Die Älteren dürfte das an ein lang zurückliegendes Spektakel erinnern. Jüngere kennen davon noch Bilder: Zur 1200-Jahr-Feier der Stadt Frankfurt balancierte der Artist Philippe Petit 1994 auf einem 300 Meter langen Seil zwischen Paulskirche und Kaiserdom in schwindelerregender Höhe entlang. Rund eine halbe Million Zuschauer verfolgten das mit angehaltenem Atem. Gut, ganz so viele werden es vermutlich nicht werden, wenn am 22. August um 15 und 21 Uhr die beiden Seilartisten Ruben Langer und Gregor Larenz zwischen dem GDA-Wohnstift und dem Mousonturm über ein Seil zum „Spaziergang durch die Lüfte“ aufbrechen. Die Geste ist, endlich, wieder einmal groß. So geht es auch weiter, mit einer internationalen Licht- und Videoshow auf der abendlichen Turmfassade, mit Musik des hiesigen Komponisten Elischa Kaminer dazu. 100 Jahre alt wird zwar nicht das Künstlerhaus, sondern das Gebäude selbst, Frankfurts erstes und bis heute vielleicht schönstes Hochhaus. Der Mousonturm aber feiert am 22. August zu Beginn der Theatersaison mit dem künstlerischen Straßenfest. Vom 20. August an und bis in den Winter hinein soll das Jubiläumsprogramm offenkundig an das anknüpfen, mit dem das Haus bis vor Kurzem verbunden wurde: mit hochkarätiger zeitgenössischer darstellender Kunst und Musik. Nur sind dem Produktionshaus nach Corona, durch steigende Kosten und gestrichene Mittel derart die Lebensadern abgedrückt worden, dass in jüngerer Zeit zu viel Kleinteiliges, zu viele Schließtage und zu wenig Glanz zu erleben waren. Nun gibt es wieder mehr Mittel, die Stadt hat den Zuschuss erhöht, und Bundeskulturstiftung und Kulturfonds sowie weitere Geldgeber sind gewonnen. Es scheint also, endlich, wieder aufwärts zu gehen im Jubiläumsjahr. She She Pop machen den Anfang im Gespann mit der Jungen Deutschen Philharmonie, das Festival „How To Make A Life“ wird im September Größen wie Tim Etchells und Deborah Hay, Eszter Salamon und Wen Hui bringen, es ist gelungen, Mittel für drei Wochen Programm zu gewinnen, die es ermöglichen sollen, jüngere und ältere Gäste miteinander ins Gespräch und dank der „Stadtteilküche“ auch zum gemeinsamen Tun zu bringen. Globales Denken und lokales Handeln zu verknüpfen hat schließlich nicht nur mit dem Kosmetikimperium Mouson zu tun, das vor 100 Jahren den Turm gebaut hat: Es ist genau 50 Jahre her, dass die Stadt das Gebäude erworben hat. Und ein junger Lebenskünstler namens Dieter Buroch, später Intendant des Mousonturms, mit der Gruppe Omnibus dort die ersten Kunstfeste veranstaltet hat.
