt. Allein 2025 wurden mehr als 1700 Fälle dokumentiert. Politische Auswege sind nicht in Sicht. Anfang Februar endete das offizielle Mandat eines Übergangsrates, und es entstand ein Machtvakuum, in dem Fils-Aimé mangels Nachfolgeplan faktisch die Regierung weiterführt. Fils-Aimé, der von Washington unterstützt wird, steht nun vor der Aufgabe, die ersten Wahlen seit mehr als einem Jahrzehnt zu organisieren. Doch ein solches Ziel gilt angesichts der Sicherheitslage derzeit als unrealistisch. Trump setzt auf die UN Wie dramatisch die Lage in Haiti ist, zeigt sich auch in der amerikanischen Innenpolitik. Vergangene Woche bestätigte ein Bundesberufungsgericht zunächst ein Urteil, das die Aufhebung des Schutzstatus für rund 350.000 Haitianer stoppte. Die Richter verwiesen auf die anhaltende Gewalt und den Zusammenbruch staatlicher Ordnung in Haiti. Das Gericht urteilte, die Regierung habe die katastrophalen Bedingungen in Haiti ignoriert und die Aufhebung des Schutzes sei angesichts der Gewalt völkerrechtlich unvertretbar. Die Trump-Regierung ist in dem Fall inzwischen vor den Obersten Gerichtshof gezogen. In Washington wird Haiti ausdrücklich auch als migrations- und sicherheitspolitisches Problem betrachtet. In einer Anhörung vor dem Senat im Februar nannte Wooster als wichtigste Ziele die Verhinderung eines kompletten Staatskollapses und von Massenmigration an die US-Küste. Wooster argumentierte, dass die haitianischen Sicherheitskräfte durch den Einsatz der „Taskforce“ und privater Dienstleister die Gangs erstmals seit 2021 in die Defensive gedrängt hätten. Er gab jedoch zu, dass diese Gewinne ohne dauerhafte Stabilisierung fragil bleiben. Doch amerikanische Truppen nach Haiti zu schicken, kommt für Trump nicht infrage. Stattdessen setzt er auf die Vereinten Nationen. Bereits im vergangenen September hat der UN-Sicherheitsrat die Bildung einer sogenannten Gang Suppression Force (GSF) für Haiti autorisiert. Die Truppe aus 5500 uniformierten Kräften soll geheimdienstgestützte Operationen gegen Gangs führen, kritische Infrastrukturen sichern und die haitianische Polizei professionalisieren. Diese neue Einheit steht nicht unter UN-Kommando, sondern soll von einem Leitungsgremium aus Vertretern der truppenstellenden Länder sowie der USA und Kanadas geführt werden. Vorgesehen sind auch Prüf- und Schulungsmechanismen zum Menschenrechtsschutz. Nach UN-Angaben hatten bis Dezember 2025 rund 69 Prozent des Personals entsprechende Schulungen absolviert. Human Rights Watch fordert überdies, dass die neue GSF jegliche operative Unterstützung für haitianische Einheiten verweigert, solange die rechtswidrigen Angriffe durch die Taskforce und ihre Söldner anhalten.