Bis zum 15. November können sich freie Theatermacher und Spielorte um die neue Mehrjahresförderung der Stadt bewerben. Mehrere Beratungstermine des Kulturamts sollen den Betreibern von Spielstätten sowie freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern in den nächsten Wochen die beiden neuen Förderrichtlinien und das Verfahren der Antragstellung erläutern. Die Stadtverordnetenversammlung hatte die neuen Förderrichtlinien am 27. August beschlossen. Aufgeteilt ist die Förderung erstmals in eine „Dreijahresförderung für künstlerische Vorhaben und Ensembles der freien darstellenden Künste“ und eine „Dreijahresförderung für Spielstätten und Infrastrukturen der freien darstellenden Künste“. Die Förderungen betreffen nicht die Städtischen Bühnen und auch nicht Privattheater wie die Komödie oder das English Theatre, die eine sogenannte institutionelle Förderung erhalten. Die aktuelle Bewerbung umfasst die Jahre 2028 bis 2030, das Verfahren soll dann weitergeführt werden. Aufgrund der Umstellung war Ende Mai bekannt geworden, dass für das Übergangsjahr 2027 zahlreiche zuvor mehrjährig geförderte Künstler sowie das Theater Alte Brücke ganz aus der Förderung gefallen waren. Die spätere Ankündigung, sie könnten sich auf eine Förderung einzelner Projekte bewerben, hatte den Unmut darüber nicht beseitigt. Seither hat es zahlreiche Stellungnahmen und Versammlungen freier Künstler gegeben. Nun hatten im Produktionshaus Naxos Vertreter der Szene und Politiker über die Zukunft der Theaterförderung diskutiert. Auch Naxos hatte für 2027 Produktionen absagen müssen. Zwei Millionen Euro mehr werden nicht reichen Zwei Millionen Euro mehr für die Theaterszene, wie sie laut Julia Eberz (Die Grünen) und Christian Becker (CDU) im Koalitionsvertrag festgeschrieben sind, würden nicht ausreichen, sagten Vertreter der Szene. Kritik gab es an der Kommunikation des Kulturamts und des Dezernats, an mangelnder Transparenz der Förderkriterien, an fehlender Nachhaltigkeit und an den dauerhaft prekären Arbeitsbedingungen professioneller freier Künstler, die ihren Beruf zunehmend als „Hobby“ missachtet sehen. Nicht diskutiert worden sind die Förderrichtlinien selbst, die für die freien Künstler vorsehen, sich auf festgelegte Summen zwischen 30.000 und 150.000 Euro jährlich zu bewerben, was ein Mindestmaß an Vorstellungen und Premieren erfordert. Mit welchen Summen die beiden Fördertöpfe ausgestattet sind, ist offen und hängt von jeweiligen Haushaltsbeschlüssen ab. Derzeit stehen nach Angaben von Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) 4,36 Millionen in allen Förderschienen, auch der einzelnen Projekte, für die freien darstellenden Künste im Haushalt. Hartwig gab zu, möglicherweise müssten die neuen Instrumente, die in Absprache mit der Szene entworfen worden sind, weiter verbessert werden. Dass die Einzelvorhaben der Stadt mit meist unter 10.000 Euro viel zu gering ausgestattet seien, kritisierte nicht nur der Geschäftsführer des Produktionshauses Naxos, Simon Möllendorf. Die Mousonturm-Intendantin Anna Wagner wies aus dem Publikum darauf hin, dass die von der Stadt gewährten Förderungen oft nicht ausreichten, um Frankfurter Künstlern das Einwerben zusätzlicher öffentlicher Mittel, etwa aus dem Fonds Darstellende Künste, zu ermöglichen. Erst jetzt ermittelt die Szene ihren Bedarf Jan Deck, Vertreter des Berufsverbands Laprof (Landesverband der professionellen freien Szene in Hessen), kündigte an, nun eine Bedarfsanalyse der freien Theater anzustellen. Bis Anfang Oktober sollen erste Ergebnisse vorliegen. Bisher ist eine solche Analyse nicht erfolgt. Lediglich Philipp Schulte, Geschäftsführer der Hessischen Theaterakademie und Mitglied des Theaterbeirats, konnte in der Debatte aufgrund des jüngsten Antragsvolumens für die Mehrjahresförderung eine Differenz zwischen dem Bedarf der Szene und dem Haushalt beziffern: „44 Spielstätten und Gruppen sollten 2027 bis 2029 gefördert werden mit einer Antragssumme von 7,3 Millionen Euro. Bei Prüfung fand der Beirat, 5,3 Millionen Euro müssten ermöglicht werden.“ Tatsächlich ausgeschüttet werden aber nur rund vier Millionen Euro, was im Mai von Hartwig als Erfolg gewertet worden war. Schulte hält die Selbsteinschätzung der Bedarfe durch die Künstler für realistisch und auch innerhalb der Szene für solidarisch. Auf Selbsteinschätzung werden auch die in der Höhe gestaffelten Anträge der neuen Mehrjahresförderung von Künstlern beruhen. Hartwig gab zu, in der Kommunikation „können wir wirklich besser werden und haben darüber nachgedacht“, vor allem wenn lang geförderte Künstlerinnen und Künstler, die international renommiert sind, etwa die Choreographin Paula Rosolen oder die Tabori-Preisträgerin Joana Tischkau, ihre Mehrjahresförderung verlören. Aber, so Hartwig, „es gibt kein Recht auf Förderung“. Die von der Theaterwissenschaftlerin Leonie Otto moderierte Debatte verdeutlichte, was die Szene in Frankfurt vermisst: Weder werde gezielt der Berufseinstieg unterstützt, noch gebe es eine Exzellenzförderung, kritisierten Teilnehmer. Wenn Jüngere in die Mehrjahresförderung aufgenommen würden, fielen dafür ausgelistete etablierte Künstler praktisch ins Nichts. Beratung und Fortbildung fehlten, so der Theaterprofessor Nikolaus Müller-Schöll aus dem Publikum. Auch der Kulturentwicklungsplan, der zu Jahresbeginn veröffentlicht worden war, wurde als zu ungenau kritisiert. Susanne Völker, die Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, hob hervor, was der darstellenden Kunst, etwa im Vergleich zu Museen, fehle: Die Spielorte zu finden, sei meist Teil des Projekts. Die neue Spielstättenförderung soll nun Theater wie das Produktionshaus Naxos, das Gallus Theater oder die Landungsbrücken, an die freie Gruppen für ihre Produktionen andocken, neu aufstellen. Möllendorf legte dar, die freie Szene erreiche weit mehr Publikum als die Städtischen Bühnen, erhalte aber nur einen Bruchteil der Mittel. Eine Öffnung der Bühnen für freie Gruppen ist im Zuge des Neubaus der Städtischen Bühnen mehrfach diskutiert worden.
