Es ist ein ganz anderer George Russell, der nach dem Großen Preis von Aserbaidschan aus dem Silberpfeil steigt. Der achte Sieg im achten Jahr seiner Formel-1-Karriere, er ist ein ganz besonderer. Noch einmal wittert der Brite seine Chance, auf der Zielgeraden einer Saison, die bislang so klar seinem Teamkollegen Kimi Antonelli gehört hat, den Titelfavoriten noch abzufangen. Der Italiener wurde auf den Straßen von Baku Fünfter, was eine sehr ordentliche Schadensbegrenzung von Startplatz 16 aus ist. Russell spricht vom dominantesten Grand-Prix-Wochenende, das er bislang erlebt habe, Antonelli von seinem schlimmsten. Die 66 Punkte, die der 20-Jährige jetzt noch als Vorsprung besitzt, sind immer noch ein ordentliches Polster, ein sehr komfortables. Russell zeigte, wozu er fähig ist Aber der Herausforderer im Mercedes-internen Duell hat sich aus einer beinahe aussichtslos erscheinenden Rücklage befreien können. Russell gelang mit dem Triumph am Samstag hauchdünn vor Max Verstappen und Isack Hadjar (beide Red Bull) ein vor allem für sich selbst wichtiger Kräftebeweis. Dem Turbo im Auto fehlte am Ende etwas der Boost, aber Russells Nerven haben gehalten nach seinem tadellosen Auftritt am Kaspischen Meer. Löst das etwas Bleibendes aus? Der 28 Jahre alte Rennfahrer, der so bedacht ist auf seine makellose Außenwirkung und dabei gelegentlich etwas altklug über sein Tun referiert, hat den Kampfmodus für sich zurückerobert. Vorbei der gönnerhafte Moment, in dem er seinem Kollegen bescheinigte, bislang lediglich einen Fehler in diesem Jahr gemacht zu haben, beim Crash in der ersten Qualifikationsrunde. Russell musste jetzt jene Brutalität an den Tag legen, mit der er sich seine fünfte Pole Position in diesem Jahr gesichert hat, acht Zehntel Vorsprung auf Charles Leclerc im Ferrari, damit fuhr er in seiner eigenen Liga. Das zeigt ihm, was möglich, zu was er fähig ist. Die Widerstandskraft auf seinem Weg zurück soll zur Superpower im entscheidenden Drittel des Rennjahres werden. Der Funken Hoffnung ist da. Direkt nach der Zieldurchfahrt bedankte er sich für den Beistand seiner Ingenieure in schwierigen Zeiten. Das ist bei aller Höflichkeit auch eine Geste, um den Teamgeist zu stärken und die Techniker hinter sich zu versammeln. Auch zu Beginn der Siegerinterviews verweist er auf die Resilienz: „Ich bin sehr stolz auf die Widerstandsfähigkeit, die ich und mein enges Team von Ingenieuren in den schwierigen Phasen dieses Jahres bewiesen haben, denn es war viel harte Arbeit nötig, um einige Herausforderungen zu meistern und meinen Fahrstil besser an dieses neue Auto anzupassen.“ Wer ist kaltblütiger? Den wichtigsten persönlichen Erfolg hat er damit schon hinter sich: „Ich habe auch in den harten Momenten nie das Vertrauen in mich selbst verloren, weil ich wusste, dass ich das Fahren nicht über Nacht verlernt haben kann und dass ich wieder zu mir zurückfinden würde. Jetzt fühlt sich vieles wieder intuitiver an.“ Die persönliche Wende ist das eine. Aber die Chance des WM-Zweiten nach drei Podiumsplätzen in vier Rennen kann nur darin liegen, in der entscheidenden Phase der Saison Kimi Antonelli zu verunsichern. Die Dienstwagen sind mehr oder weniger identisch, bekommen synchron beim nächsten Rennen schon am Sonntag in Malaysia ein aerodynamisches und technisches Upgrade verpasst. Jetzt kommt es auf die Kaltblütigkeit an. Deshalb war der Beweis von Baku, dass er es noch kann, so wichtig für George Russell: „Natürlich lastet da mehr Druck auf ihm als auf mir. Über die letzten paar Rennen hinweg habe ich mich nicht in diesem Titelkampf gesehen, weil meine Leistung einfach nicht stark genug war. Aber inzwischen habe ich wieder das Gefühl, dass ich ganz vorne dabei wäre, wenn die Saison erst nach der Sommerpause begonnen hätte. Aber ich habe nun mal diesen großen Rückstand. Doch der kann sich auch schnell verändern. Deshalb denke ich nicht ständig an die Punkte, sondern versuche, jedes Rennen zu gewinnen.“ Da sprach wieder jener Russell, der den Saisonstart in Australien vor mehr als einem halben Jahr so überzeugend gewonnen hatte. Antonelli ist allerdings keiner, der so leicht einknicken wird. Jetzt gilt es auch für ihn. An Selbstvertrauen herrscht nach acht Saisonsiegen und der veritablen Chance, jüngster Champion in diesem Sport zu werden, bestimmt kein Mangel. Vielleicht hat es auch für ihn wie zur Ermahnung ein Wochenende gebraucht, an dem nicht alles so perfekt laufen kann wie beim Heimspiel in Monza, als er nach einem Motorenwechsel scheinbar mit Leichtigkeit von ganz hinten nach vorn fahren konnte. Erstmals spürt er so richtig, dass für ihn jetzt andere Maßstäbe gelten. „Diesmal hat es sich so angefühlt, als ob ich immer einen Schritt hinterherhinken würde“, sagte Antonelli selbstkritisch, „ich war einfach nicht richtig präsent und bin deshalb auch weniger Risiken eingegangen.“ Deshalb konnte es nur um Schadensbegrenzung gehen, nicht um Attacke. „Ich muss jetzt sicherstellen, dass ich mich beim nächsten Rennen wieder auf meinem richtigen Niveau befinde.“ Spannender als der Zweikampf scheint fast noch, was dieses Ergebnis beim Aufsteiger des Jahres auslöst.
